S.C.U.M.: Die Vernichtung

29 Jahre nach der Tat wird Valerie Solanas, die Frau, die auf Andy Warhol schoss, zur Filmheldin, brillant verkörpert von Lily Taylor. Regisseurin Mary Harron erklĂ€rt selbst, warum sie einen Film ĂŒber die Autorin von S.C.U.M. und ihr "Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der MĂ€nner" drehte.
Die Frage, die mir zu meinem Film "I shot Andy Warhol" (Ich schoss auf Andy Warhol) am hĂ€ufigsten gestellt wird, ist die, seit wann ich mich ausgerechnet fĂŒr Valerie Solanas interessiere. Darauf kann ich ziemlich genau antworten. Es muss 1987 gewesen sein. Andy Warhol war kurz zuvor gestorben und ich hatte gerade fĂŒr die BBC einen Dokumentarfilm ĂŒber sein Leben fertig gedreht. Ich war im Londoner SĂŒden auf dem Weg zur Arbeit und warf im Vorbeigehen einen kurzen Blick in das Schaufenster der Brixtoner Buchhandlung.
An diesem Morgen blieb ich ĂŒberrascht stehen und wollte meinen Augen nicht trauen. Dort lag doch tatsĂ€chlich eine Ausgabe des "S.C.U.M. Manifesto" aus. Über dieses Pamphlet wusste ich bescheid - zumindest dachte ich das damals. Valerie Solanas, diese VerrĂŒckte, die auf Warhol geschossen hat, war GrĂŒnderin und einziges Mitglied einer Organisation namens "Society for Cutting Up Men", S.C.U.M. (Gesellschaft zur ZerstĂŒckelung von MĂ€nnern - "scum" bedeutet gleichzeitig "Abschaum"). Doch gelesen hatte ich ihre Schrift nie.
Ich ging also rein, kaufte mir ein Exemplar und begann, noch in der U-Bahn zu lesen - eine LektĂŒre, die mein Leben verĂ€nderte. Kein Buch hatte mich je so angerĂŒhrt und erschĂŒttert.
Das S.C.U.M. Manifest ist eine SchmĂ€hschrift, die auf 50 knappen Seiten den MĂ€nnern die Schuld an jedem Übel der modernen Welt gibt. Doch der Ton dieser Hasstirade ist kĂŒhl, logisch und sehr komisch. Eine brillante Satire - so als hĂ€tte Oscar Wilde beschlossen, Terrorist zu werden. FĂŒr meinen Warhol-Film hatte ich Dutzende von Zeitzeugen zu den HintergrĂŒnden von Solanas Attentat befragt und Berge von Berichten gelesen. Niemand hatte erwĂ€hnt, dass Valerie Solanas Talent und einen ausgeprĂ€gten Hang zur Komik hatte.
Solanas` Schrift verkĂŒndet den totalen Krieg zwischen MĂ€nnern und Frauen, und zwar eine echten Krieg, weil die Geschichte bewiesen habe, dass die MĂ€nner zu einem menschlichen Leben weder willens noch fĂ€hig seien. Solanas eiskalte Abhandlung des Ist-Zustandes mĂŒndet in den Vorschlag, die MĂ€nner auszurotten, um endlich mit dem Aufbau einer menschlichen Gesellschaft beginnen zu können.
Valeries hĂ€rtestes Urteil richtet sich jedoch gegen Frauen: gegen die Kollaborateurinnen der MĂ€nnerherrschaft, diese "passiven, geschwĂ€tzigen Daddy-Girls, die immer nur nach dem Beifall der MĂ€nner gieren, sich von ihnen wie brave HĂŒndinnen tĂ€tscheln lassen und sich jedem dahergelaufenen StĂŒck MĂŒll bereitwillig unterordnen".
