Mythos vom fremden Vergewaltiger

Artikel teilen

Der Titel war gewagt: „Nach Köln: Bringen die Flüchtlinge eine Vergewaltigungskultur mit?“ Das hatte sich die Agentur so ausgedacht und ausgeführt: „Dieser Text soll (...) sich der Frage widmen, ob ein Zusammenhang zwischen bestimmten kulturellen/religiösen Hintergründen und sexualisierter Gewalt gegen Frauen existiert.“

Was ist, wenn der Übergriff mal kein Mythos ist – wie in Köln?

Dazu sollte ich einen Text für das Online-Portal der „Bundeszentrale für politische Bildung“ schreiben. Natürlich ging die Agentur davon aus, dass ich die Eingangsfrage verneine. Ein Freund riet mir, den Auftrag abzusagen. „Wie willst du das denn verneinen?“ Ganz einfach: Es ist keine Vergewaltigungskultur, sondern Vergewaltigungspolitik. „Aber willst du wirklich schreiben, dass es keinen Zusammenhang mit dem Islam gibt?“ Nein, aber das können sie auch unmöglich von mir erwarten. Sie wissen doch, was ich dazu schon geschrieben habe.

Ich glaubte tatsächlich, dass die Agentur mich mit Bedacht als Autorin ausgewählt hatte. Das Ganze war schließlich genau mein Thema. Schon vor über 20 Jahren hatte ich angefangen, mich mit sexualisierter Gewalt zu beschäftigen – in Ägypten notgedrungen, denn ich lernte damals Arabisch in Kairo. Das Ausmaß an sexueller Belästigung, das ich dort erlebte, hat mich als 24-jährige Studentin nachhaltig verändert. Ich musste lernen, taub zu werden, sobald ich die Straße betrat, niemals im Taxi vorne einzusteigen und unbeschadet an Menschengruppen vorbeizukommen.

Es gab schon damals ein großes Munkeln: Jeder wusste es. Reiste eine Frau nach Nordafrika, kamen sofort die Warnungen. Aber in Büchern fand ich fast kein Wort dazu.

Die wenigen Erklärungen, die es gab, warfen neue Fragen auf. Eine Erklärung lautete damals, die amerikanischen Serien vermittelten arabischen Männern, weiße Frauen seien leicht zu haben. Aber wenn einer diese Serien für Anleitungen hielt, warum lud er die Frauen dann nicht zum Dinner bei Kerzenschein ein, sondern griff ihnen zwischen die Beine?  

Eine weitere These lautete, der Tourismus hätte die Männer verdorben. Europäerinnen reisten ja oft für ein sexuelles Abenteuer nach Nordafrika. Das stimmt. Aber das erklärte nur, warum man in Touristenorten oft zum Bier eingeladen wurde. Es erklärte nicht das Grabschen, Starren, Zischeln, das fernab der Touristenströme vermehrt auftrat.

Vor allem beschrieben diese Thesen nur das halbe Bild: die Erlebnisse von Europäerinnen. Dabei erging es den arabischen Frauen noch weit schlimmer. Das erlebte ich, wenn ich mit arabischen Freundinnen unterwegs war. Ich hatte dann meine Ruhe, sie hingegen wurden jetzt noch härter belästigt.

Im Libanon habe ich so was kaum erlebt, im Irak, in Syrien oder in Libyen gar nicht. Auf den ersten Blick scheinen es die Massentourismus-Länder Ägypten, Tunesien und Marokko zu sein, in denen das Problem existiert. Doch auch aus Algerien, Saudi-Arabien und dem Iran berichten Frauen von ständigen sexuellen Übergriffen durch Fremde – und dort gibt es kaum bis gar keinen Tourismus. Die Gemeinsamkeit dieser Länder ist nicht der Tourismus, sondern der radikalisierte Islam.

Erst als nach dem „arabischen Frühling“ 2011 breit über sexuelle Gewalt auf Demonstrationen in Ägypten diskutiert wurde, sahen auch arabische Feministinnen die politische Dimension. Der Zusammenhang war nun offensichtlich: In den Moscheen predigten Islamisten, Frauen gingen nur auf Demos, um vergewaltigt zu werden. Viele Demonstrantinnen erkannten in dem Mob, aus dem heraus sie gezielt begrabscht wurden, Anhänger der Muslimbrüder.

