„Ohne Frauenrechte kein Frieden“

Humaira Rasuli leitet die Frauenrechtsorganisation Medica Afghanistan.
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Humaira Rasuli, in diesem Jahr ziehen die alliierten Truppen aus Afghanistan ab. Wie steht es um die Lage der Frauen?
Es gibt Frauenrechte, aber nur auf dem Papier. Frauen können sich theoretisch bilden. Sie können berufstätig sein. Sie können in der Regierung arbeiten oder Polizistin werden und riskieren dabei sogar manchmal ihr Leben, wie die erschossenen Polizistinnen. Aber ihre tatsächliche politische und gesellschaftliche Rolle wird bis heute nicht ernst genommen und auch nicht ausreichend unterstützt.

Zum Beispiel?
27 Prozent der Parlamentarier sind weiblich. Aber sie haben keinen Einfluss auf die Gesetzgebung. Weil die meisten Parlamentarier Frauenrechte ignorieren oder versuchen, sie zu unterwandern. Frauen arbeiten in den Ministerien, aber ihr Einfluss ist gering. Nicht immer wegen der Grenzen, die Männer ihnen setzen, sondern auch wegen der sowohl zersplitterten als auch zentralisierten Struktur der afghanischen Regierung, die politische Akteure voneinander isoliert und sie abhängig macht von den Entscheidungen der Zentralregierung. Und natürlich dringen die Frauen in eine Vetternwirtschaft ein. Und dann werden sie zu Vertreterinnen dieses Systems, anstatt es zu verändern. Wir haben heute immerhin 1.085 Frauen in der afghanischen Polizei. Und sie versuchen das Beste, um ihre Arbeit gut zu machen. Obwohl sie massive Diskriminierung bis hin zu sexuellem Missbrauch durch ihre männlichen Kollegen erleben. Viele Familien verbieten ihren Töchtern deswegen, für die Polizei zu arbeiten.

Wie sieht der afghanische Alltag aus?
Die Frauen, besonders in den ländlichen Gegenden, kennen ihre Rechte nicht. Es gibt in ihrem Umfeld weder Unterstützung noch Schutz. Zum Beispiel das Scheidungsrecht. Es gibt Fälle, da haben Frauen sich lieber selbst oder ihren gewalttätigen Mann umgebracht, als ihr Recht einzufordern. Andere Frauen trauen dem afghanischen Rechtssystem nicht und suchen erst gar keine Unterstützung, weil sie Angst vor Korruption und weiterer Gewalttaten haben. Es gibt nur eine sehr langsame Veränderung dahingehend, dass Frauen als etwas anderes betrachtet werden als eine Ware, die man kaufen und verkaufen kann. Und deren Wert sich lediglich daraus ergibt, wie viele Söhne sie gebärt.

Sie haben traumatisierte Frauen betreut. Wie sind Ihre Erfahrungen?
Die Mädchen und Frauen kommen zu uns und beschreiben erst mal nur ihre Symptome, Rückenschmerzen oder Kopfschmerzen. Und wir versuchen dann, die Ursachen herauszufinden. Und da geht es meistens um häusliche Gewalt, Zwangsheirat oder Familienkonflikte, die auf den Rücken der Frauen ausgetragen werden. Es dauert oft bis zu einem halben Jahr, bis die Frauen sich trauen, diese Ursachen selbst zu benennen.

Haben diese Probleme zugenommen?
Ja, dramatisch. Der Zugang der Frauen zu Informationen und zum Rechtssystem hat zwar einerseits zugenommen. Aber andererseits werden ihre Fälle völlig falsch behandelt. Wenn es sich zum Beispiel um eine Scheidung handelt, wollen die Frauen meist gar nicht erst vor Gericht gehen. Denn in Afghanistan dürfen Frauen bis heute nicht alleine leben. Das heißt, sie müssen nach der Scheidung zu ihren Familien zurück, die sie dann möglicherweise gar nicht mehr aufnehmen. Im Moment haben wir rund 400 Frauen, die im Gefängnis sitzen. Die Hälfte davon wegen „unmoralischem Verhalten“ und „Ehebruch“. Dabei sind sie vor häuslicher Gewalt und Zwangsheirat geflohen.

