Frauen im Boot bringen Unglück

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Eine gewisse Poesie ist dem ja nicht abzusprechen. Junge Männer auf abenteuerlichen Bötchen mit bunten Segeln manövrieren im Abendlicht. Zwischen Oberbaumbrücke und Regierungsviertel suchen sie ihre Schatzinsel – im Wunderland von Daten-Transparenz, globaler Vernetzung und Postgender. Wie bei jeder anständigen Bande – von den Boygroups bis zu den Bünden in der Finanz- und Politwelt – machen (fast) nur Männer mit. Alles Zufall, sagt die Piratenpartei, schließlich sei das Geschlecht in Zeiten von Postgender unerheblich. Ein Piratenfan im Internet ist da schon offenherziger: „Ich glaube, dass die Piraten nur eine Chance haben, wenn sie unter sich bleiben, Jungs wählen Jungs. Frauen auf dem Boot bringen Unglück, das weiß mann doch …!“

Aber stimmt das auch für die neuen Piraten? Die trinken Club-Mate statt Rum, tragen Notebooks statt Säbel und nie würden sie grölen „Wir sind die Herren der Welt, die Könige auf dem Meer“. Sie fühlen sich als die Herren der virtuellen Welt, und dort verbrüdert man sich zart zwitschernd per Twitter-Tweets.

Im September 2011 sind die Piraten überraschend auf einer breiten Welle von fast neun Prozent der Stimmen ins Berliner Abgeordnetenhaus gesegelt. Und nun stellen sie im Crashkurs fest, dass es in dieser Welt jenseits der sieben Worldwidemeere keine Könige gibt, sondern politische Gepflogenheiten und Kulturen, kritische Fragen und Diskussionen. Und sogar, potzblitz, reale Frauen und deren Forderungen nach politischer Teilhabe und gesellschaftlicher Gerechtigkeit.

Da reibt sich der Pirat die Augen, wenn er von seinem Display aufschaut. Dabei ist das, was die 14 Piraten, und, jetzt muss man ganz korrekt sein, die eine Piratin im Abgeordnetenhaus von Berlin mit der neuen Verantwortung anstellen, das eine. Das andere ist die Reaktion der Öffentlichkeit. Warum diese Begeisterung? Was ist das Versprechen der Piraten? Für Männer. Und für Frauen.

Die Piraten stehen für Transparenz und netzfreundliche Politik. Bekannt geworden sind sie mit ihrem Kampf gegen „Zensursula“. Mit diesem Spitznamen verhöhnten sie die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen, die 2009 den Zugang zu Kinderpornografie-Seiten sperren wollte. Schlagzeilen machten sie auch, als der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Jörg Tauss im Mai 2010 nach einer Verurteilung wegen des Besitzes von Kinderpornografie aus der Partei austrat, um ihr „nicht zu schaden“. Die Piratenpartei bedankte sich respektvoll für seine Entscheidung und die bisherige Zusammenarbeit. Zum Thema Kinderpornografie im Internet verliert sie in ihrem Programm übrigens kein Wort.

Als Ende November auf einer offenen Plattform der Piratenpartei die Hackergruppe „Anonymous“ Links zu Pädophilen-Foren einstellte – angeblich in der Absicht, eine Anti-Kinderporno Kampagne zu starten, mussten die Piraten zugeben, das ihre auf Offenheit und Anonymität beruhenden Strukturen einen hervorragenden Raum für pädophile Netzwerke abgeben. Die Bundespartei erstattete Anzeige und erklärte öffentlich, Pädophilie habe in der Partei keinen Platz. Die Diskussion anonymer User im Netz lässt daran leider Zweifel offen. Auf Straßen könnten schließlich auch Bankräuber fahren, meint einer, während ein anderer darüber sinniert, dass Pädophilie uns allen nicht fremd sei. Eine klare Absage an Kinderpornographie sieht anders aus.