Wer war Valerie Solanas? Ich beschloss, ihre Geschichte zu recherchieren. Das war nicht einfach, denn sie hatte nur wenige Spuren hinterlassen. Ihre Familie schwieg, und den Behörden war kaum etwas bekannt. Als Valerie nach der Schießerei im Juni 1968 verhört wurde, sagte sie sowohl der Polizei als auch den psychiatrischen Gutachtern, sie sei am 9. April 1940 geboren. Danach wĂ€re sie zum Zeitpunkt des Attentates 28 Jahre alt gewesen. TatsĂ€chlich war sie aber 32. Diese vier Jahre sind entscheidend: Valerie Solanas war kein Produkt der Studentenrevolte der 60er, sondern ein Kind der spießigen 50er Jahre.
1936 in Atlantic City, New Jersey geboren, kam Valerie 1954 aufs College. Nicht im Aufbruch der Kennedy Ära, sondern im Muff der Ära Eisenhower machte sie an der UniversitĂ€t of Maryland ihr Psychologie-Diplom. Was das fĂŒr eine Frau wie sie bedeutet haben muss, wird auf einem Gruppenfoto von 1958 deutlich. Die Studentinnen sind von jenem eigentĂŒmlichen hausbackenen 50er-Jahre-Look geprĂ€gt: Bubikragen, Twinset, Perlenkette, Dauerwelle und ein kerngesundes LĂ€cheln auf den Lippen - zwischen ihnen Valerie in einem derben Flanellhemd und Overall, finster blickt sie in die Kamera.
Die beiden Psychiater, die Valerie Solanas nach dem Attentat untersuchten, kamen in ihrem Gutachten zum Ergebnis, dass die TĂ€terin "eine ziemlich traurige Kindheit gehabt haben, muss: geprĂ€gt von einem zerrĂŒtteten Elternhaus, sexuellem Missbrauch durch den Vater und hĂ€ufige Unterbringung des MĂ€dchens außerhalb der Familie". Valerie beschrieb sich selbst als wildes MĂ€dchen, das Ladendiebstahl normal fand und mit 13 "schon viele sexuelle Erfahrungen" gesammelt hatte. Mit 14 kam sie in ein Internat, was sie selbst als ihre Rettung empfand, zumindest zeitweilig. Jahre spĂ€ter erzĂ€hlte sie ihrem Verleger Maurice Girodias, das einzige Mal, dass sie sich jemals verliebt habe, sei in eine MitschĂŒlerin im Internat gewesen. An der Uni hieß es spĂ€ter, sie sei lesbisch. Einem Studienkollegen erzĂ€hlte sie, dass sie sich ihr Studium durch Prostitution finanziere.
Um 1968 lebte das MĂ€dchen aus der Provinz ein Boheme-Leben im New Yorker Greenwich Village, scheinbar. Doch gab es Zeiten, in denen Valerie, die auf den Straßen und in den CafĂ©s ihr "Manifesto" im Handverkauf anbot, kein Dach ĂŒberm Kopf hatte und sich von den Resten ernĂ€hrte, die andere im Fast-Food-Imbiss auf den Tellern hinterließen. Wenn es mit dem Schnorren nicht klappte, ging sie auf den Strich.
Eines Tages traf Solanas auf Andy Warhol, und bald darauf war sie öfter Gast in seiner "Factory", dieser Kunst-Kommune, in der der damals schon weltberĂŒhmte Warhol mit einem Dutzend Frauen und MĂ€nnern lebte: Mitarbeitern, MĂŒĂŸiggĂ€ngern. Was interessierte sie so an dem gefeierten Pop-KĂŒnstler? Seine Kunst war es wohl kaum - was sie schrieb, war viel politischer als das, was Warhol malte. Sie hatte dort offenbar eine Chance fĂŒr sich entdeckt - oder doch zumindest den Anflug einer Chance, die es sonst nirgends fĂŒr sie zu geben schien.
