Seyran Ates mit Innenminister Sch├Ąuble
Seyran Ates mit Innenminister Sch├Ąuble

Seyran Ates: Das Kopftuch ist zur Waffe geworden

Ob kleine M├Ądchen im Kindergarten und in der Schule oder Jugendliche in der Oberstufe oder Studentinnen an den Universit├Ąten; ob Lehrerinnen, Polizistinnen, ├ärztinnen, Rechtsanw├Ąltinnen oder Verk├Ąuferinnen und Putzfrauen: Das Kopftuch geh├Ârt abgeschafft! Ganz und gar? Nein, nat├╝rlich nicht.

Jede Frau mag selbst entscheiden, ob sie mit Kopftuch kocht oder einkauft, Feministinnen m├Âgen ein Kopftuch umbinden wie Simone de Beauvoir, bei der Fahrt im offenen Cabriolet mag es ebenso praktisch sein wie bei der Feldarbeit oder bei Renovierungsarbeiten in der Wohnung. Solange das Kopftuch getragen wird, um sich vor Dreck und Schmutz, vor Wind und Wetter zu sch├╝tzen. Bittesch├Ân. Religi├Âse Gr├╝nde jedoch, die im Dienste der Geschlechtertrennung und zur Markierung der Frauen als "das andere Geschlecht", das minderwertigere, das schwache, das verf├╝hrerische Geschlecht dienen, d├╝rfen wir nicht l├Ąnger akzeptieren.

Die Religionsfreiheit hat n├Ąmlich auch ihre Grenzen. Und zwar dort, wo sie mit anderen Grundrechten kollidiert. Hier kollidiert die Religionsfreiheit mit dem Gleichheitsgrundsatz aus Artikel 3 des Grundgesetzes. Bei einer Abw├Ągung der beiden Grundrechte kann man nat├╝rlich zu verschiedenen Ergebnissen kommen. So ist auch der Stand der Diskussion. Die einen sind mehr f├╝r die Religionsfreiheit, die anderen mehr f├╝r die Gleichberechtigung der Geschlechter.

Bisher bin ich davon ausgegangen, dass ich in einem Land lebe, in dem sich der Staat per Verfassung dazu verpflichtet hat, die Gleichberechtigung der Geschlechter zu f├Ârdern und Kinder so zu erziehen, dass sie die Sache mit der Gleichberechtigung der Geschlechter verstehen, respektieren und bestenfalls umsetzen. Dieses Land hat mir als muslimisches M├Ądchen und als Frau das Gef├╝hl gegeben, nicht weniger Wert zu sein, nicht weniger Rechte zu haben als ein Mann. Das wurde mir von meinen deutschen Lehrern und Lehrerinnen beigebracht.

Das Kopftuch aber steht nicht f├╝r die Gleichberechtigung der Geschlechter. Da m├Âgen sich die "Feministinnen" mit Kopftuch noch so verbiegen in ihrer Argumentation; sie k├Ânnen es noch so modern und bunt binden und sich darunter noch so erotisch und sexy kleiden. Das Kopftuch ist die Flagge der Trennung der Geschlechter und der "Andersartigkeit", sprich Minderwertigkeit der Frauen. Es teilt M├Ądchen und Frauen in gute und schlechte. Da hilft es auch nicht, wenn die Kopftuchtr├Ągerinnen immer wieder runter beten, M├Ąnner und Frauen seien vor Gott gleichwertig. Gleichwertig bedeutet eben nicht gleichberechtigt.

Ich will nicht zum tausendsten Mal erkl├Ąren, wie umstritten das Kopftuch auch unter Muslimen und Musliminnen ist. Ich will nicht zum tausendsten Mal Suren zitieren und erkl├Ąren, wozu das Kopftuch im 7. Jahrhundert diente. Und ich bin es leid, immer wieder zu erkl├Ąren, dass das Kopftuch nicht aus Gottgef├Ąlligkeit, sondern dem Mann zum Gefallen getragen wird. Einer ganz besonderen Sorte von M├Ąnnern. M├Ąnner, die ihre Triebe angeblich nicht kontrollieren k├Ânnen. M├Ąnner, die beim Anblick von weiblichem Haupthaar vom rechten Weg abkommen und sich nicht mehr auf das Gebet konzentrieren k├Ânnen. Sie sollen gesch├╝tzt werden vor dem Sex-Appeal der ewigen Verf├╝hrerinnen.