Auch fällt unangenehm auf, dass Überläufer aus dem rechten Lager häufig ihre neue politische Heimat bei den Piraten finden. Die politische Unbestimmtheit der Piraten, verbunden mit ihrem rebellischen Gestus gegenüber der etablierten Politik und dem betont freiheitlichen Umgang mit Meinungsäußerungen aller Art, ziehen eben auch dezidiert demokratiefeindliche Kreise an.

Spätestens am Wahlabend war klar: Die Piraten sind eine Männerpartei, und sie werden überwiegend von Männern gewählt. In dieser Debatte kam ein neuer Begriff auf: Post-Gender. Die Piraten sind damit nicht nur im Netz Avantgarde, sondern laut Eigendefinition auch in der Geschlechterpolitik. Das Geschlecht ist für sie nämlich nicht von Bedeutung, weil überwunden.

Altmodische Kategorien wie Frauen und Männer zählen nicht mehr. „Für uns ist diese Unterscheidung zwischen Frauen und Männern nicht mehr zeitgemäß, da wir jeden Menschen abseits von seinem Geschlechtsmerkmal als gleichwertig ansehen“, erklärt der Berliner Landesverband. Wo kein Geschlecht, da keine Geschlechterdiskriminierung. In der Praxis heißt das: Wir sind ein Männerbund wie jeder andere, bloß behaupten wir, das Geschlecht spiele dabei keine Rolle.

Das kommt gut an. Bei den Wählern der Piraten, die überwiegend männlich, jung und gebildet sind, aber auch oft arbeitslos. Die Mischung ist brisant: Junge Männer, die einen Platz in der Gesellschaft beanspruchen, das aber (noch) nicht einlösen können. Da fällt man gern in eine halb regressive, von kindlichen Abenteuerhelden, und halb aggressive, von männlichen Überlegenheitsphantasien geprägte Haltung zurück. Eine Partei, die freien Zugang zum Lieblingsspielzeug verspricht, einschließlich all der gewaltverherrlichenden Ballerspiele und Pornoseiten und der damit einhergehenden virtuellen Verantwortungslosigkeit, kommt da gelegen.

Aber auch die älteren Herren sind begeistert. Der Berliner Tagesspiegel jubelt: Die Piraten seien eine „radikalliberale Partei. Post-Anarchisten. Sie besetzen ein Feld, das von den Grünen und der FDP geräumt worden ist: individuelle Freiheit. Keine Bürokratie, keine Bevormundung, kein staatlicher Perfektionismus.“ Und keine Frauen. Und keine Frauenquote. „An der neuen politischen Kraft, den Piraten, kann man vieles bemeckern, erfrischend ist ihre Post-Gender-Attitüde: Frauenförderung, auch in der eigenen Partei, ist ihnen egal. Ein fast revolutionärer Ansatz.“ Und in der Zeit wird enthusiastisch die Wiederkehr des Geistes von ’68 begrüßt, „der sich im Cyberspace frisch gehalten hat, der die alten egalitären Versprechen einzulösen scheint und die Freiheit des Wortes bedeutet“.

Freiheit, das ist ein großes Versprechen. Gerade geschlechterpolitisch führt es oft zu Missverständnissen. In diesem Fall ist Freiheit meist ein Freibrief für alles, was Männern Spaß macht, auch wenn es mit Beleidigung, Belästigung und Gewalt einhergeht. Die Debatten um Pornografie und Prostitution zeigen, dass Männer gar keinen Spaß verstehen, wenn an ihre Verantwortung appelliert und gar Einschränkungen des anything goes gefordert werden. Auf der entgrenzten Spielwiese des Internets gilt das verschärft. Im Schutz der Anonymität tobt sich jede Spielart der Frauenfeindlichkeit aus. Kritik wird grundsätzlich abgewimmelt mit dem Vorwurf, die Meinungsfreiheit werde eingeschränkt. Das Grundrecht auf Unverletzlichkeit der Würde des Menschen ist den Usern deutlich weniger präsent.