Gerard Malanga, in den Glanztagen der "Factory" Warhols "persönlicher Assistent", beschreibt Solanas rĂŒckblickend als "Randperson". SchĂŒchtern und isoliert sei sie gewesen, selten habe sie mit den anderen Mitgliedern der Factory-Belegschaft ĂŒberhaupt ein Wort gewechselt: "Sie war nur darauf aus, mit Andy unter vier Augen zu sprechen, was ihr gegen alle WiderstĂ€nde immer wieder gelang". Sie wollte von ihm nur eins: Er sollte ihr TheaterstĂŒck produzieren, "Up Your Ass" (sinngemĂ€ĂŸ "leck mich").
Valerie vertraute dem durchaus interessierten Warhol ihr einziges Manuskript an. Und wie so vieles, verschwanden die Papiere im Chaos der Factory - mit katastrophalen Folgen: In dem Maß, in dem Valerie spĂ€ter unter Wahnvorstellungen litt, wuchs ihre Überzeugung dass Warhol ihr das StĂŒck regelrecht gestohlen habe.
Der Filmemacher Paul Morrissey, dessen Stern damals gerade am Factory-Himmel geboren wurde, verachtete Valerie. Als ich ihn fragte, warum Andy sich wohl die Zeit fĂŒr ZwischengesprĂ€che mit ihr nahm, wenn sie so widerwĂ€rtig war, bot er mir die aufschlussreichste Lesart der Beziehung Solanas/Warhol, die ich je gehört hatte: Andy habe sich in Valerie wiedergespiegelt.
In der Tat waren Gemeinsamkeiten betrĂ€chtlich: Beide waren katholisch, beide stammten aus Arbeiterfamilien und verbrachten ihre Kindheit in Armut. Beide waren Außenseiter und waren dafĂŒr an der Schule gequĂ€lt worden. Und - vielleicht das Wichtigste - beide hatten dem Sex abgeschworen, wenn auch aus (scheinbar?) gegensĂ€tzlichen Motiven: Valerie, weil sie zuviel davon erlebt hatte, Andy aus Desinteresse. Valeries Ablehnung galt nicht der SexualitĂ€t an sich, sondern ihrer Funktion im Machtkampf zwischen MĂ€nnern und Frauen. Ihr Hass galt den psychischen und emotionalen BedĂŒrfnissen, die Frauen mit ihrer SexualitĂ€t verknĂŒpfen und die ihr nichts anderes schienen, als weibliche SchwĂ€chen, AbhĂ€ngigkeit und Niederlage. FĂŒr Valerie war sexuelle Liebe ein trojanisches Pferd, das die Frauen endgĂŒltig besiegt.
Im Jahr 1967 hatte Valerie einen Mann getroffen, der ihr Schicksal mindestens ebenso bestimmen wĂŒrde, wie Warhol: den französischen Verleger Maurice Girodias. Sie lebte damals in einem Billigappartment im Hotel Chelsea, einer berĂŒchtigten KĂŒnstler-Absteige, Girodias in einer Suite. Sie sprach ihn an, mit Erfolg. Der Verleger und die Schriftstellerin verstanden sich auf Anhieb: Sie liebten Worte und verstanden sich als subversive VorkĂ€mpfer gegen das Establishment. Dass er neben der Undergroundliteratur auch Pornografisches verlegte, bzw. die oft pornografisch war, wird sie kaum ĂŒberrascht haben.
In seinem Vorwort zur ersten Auflage des S.C.U.M. Manifests schrieb Girodias: "Schon der Titel ihres StĂŒcks, `Leck mich`wies die Autorin als BilderstĂŒrmerin aus, und das war mir sympathisch. Und ich muss gestehen, dass mir darĂŒberhinaus ihre Theorien, soweit ich sie verstanden habe, ebenfalls einleuchteten." Im August unterschrieben sie den Vertrag, mit dem sie die Rechte an ihn verkaufte. Er zahlte ihr dafĂŒr 500 Dollar Vorschuss und versprach ihr weitere 1.500 Dollar in Raten.
