Protest: Slutwalks in Deutschland

Das erste Mal seit Jahrzehnten gehen in Deutschland Frauen gegen sexualisierte Gewalt auf die Straße – und das in mehreren Städten gleichzeitig. Die so genannten „Slutwalks“ (Schlampenmärsche) haben ihren Ursprung in Toronto. Der Auslöser: In einem Vortrag über öffentliche Sicherheit an der Osgoode Hall Law School hatte Polizeioffizier Michael Sanguinetti im Januar gesagt: „Um nicht vergewaltigt zu werden, sollten Frauen darauf achten, nicht wie Schlampen angezogen zu sein“. Am 3. April gingen daraufhin mehrere Tausend DemonstrantInnen gegen Vergewaltigungsmythen in Toronto auf die Straße. Seitdem gab es nicht nur zahlreiche NachahmerInnen in den USA, Australien, Großbritannien und sogar Indien. Sondern es ist auch viel diskutiert worden über das Für und Wider der Bewegung, die das Wort „Schlampe“ neu definieren will und – so präsentieren es zumindest die Medien – bei der Forderung nach sexueller Selbstbestimmung in Strapsen und BH auftritt.  EMMA hat mit der Autorin und Musikerin Kerstin Grether aus dem Berliner Slutwalk-Orgateam darüber gesprochen, warum sie selbst keine Schlampe sein will – und trotzdem mitmacht.
 

EMMA Was hat dich persönlich dazu bewegt, den Slutwalk nach Berlin zu holen?
Kerstin Ich habe selbst Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gemacht, und hatte immer das Gefühl: Darüber kannst du höchstens mit deinen Freundinnen reden. Bei den Slutwalks ist das anders. Die Frauen tragen ihre Geschichten auf die Straße. Sie kommunizieren sie über ihre Plakate. Als ich die Bilder aus Toronto gesehen habe, dachte ich: Das ist das, was auch ich schon lange denke, aber nie gewagt habe, auszusprechen. Es geht mir also überhaupt nicht darum, halbnackt durch die Straße zu laufen. Um ehrlich zu sein bin ich von dem Style der Frauen manchmal selbst ein bisschen schockiert.

Was ja auch der Hauptkritikpunkt an den „Schlampenmärschen“ ist.
Wir sind hier in Berlin auch nicht glücklich mit dem Wort Schlampe. Wir haben sogar kurz überlegt, das Ganze umzubenennen. Aber es wäre doch wirklich komisch, wenn Slutwalks nur in Deutschland einen anderen Namen hätten. Deshalb sind wir dabei geblieben. Das ist das eine. Zum anderen geht es ja genau darum den Begriff Schlampe zu entlarven, umzudeuten und damit gezielt gegen Vergewaltigungsmythen vorzugehen. Mir geht es vor allem darum, dass die Opfer endlich ernst genommen werden. Ich glaube, dass durch die Fälle Kachelmann und Strauss-Kahn vielen Frauen erst bewusst geworden ist: Als Vergewaltigungsopfer hast du vor Gericht keine Chance...

...obwohl in Vergewaltigungsverfahren die Zahl der Falschanschuldigungen so gering sind, wie bei keinem anderen Delikt.
Das soll in großen Buchstaben auf einem unserer Plakate stehen: Bei Vergewaltigungsverfahren handelt es sich bei nur maximal drei Prozent der Fälle um eine Falschanschuldigung.

Es geht ja am Samstag nicht nur um sexuelle Gewalt, sondern auch um alltäglichen Sexismus und Pornografisierung.  
Ja, die Märsche sind natürlich auch ein Phänomen, das wichtig gegen den pornografisierten Zeitgeist ist. In der Popkultur zum Beispiel sind Sexismus und Pornografie zur Verkaufsstrategie geworden. Die Menschen sind abgestumpft, sie merken gar nicht mehr, wie stark diese Bilder sie beeinflussen. Die Grenze zwischen dem, was Frauen Spaß macht, und dem, was sie nur machen, weil sie denken, sie müssen es tun, verwischt. Wenn es um Sexualität geht, sind Frauen oft Objekt, nicht Subjekt. Und ganz ehrlich: Sexyness hat doch nichts mit High Heels und Strapsen zu tun.

Wer die Medienberichterstattung über Slutwalks verfolgt, hat das Gefühl, dass genau dieses Bild in der Öffentlichkeit ankommt.  
Wir merken auch, dass sich die Medien vor allem auf das Thema halbnackte Frauen stürzen. Erst gestern hatten wir ein Interview, in dem wir nur gefragt wurden: Was glaubt ihr, in welchen Outfits kommen die Menschen nach Berlin? Als ginge es um eine Modemesse, nicht um eine Demo. Andererseits bin ich mir nicht sicher, ob die ganze Bewegung so eine Schlagkraft gehabt hätte, wenn sie nicht mit dieser Sensationslust verknüpft wäre. Wenn sie nicht so provokant wäre. Es ist natürlich genau so bedenklich, wie weit die Sexualisierung schon fortgeschritten ist, wenn wir Frauen und Männer an diesem Punkt abholen müssen, damit sie überhaupt auf die Straße gehen.

Und die Fotos von den bisherigen Slutwalks zeigen ja auch, dass der größte Teil der Frauen sowieso in ganz normalen Klamotten demonstriert.
Ja, es ist es deshalb ganz wichtig, dass keine das GefĂĽhl hat, sie muss einem bestimmten Dresscode entsprechen. Ganz im Gegenteil: Alle sollen kommen, wie sie wollen.

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