Die Urszene des sozialen Netzwerkes Facebook beispielsweise ist krude sexistisch: Ein Harvard-Student namens Mark Zuckerberg entwickelte eine Website, auf der seine Kommilitonen den Sexappeal ihrer Mit-Studentinnen bewerten dürfen. Seine Freunde kriegten Jobs in der jungen Firma. Männerkumpanei, Geschäft, Elite und Frauenverachtung gehen Hand und Hand. Der Erfolg gibt der Geschäftsidee recht.
Wer sich in Internetforen umguckt, kann nur entsetzt sein über die dort grassierende Frauenfeindlichkeit. Übelste, pornografisch gefasste Frauenverachtung scheint in politischen Foren, etwa zu den Piraten, selbstverständlich zu sein. Dass Frauen sich hier nicht willkommen fühlen, ist gewollt. Sie sind nicht willkommen.

Die Piraten sind nicht das Netz. Doch sie geben einer gesellschaftlichen Gruppe, den intensiven Netzusern, eine Stimme. Und diese Stimme tönt wie die bekannten Männerbünde.

Dennoch werden die Piraten – ungeachtet ihrer Mitglieder aus dem rechten Lager – gemeinhin dem linken Spektrum zugeordnet. Und dort verorten sie sich auch selbst. Im Berliner Abgeordnetenhaus wollten sie zum Beispiel auf keinen Fall auf den Stühlen der nicht im Landtag vertretenen FDP sitzen, da die rechts von der CDU stehen. Forderungen nach mehr Demokratie, nach bedingungslosem Grundeinkommen und Legalisierung von Drogen unterstreichen diesen Eindruck.

Auch die geschlechterpolitischen Teile des Programms klingen auf den ersten Blick progressiv. Gemäß der Logik des Postgender kommen die Begriffe „Frauen“ und „Männer“ nicht vor, aber immerhin steht die Piratenpartei „für eine Politik, die die freie Selbstbestimmung von geschlechtlicher und sexueller Identität bzw. Orientierung respektiert und fördert. Fremdbestimmte Zuordnungen zu einem Geschlecht oder zu Geschlechterrollen lehnen wir ab.“ Mehr noch: „Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der Geschlechterrolle, der sexuellen Identität oder Orientierung ist Unrecht. Gesellschaftsstrukturen, die sich aus Geschlechterrollenbildern ergeben, werden dem Individuum nicht gerecht und müssen überwunden werden. Die Piratenpartei lehnt die Erfassung des Merkmals ‚Geschlecht‘ durch staatliche Behörden ab.“
Das klingt äußerst fortschrittlich. Aber wird in dieser kühnen Theorie die rückschrittliche Realitiät vergessen? Dass der Traum von der Gleichheit der Geschlechter nicht dadurch zu erreichen ist, das man die reale Existenz von Geschlecht überhaupt leugnet oder auszublenden sucht, sollte politisch Agierenden eigentlich bewusst sein.

Kein Wunder also, dass im Schatten der gut gemeinten Geschlechterignoranz handfeste antifeministische Argu­mente aus rechten politischen Kreisen in dieser hippen jungen Szene blühen. Geht man beispielsweise auf die Internetseite der „AG Männer“ der Piraten, so findet man alle Themen der rechten maskulinistischen Szene, vorgetragen im wortgleichen aggressiven Duktus, wieder.

Dort heißt es: „Die AG Männer ist eine Arbeitsgruppe der Piratenpartei auf Bundesebene. Unser Ziel ist es, männerpolitische Forderungen auszuarbeiten und der Piratenpartei zur Übernahme in das Parteiprogramm vorzuschlagen.“ Was bedeutet: Offensiv gegen Quotierungen vorzugehen, die angebliche Benachteiligung von Jungen in der Schule anzuprangern, Männer als Gewaltopfer darzustellen, die Gleichstellungsbemühungen von Frauen als ungerechtfertigte Privilegien zu denunzieren, gegen die angebliche Heroisierung von Alleinerziehenden zu wettern etc.

Die empfohlenen Links führen zu den Seiten der extrem rechtslastigen Männergruppe „Agens“, zu väterrechtlichen Scharfmachern wie „Väteraufbruch“ und „Vaterverbot“ und weiteren einschlägigen männerrechtlichen Akteuren. Nicht eine einzige partnerschaftliche und frauenfreundliche Initiative findet sich unter den Empfehlungen. Die Auswahl und Aufbereitung der Themen folgt vielmehr der antifeministischen Propaganda, wie sie seit Jahren in rechtsintellektuellen Medien wie der Jungen Freiheit verbreitet wird.