Kurze Zeit spĂ€ter ĂŒbernahm Valerie eine Rolle in dem Warhol-Film "I, A Man". Der Auftritt, in dem sie sich selbst spielt, gelang ihr. Sie forderte eine Erhöhung ihrer geringen Gage, weil sie sich von Warhol ausgenutzt fĂŒhlte. Sie ließ nicht locker mit ihren Anrufen. Zu Warhols Entsetzen fand sie sogar seine Ggeheimnummer heraus. Nun kam die bewĂ€hrte Factory-Maschinerie in Gang und entledigte sich der Unbequemen, indem man sie ignorierte und ausschloss.
Als Valerie Solanas im Herbst 1967 auch noch aus dem Chelsea Hotel rausflog, begann sie an eine Konspiration von Warhol und Girodias zu glauben. Außer sich vor Zorn und Verzweiflung beschimpfte sie Warhol am Telefon als Geier und Dieb. Girodias`amĂŒsierter Kommentar: "Das schien mit keinen Sinn zu machen - sie besaß doch nichts, was irgendjemand hĂ€tte haben wollen."
Am 3. Juni 1968 passte Valerie Solanas Warhol vor den neuen RĂ€umen seiner Factory ab, die in ein Nobelviertel umgezogen war. Sie fuhr mit ihm im Aufzug in sein BĂŒro in den vierten Stock. Dort gab es einen kurzen Wortwechsel. Solanas zog eine 32er Baretta aus einer EinkaufstĂŒte und schoss dreimal auf ihn. Nur eine Kugel traf - mit verheerenden Folgen: Sie durchpflĂŒgte nacheinander Warhols linken LungenflĂŒgel, Galle, Magen, Leber und Speiseröhre, bevor sie durch den rechten LungenflĂŒgel wieder austrat. Dem Polizisten, von dem sie sich eingige Stunden spĂ€ter auf dem Times Square festnehmen ließ, sagte sie: "Er hatte zuviel Kontrolle ĂŒber mein Leben."
Beim Verhör lehnte Valerie die Hilfe zweier AnwĂ€lte ab, die Girodias ihr zur Seite stellen wollte. Girodias nutzte den Skandal, um endlich Solanas "S.C.U.M Manifesto" in seinem Olympia-Verlag zu veröffentlichen. Valerie Solanas wurde zu drei Jahren Haft im "Matteawan State Hospital fĂŒr Kriminelle Geisteskranke" verurteilt und wurde vorzeitig auf BewĂ€hrung freigelassen. In den spĂ€ten 70ern sah man sie öfter auf einer Parkbank am Thompson Square schlafen oder auf einer Mauer am St. Marks`s Place sitzen, schmutzig und verwahrlost.
1985 wurde Warhol in einem Interview gefragt, was nach seinem Tod mit seiner Kunstsammlung geschehen solle. "Ich bin schon tot", war die knappe Antwort des schwerkranken "Papst der Pop-Art". Am 22. Februar 1987 starb er nach einer Gallenoperation im New York Hospital.
Ein Jahr spĂ€ter starb Valerie Solanas - fast so, als seien beider Leben verbunden gewesen. Am 25. April 1988 brach der Hausmeister des Obdachlosenheims in der Mason Street Nr. 56 in San Francisco ihr Zimmer mit einem Dietrich auf: Valerie war mit der Miete im RĂŒckstand und seit einer Woche verschwunden. Der Polizeibericht stellte fest, dass er "die Tote auf dem Boden knieend vorfand. Der Oberkörper lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Bett. Ihr Körper war voller Maden, der Raum mache einen aufgerĂ€umten Eindruck". Todesursache: Erstickungstod durch Lungenemphysem.
Als ich bei den Vorarbeiten zu meinem Film das Obdachlosenheim besuche, hat ein anderer Hausmeister Dienst. Er kann sich noch vage an Solanas erinnern. Einmal musste er in ihr Zimmer und sah sie an der Schreibmaschine tippen. Neben der Maschine habe ein Stapel maschinengeschriebener Seiten gelegen. Woran sie schrieb und was mit dem Manuskript geschah, ist unbekannt.

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