Schützen Schwestern

Die Majoretten dürfen repräsentieren - schießen dürfen sie nicht. FOTO: Sabine Nölker
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Einmal im Jahr herrscht in beschaulichen Dörfern ein paramilitärischer Ausnahmezustand. Straßen werden gesperrt, Uniformen und Gewehre werden aus dem Schrank geholt, es wird in Reih und Glied marschiert, die lokale Brauerei stellt um auf Hochbetrieb. Horrido, es ist Schützenfest!

In diesem Jahr jedoch ging auf etlichen Schützenfesten der Republik die Angst um. Nicht etwa vor Hopfen-Engpässen, Gott bewahre, sondern vor: Frauen und Mädchen, die Teil des Brauchtums werden wollen. Denn Landauf Landab haben immer weniger von ihnen Lust dazu, den Schützenbrüdern zuzujubeln und mitarbeitendes Beiwerk zu sein.

Die Majoretten: Tradition ist kein Schutzschild für Ausschluss!

So zum Beispiel in Twistringen im Landkreis Diepholz. Dort wollten die Majoretten – Tänzerinnen, die Spielmannszüge begleiten - nicht mehr nur um die Schützenbrüder herumtanzen, sondern die Vollmitgliedschaft im Schützenverein. Das heißt: auf den Vogel schießen, im Festumzug marschieren und in den Genuss sonstiger Vorteile des Vereinsleben kommen dürfen. Dazu bedarf es jedoch einer Satzungsänderung. Und die kommt in einem Verein nur durch eine Abstimmung mit einer Dreiviertelmehrheit in Gang. Ergebnis der Abstimmung in Twistringen: 69 Prozent stimmten dafür, 31 dagegen. Konsequenz: Keine Frauen unter Schützenbrüdern. Konsequenz der Majoretten: Tschüssikowski Schützenverein.

Die Tänzerinnen haben prompt und geschlossen ihren Austritt erklärt. Majorette Nina Schütte scharf feministisch: „Wir sind gut genug, um aufzutreten, um zu repräsentieren, aber Mitglied sein dürfen wir nicht?! Gleichberechtigung heißt gleiches Recht. Tradition ist kein Schutzschild für Ausschluss!“

Die Ex-Majoretten gehen noch einen Schritt weiter: „Frauen sollten aus Solidarität aufhören, sich rund um das Schützenfest ihrer Männer zu kümmern, Kaffee zu verkaufen, Hemden zu bügeln und im Anschluss die Bude zu putzen!“

Ein ganz ähnliches Horrido erlebten die Schützenbrüder in Wildeshausen im Landkreis Oldenburg. Dort gibt es neben dem traditionellen „Gildefest“ ein Kinderschützenfest. Schießen dürfen aber ausschließlich die Jungen. Die Mädchen dürfen in weißen Kleidern und mit weißen Schirmen Ehrendame spielen und dem Kinderkönig die Ehrenkette putzen.

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Seit zwei Jahren setzt sich die Initiative „Gilde für alle“ dafür ein, dass nun auch Mädchen beim Kinderschützenfest schießen dürfen. Ohne Erfolg. Die Wildeshausener Schützengilde blieb hart, klare Abstimmung: Nur Männer am Gewehr!

In diesem Jahr hat „Gilde für alle“ nun eine Parallelveranstaltung auf die Beine gestellt: ein Maissäckchen-Werfen für Mädchen. Ein kleiner Sack aus Mais muss auf ein Brett mit einem Loch geworfen werden und möglichst das Loch treffen. Das Fest kam prima an, guter Kuchen, gute Stimmung, lokale Medien berichteten. Das könnte doch zur Tradition werden. Oder? Denkste!

„Eine Gegenveranstaltung zu machen, das finde ich nicht akzeptabel“, tönte der Oberst der Wildeshausener Schützengilde in der Kreiszeitung. Erst werfen sie mit Maissäckchen, dann wollen sie demnächst wohl auch noch schießen, so die Befürchtung. Könnte passieren.

Rund 15.000 Schützenvereine gibt es in Deutschland. In den moderneren Sport-Schützenvereinen sind bereits viele Frauen aktiv. Auch Schützenvereine, die für ihr Weiterbestehen um Mitglieder ringen müssen, haben ihre Tore großzügig den Frauen geöffnet. In den katholisch geprägten Schützenvereinen allerdings, wie etwa in Niedersachsen oder im Münsterland, ist das Schießen auf den Vogel für Frauen tabu. Noch.

Denn rechtlich gesehen ist das heikel. Vereine, die Frauen ausschließen, riskieren damit ihre Gemeinnützigkeit, weil sie gegen den verfassungsrechtlichen Gleichheitsgrundsatz verstoßen.

Wo eine Klägerin, da eine Richterin. Horrido!

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