Ähnliches gilt auch für Äußerungen von Anhängern der Piraten, die zahlreich im Netz umherschwirren. „Sollen die jetzt die Frauen von der Straße entführen und auf eine Liste setzen?“, reagiert einer empört auf die Kritik am Frauenmangel der Piraten. Ein anderer meint: „Dieses Frau/Mann-Schubladendenken ist noch ein Relikt aus der Steinzeit. Aber wer es braucht …“, und ein dritter freut sich: „Wurde aber mal wirklich Zeit, dass diese quälende Frauenbevorzugung mal von wenigstens einer Partei nicht unterstützt wird.“ Ein anderer konstatiert: „Wir Männer haben lange genug Frauenquoten und Genderblabla ertragen müssen. Es ist befriedigend, wenn eine Partei dieses Pflichtprogramm nicht auch noch absolviert.“

Krass sexistische Stimmen fehlen im Chor leider auch nicht: „Statt über Datenschutz sollte lieber über Esoterik & das geheime Wissen von Frauen mit Hängebusen debattiert werden. Dann kommen auch mehr Frauen zur Partei. Ganz besondere Frauen!“. Und einer „wettet einen benutzten String-Tanga“ darauf, dass dem Vorwurf der Frauenfeindlichkeit auch noch der des Rassismus folgen werde.

Die AG Männer und diese Stimmen bilden nur einen Teil der Piratenrealität ab. Das Propagieren von verantwortungsfreier Selbstentfaltung im Internet – idealisiert als radikale Liberalität – mit einer nur mühsam als Geschlechterneutralität verbrämten Frauenfeindlichkeit weiter Teile der Piratenschaft, wirkt jedoch wie eine Einladung an die antifeministische Rechte.

Und was sagen die Piratinnen selber? Die Quote ist für die allermeisten tabu – damit würden sie den Toleranzraum ihrer Partei zweifellos überschreiten. Die Piratin Julia Schramm hat in der Partei eine „Informelle Vereinigung der Piraten mit zwei X-Chromosomen“, vulgo: Piratinnen, gegründet. Um die zwanghafte Zuschreibung von Geschlecht zu vermeiden, greift man hier also auf biologische, um nicht zu sagen biologistische Konstruktionen von Geschlecht zurück. Das Verständnis von Demokratie ist leider ebenso um die Ecke gedacht. Für sie gehe Demokratie vor Quote, teilte Julia Schramm der tageszeitung mit. Als stünde nicht die Quote im Dienste der Demokratie schlechthin! Immerhin hat sie den Mut, überhaupt die Anliegen der ­Piraten mit zwei X-Chromosomen zu thematisieren und diese ernsthaft zu diskutieren.

Ähnlich wie Piratin Leena Simon, die vor zwei Jahren eine Mailingliste für weibliche Mitglieder initiieren wollte, es aber wegen der wütenden und hämischen Reaktionen unterließ. Beliebt macht man sich anders bei den Herren.

Marina Weisband etwa, politische Geschäftsführerin der Piraten, wählt angesichts der anhaltenden Diskussion in der Öffentlichkeit um das Demokratiedefizit in der Partei den Weg der Veralberung. „Ich prangere diese Unterleibsschmerzen an“, twittert sie. „Sie sind sexistisch und von keiner Stelle legitimiert“.

Das klingt erstmal sehr lustig. Doch es bleibt zu befürchten, dass es auch den 2X-Piraten nicht erspart bleiben wird, ihre Position in der Partei in echten Auseinandersetzungen mit den 1X1Y Piraten zu erkämpfen. Postgender ist übermorgen.

Die Autorin ist Leiterin der „Geschäftstelle Gleichstellung“ im Berliner Senat. Von ihr erschien u.a. „Die männliche Nation. Poli­tische Rhetorik der  neuen intellektuellen Rechten".

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