Wütende Schweizerinnen
In violetten T-Shirts und mit lauter Musik zogen am Sonntag Tausende Frauen in der Schweiz durch die Straßen, um gegen Femizide und Männergewalt zu protestieren. Das „Feministische Streikkollektiv“, das den Streik organisiert hatte, stellte drei Forderungen auf: „Kostenlose Gesundheitsversorgung für alle“, „Arbeitszeitverkürzung auf 25 Stunden pro Woche bei vollem Lohnausgleich“ und die „Vergesellschaftung des Wohnraums“.
Der Frauenstreik ist die größte Kundgebung für Frauenrechte in der Schweiz - aus deutscher Perspektive ein großartiges Zeichen von Frauensolidarität, das hierzulande wohl kaum auf die Beine zu stellen wäre.
Der "Frauenstreik" hat an Schlagkraft verloren, seit er "Feministischer Streik" heißt
Schweizerinnen selbst hingegen sehen ihren Frauenstreik zunehmend kritischer. Besonders seitdem er nicht mehr „Frauenstreik“ heißen darf. 2023 wurde er in „Feministischer Streik“ umbenannt. Hintergrund: Identitätspolitische Kräfte wollten auch intergeschlechtliche, nicht-binäre, trans, agender und queere Personen sichtbar machen. Die Umbenennung sorgte 2023 für eine große Kontroverse unter den Schweizerinnen und wurde unter Feministinnen als „unüberbrückbare Spaltung“ empfunden, hieß es in den Medien.
Besonders unter jenen Frauen, die 1991 beim ersten legendären Frauenstreik der Schweizer Geschichte mitgelaufen sind, sorgte der "Feministische Streik" für Kontroversen. Denn die trauten sich wirklich was.
"Tausende von Frauen. Überall! Ich konnte es fast nicht glauben. Mir kamen die Tränen.“ So beschrieb die im letzten Jahr verstorbene Christiane Brunner rückblickend den 14. Juni 1991. Die bekannte Politikerin und Gewerkschafterin hatte den Streik damals initiiert. Ob die Frauen tatsächlich ihre Arbeit niederlegen würden, wusste sie nicht. „Wenn Frau es will, steht alles still“, lautete das Motto damals. Und so war es auch. Die Schweiz stand still. Die Frauen kamen, zu Tausenden. Der 14. Juni 1991 veränderte das Land. „Eine halbe Million Frauen war auf der Straße, es war magisch!“, sagte Brunner im Rückblick.
Knapp 30 Jahre nach dem ersten Streik wurde 2019 zum zweiten Schweizer Frauenstreik aufgerufen. Auch der wurde ein voller Erfolg und trieb erneut die halbe Million Frauen auf die Straße. Diese Wucht euphorisierte die Schweizerinnen. Bei den Wahlen im Herbst 2019 wurden so viele Frauen ins nationale Parlament gewählt wie nie zuvor.
2023 und 2026 dann der „Feministische Streik“, der nicht mehr an die Schlagkraft der beiden vorherigen Streiks anknüpfen konnte und maximal 100.000 Frauen schweizweit auf die Straße trieb.
„Aus Angst, jemanden nicht zu berücksichtigen, fallen die hinten rüber, um die es eigentlich geht“, sagt Olivia Frei, die Geschäftsführerin der "Frauenzentrale Zürich". Gestern seien auch viele „Free Palestine-Aktivistinnen“ mitgelaufen, linke Parteien und Gewerkschaften hätten sich an den Streik gehängt. Gestreikt werden musste auch gar nicht erst, da der Streiktag auf einen Sonntag fiel.
„Dieser Kampftag von einst, für den jede Schweizerin eingestanden ist, ist zu einer Plattform für alles Mögliche geworden“, klagt Olivia Frei.
Nichtsdestotrotz begrüßen auch die Feministinnen der Frauenzentrale Zürich, dass es noch immer viele engagierte Frauen gebe, die mitlaufen. In der Ostschweiz in Thurgau seien zum Beispiel Frauen für ein Frauenhaus mitgelaufen, das es dort noch immer nicht gibt. Es gibt sie noch, die wütenden Frauen - die für Frauen auf die Straße gehen.