Ich will endlich dar├╝ber sprechen, welche Spannungen und welche Kluft das Kopftuch in unserer Gesellschaft schafft! Und ich will dar├╝ber reden, wie das Kopftuch an Schulen zu einer Waffe der angeblich reinen, anst├Ąndigen Muslime geworden ist.

Nur ein St├╝ck Stoff hei├čt es. Ja, aber was f├╝r ein St├╝ck. Ein St├╝ck Stoff, das ├Ąhnlich wie das St├╝ck Haut, das Jungfernh├Ąutchen, religi├Âse Fanatiker oder unverbesserliche Traditionalisten in eine derartige Rage versetzt, dass sie f├╝r das St├╝ckchen Stoff oder St├╝ckchen Haut bereit sind, zu t├Âten.

Und was ist mit den kleinen M├Ądchen, die auf den Spielpl├Ątzen, auf dem Schulhof und im Strandbad vom Kopftuch daran gehindert werden zu toben, zu schwimmen, zu klettern? Und wenn sie trotzdem spielen oder Fahrradfahren, ziehen und fummeln sie st├Ąndig an dem Kopftuch herum, damit es ja nicht verrutscht und zu viel Haar zu sehen ist. Was ein Stress f├╝r diese M├Ądchen, deren Kindheit so schnell vorbei ist. Was ein Stress f├╝r die Eltern und Br├╝der, die aufpassen m├╝ssen, dass das M├Ądchen das Ding auf dem Kopf beh├Ąlt. Mitunter greifen die "bedauernswerten" Eltern zu drakonischen Mitteln: Sie rasieren dem M├Ądchen einfach den Kopf. Dann sorgt das M├Ądchen schon freiwillig daf├╝r, dass das St├╝ckchen Stoff nicht mehr verrutscht.

Nach dem Verst├Ąndnis dieser Eltern sind ihre T├Âchter gl├╝cklicher als die unehrenhaften, barh├Ąuptig mit Jungs spielenden M├Ądchen. Ihre T├Âchter sind "namuslu", ehrenhaft. Deshalb darf die Tochter, die das Kopftuch tr├Ągt, auch ausgehen und sp├Ąt nach Hause kommen; w├Ąhrend die Tochter, die das Kopftuch verweigert, zu Hause bleiben muss.

Was die Schwester mit dem Kopftuch drau├čen treibt, wei├č kaum jemand. Die M├Ądchen, die das Kopftuch aufsetzen, um mehr Freiheiten zu bekommen, werden immer zahlreicher. Und die Schummeleien unter dem Deckmantel des Kopftuchs werden hingenommen, Hauptsache der Schein stimmt.

Doch was sind das f├╝r Freir├Ąume? Freir├Ąume, die gepflastert sind mit L├╝gen und Sexualpraktiken, die den Schein wahren. Ist das religi├Âs? Hei├čt es nicht: "Du sollst nicht l├╝gen"? Ach ja, das gilt nur f├╝r die Christen, oder was? Sind nicht auch Muslime der Wahrheit verpflichtet? Wie ehrlich sind sie, diese jungen Frauen und deren "muslimischen" Freunde, wenn sie heimlich vorehelichen Verkehr haben und ÔÇô und dann das Jungfernh├Ąutchen vom Gyn├Ąkologen "reparieren" lassen?

├ťber Sex spricht man unter MuslimInnen nicht. Deshalb ist es so wichtig, dass die muslimischen M├Ądchen nicht in den Sexualkundeunterricht in den deutschen Schulen gehen. Schlie├člich will man den Kindern doch nichts in den Kopf setzen. Wichtiger ist es, ihnen was auf den Kopf zu setzen.

Leider haben wir es auf der Islam Konferenz nicht geschafft, eine Empfehlung auszusprechen, das Kopftuch wenigstens f├╝r die Grundschule ganz zu verbieten und entsprechende rechtliche Voraussetzungen zu schaffen. So werden in den n├Ąchsten Jahren wohl weiterhin immer mehr kleine M├Ądchen durch das Kopftuch fr├╝h sexualisiert und trainiert f├╝r ihre Rolle im Leben und in ihrer Gemeinschaft. Damit sie sp├Ąter als stolze Studentinnen sagen k├Ânnen, dass sie das Kopftuch "freiwillig" tragen.

Eines ist klar: Meine heute vierj├Ąhrige Tochter wird weiterhin frei und selbstbestimmt aufwachsen ÔÇô und ganz sicherlich nicht unter ein Kopftuch gezw├Ąngt.

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