Was passiert, wenn die Frauen vor Gericht gehen wollen? Haben sie überhaupt eine Chance?
Wenn eine Frau eine Gewalttat anzeigt, schicken die Polizisten sie entweder zurück zu ihrer Familie. Oder sie melden den Fall bei der falschen Stelle. Viele ignorieren die geltende Rechtsprechung und erkennen gar nicht an, dass Gewalt gegen Frauen eine Straftat ist. Weil es sich in ihrem Denken um eine private Angelegenheit handelt. Manche Polizisten sagen dann: Wieso, ich schlage meine Frau doch auch! Manchmal weigern sich die Frauen auch selbst, die Gewalt zu benennen, weil sie Angst vor den Konsequenzen habe.

Und wie steht es um die Ausbildung der Mädchen?
Ich schätze, dass etwa 2,4 Millionen Mädchen in Afghanistan zur Schule gehen. Aber 80 Prozent davon verlassen sie nach der Grundschule schon wieder. Der Hauptgrund ist der fehlende Schutz für diese Mädchen. Eltern haben Angst, dass ihnen etwas passiert, wenn sie in die Schule gehen. Auch, weil die Mädchenschulen oft schlecht zu erreichen sind. Und es gibt zu wenige Lehrerinnen.

Und das Gesundheitssystem?
Der Zugang hat sich verbessert. Aber die Qualität der Betreuung, die Ausbildung der Kräfte und ihr Verhalten gegenüber den Patientinnen ist ein großes Thema. Wir arbeiten eng mit den Ärzten zusammen. Aber auch die sagen: Es ist doch normal, dass Frauen geschlagen werden. Selbst, wenn die Frauen sich selber anzünden, wird das ignoriert, und wir zählten alleine zehn Fälle im Jahr 2013. Die Ärzte meinen, das ist nicht ihre Aufgabe, sondern die der Polizei.

Was müsste passieren, bevor die Truppen 2014 abziehen?
Die Frauen bekommen heute weder ausreichend Unterstützung von der afghanischen Regierung noch von der Internationalen Gemeinschaft. Dabei sind ohne Frauenrechte weder Frieden noch Entwicklung möglich. Wenn dieser Rollback weitergeht, wissen wir nicht, was mit den Frauen in Afghanistan passiert, wenn die Internationale Gemeinschaft endgültig abzieht. Es muss einen größeren Fokus auf die Frauenrechte geben. Frauen müssten einen gleichberechtigten Einfluss innerhalb politischer Entscheidungsprozesse bekommen. Die Korruption muss enden. Und MenschenrechtsaktivistInnen müssen geschützt werden. Denn sie sind es, die ihr Leben riskieren.

Und Sie persönlich, wie oft sind Sie schon bedroht worden?
Jeden Tag! Es gibt Einschüchterungsversuche, Drohungen, Diskriminierung, alles was Sie sich vorstellen können. In meinem Fall sind es vor allem Einschüchterungsversuche und Drohanrufe. Bisher zum Glück keine direkten Angriffe.

Und wie leben Sie damit?
Um ehrlich zu sein, ist es für mich zur Normalität geworden. Wir kennen unser Risiko, aber wir können nicht voraussagen, was uns passieren wird.

Das Gespräch führte Alexandra Eul

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Afghanistan: Deutschland geht

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54 Bundeswehrangehörige sind im Zinksarg zurückgekommen, insgesamt starben rund 3.000 Soldaten der Alliierten und allein in den letzten sechs Jahren laut UN 15.000 Afghaninnen und Afghanen: Männer, Frauen, Kinder. Und demnächst werden die alten Warlords und Mudjaheddin wieder die Macht ergreifen, davor müssen nicht nur die Frauen zittern. Das ist die Bilanz von zehn Jahren militärischer Intervention des Westens in Afghanistan und dem ersten kriegerischen Einsatz Deutschlands nach 1945. Nichts, worauf wir stolz sein könnten. Im Gegenteil. Doch welche Lehren werden daraus gezogen? Keine. Oder fast keine. In Libyen wird jetzt Al-Qaida gejagt, Tunesien zittert, in dem am Rande stehenden Ägypten weiß der Westen es mal wieder besser – und Syrien scheint nur sehr knapp an einer militärischen Intervention vorbeigekommen zu sein. Immerhin: Kanzlerin Merkel ist anti-interventionistisch eingestellt. Hoffen wir, dass es so bleibt. Übrigens: In Afghanistan ist der Westen damals angeblich einmarschiert, um Bin Laden zu jagen – und um die Frauen zu befreien. Mehr

 

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