Sie spielen um ihr Leben

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„Ich weiß, ich lebe gefährlich“, sagt die 19-jährige Negin Khpalwak (im Foto links) aus Kabul. Aber nichts auf der Welt kann die junge Dirigentin daran hindern, weiter Musik zu machen. Das Wirtschaftsforum Davos hatte sie und die rund 30 Musikschülerinnen des Orchesters „Zohra“ nach Davos eingeladen. Von da ging es nach Zürich und über Berlin am Dienstag ins Schloss Belvedere in Weimar (ab 18.30 Uhr).

Die Taliban sind zwar nicht mehr offiziell an der Macht in Afghanistan, aber sie sind mächtig. Und die Traditionen nicht minder. Danach gilt Musikmachen und Musikhören als „Todsünde“. Entsprechend bedroht wird Negin, nicht nur von Fremden, sondern auch von der eigenen Familie.

Dem Schweizer Tagesanzeiger erzählte die junge Musikerin, wie sie zur Musik kam: „In unserem Dorf gab es keine Schule, also kam ich mit neun Jahren in ein Waisenhaus in einem größeren Ort und besuchte dort die öffentliche Schule. Eines Tages erzählte unser Schulleiter von einer Musikschule in Kabul, die auch Mädchen aufnimmt; wer sich interessierte, konnte eine Aufnahmeprüfung machen. Ich hatte bis dahin noch nie ein Mädchen gesehen, das Musik macht, aber ich wollte es trotzdem probieren."

Negin probierte es heimlich. Auch ihren Eltern hat sie zunächst kein Wort gesagt. „Aber nach der Prüfung waren Ferien, und da kam ein Anruf, ich hätte bestanden. Meine Mutter war ganz aufgeregt: ‚Was soll das heißen, Musikschule?‘ Aber mein Vater hat gesagt: ‚Das ist gut, eine Musikerin in unserer Familie! Ich liebe Musik.‘ Er würde alles für mich tun. Ohne seine Unterstützung hätte ich diesen Weg nie gehen können.“

Ihren Eltern erzählte Negin zunächst
nichts von der Aufnahmeprüfung

In der Tat, der Vater unterstützt die mutige Tochter. „Er hat dafür gesorgt, dass ich schon eine Woche nach dem Bescheid mit der Schule beginnen konnte“, erzählt Negin. „Meine Onkel waren gar nicht einverstanden. Sie haben gedroht, mich umzubringen. Und sie haben meinem Vater gesagt, er sei nicht mehr ihr Bruder. Auch meine Großmutter hat ihn als Sohn verstoßen. Er hat versucht, mit ihnen zu reden, aber es hat nichts gebracht.“

Negin ist das älteste von acht Kindern. Und inzwischen lebt ihre ganze Familie mit ihr in Kabul. Ihr Vater hat dort einen Job als Wärter in der Residenz des Präsidenten gefunden – und Negin ist eine Botschafterin für ein modernes Afghanistan geworden, in dem Frauen Musik machen dürfen. Die 19-Jährige träumt davon, eines Tages das Nationale Sinfonieorchester von Afghanistan zu dirigieren, „mit Männern und Frauen im Orchester“.

In Weimar wird das Mädchenorchester „Zohra“ ebenso traditionelle afghanische Musik spielen wie Beethoven und ein Stück der amerikanischen Komponistin Amy Beach (1867-1944). Sie war die erste Amerikanerin, die eine Sinfonie geschrieben hat. Irgendwann ist es immer das erste Mal.

Konzert am Dienstag, 31. Januar, 18.30 Uhr, im großen Saal des Musikgymnasiums Schloss Belvedere in Weimar. 

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Sonita rappt in Teheran

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Die Afghanin Sonita ist 19 Jahre alt und lebt mit ihren Geschwistern illegal im Iran. Ihr Traum: eine berühmte Rapperin zu werden. Sonita putzt, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Bei einer Flüchtlings-Initiative lernt sie Lesen und Schreiben. Rap-Songs schreiben. Aber: Frauen dürfen im Iran nicht öffentlich als Sängerinnen auftreten, schon gar nicht mit provokanten Rap-Texten.

Und dann reist auch noch ihre Mutter aus dem afghanischen Herat an, sie will Sonita in Afghanistan für 9.000 Dollar als Braut verkaufen. Sonitas Antwort: Sie schreibt einen Song gegen Zwangsverheiratung, „Brides for sale“, und stellt das Musik-Video dazu auf YouTube.

Die iranische Filmemacherin Rokhsareh Ghaem Maghami hat Sonita drei Jahre lang mit der Kamera begleitet und erzählt in ihrem berührenden Dokumentarfilm nicht nur die Geschichte eines talentierten, mutigen Mädchens – sondern auch die von hunderttausenden namenlosen verkauften Bräuten.

„Sonita“, ab 26. Mai im Kino.

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