Darüber hatte ich schon oft geschrieben und nun schrieb ich es also auch für die „Bundeszentrale für politische Bildung“ – mit Zitaten, Namen und Ortsangaben. Lange erhielt ich keine Antwort. Zwei Monate später kam die Absage: Qualitätskriterien nicht erfüllt. Nachbesserung zwecklos.

Wieder und wieder las ich die E-Mail, dann den ursprünglichen Auftrag und meinen Artikel. Ich hatte den Auftrag exakt abgearbeitet. Ich hatte mich mit rassistischen Orientbildern auseinandergesetzt und die Kulturthese abgelehnt. „Habe ich dir doch gesagt“, sagte mein Freund. „Das wollen sie nicht hören.“

Aber was wollten sie denn hören, wenn sie eine solche Frage stellten?

Meiner Frage hat sich nur die Antonio-Amadeu-Stiftung in einer von der Bundesregierung finanzierten Broschüre gewidmet: „Das Bild des übergriffigen Fremden – Warum ist es ein Mythos?“ Darin heißt es, dass 13 Prozent aller Frauen in Deutschland strafrechtlich relevante Formen sexueller Gewalt erlebt haben. Die meisten davon kennen den Täter. „Der ‚fremde Täter’, der am unbekannten Ort überfällt, gewalttätig und übergriffig wird, ist statistisch belegt eher die Ausnahme“, schreiben die Autorinnen. Daraus folgern sie, dass der Übergriff des Fremden in den meisten Fällen ein Mythos sei.  

Oder in Ägypten, wo 99 Prozent
der Frauen sexuelle Gewalt erlebt haben?

Aber was ist, wenn der Übergriff mal kein Mythos ist – wie in Köln? Zu Köln schreiben sie, es gebe nicht genügend Fakten, Vorverurteilungen seien rassistisch. Das war schon kurz nach der Silvesternacht eine sehr gewagte Behauptung. Heute wissen wir, dass die meisten erfassten Täter aus Nordafrika stammten. Und genau dort ist es ganz anders, als die Stiftung schreibt.  

Nicht für alle Länder gibt es Studien. Aber in Ägypten hat sogar die UN-Frauenorganisation eine durchgeführt. Danach sind nur sieben Prozent der Täter Freunde und Verwandte, weitere zehn Prozent Kollegen. Alle anderen sind Fremde. In dieser Studie geben 99 Prozent der befragten Frauen an, sexuelle Gewalt erlebt zu haben. Darunter 60 Prozent, die angeben, erst kürzlich begrabscht worden zu sein.

Mit diesem Wissen empfinde ich die Broschüre der Antonio-Amadeu-Stiftung zum „Mythos des übergriffigen Fremden“ und auch die Reaktion meiner Agentur als reinen Hohn. Es handelt sich eher um politische Unbildung – ja Verdummung.

Hannah Wettig

Hier geht es zu dem zensierten Beitrag
 

 

Artikel teilen
Alice Schwarzer schreibt

Silvester: die Hintergründe

Artikel teilen

Jüngst war ich in Algerien. Um Freunde zu besuchen. Aber auch, um zu erfahren, wie man das Flüchtlingsdrama und die Silvesternacht eigentlich von Algerien aus sieht. Denn die Horrornacht von Köln wird im Ausland bis heute leidenschaftlich diskutiert: als „Kulturschock“, eine Wende, nach der nichts mehr ist wie vorher. Und in der Tat, auch in Algerien sind die Menschen fassungslos, mehr noch: Es ist ihnen peinlich. Sie schämen sich für ihre Landsleute.

Mounia: "Es ist beeindruckend, wie großzügig Merkel ist - aber ist sie nicht etwas naiv?"

Am Samstagvormittag hatten Kollegen für mich eine Führung in der Kasbah organisiert, der Altstadt von Algier. Die wurde seit dem 16. Jahrhundert von den vor der spanischen Inquisition geflüchteten „Ungläubigen“ und Juden bevölkert. Ihre festungsartigen Häuser, verwinkelten Gassen und Treppen spiegeln die Geschichte des Landes.

Im algerischen Befreiungskampf gegen die französischen Kolonialherren versteckten sich hier in den 1950er Jahren die Resistance-Kämpfer und flüchteten von Dach zu Dach; in den so genannten „Schwarzen Jahren“ in den 1990ern, in denen das von Islamisten angezettelte Massaker 200 000 Menschen das Leben kostete, bildeten Kasbah-Bewohner eine eigene Bürgerwehr und holten nachts die marodierenden und mordenden Fundamentalisten aus den Betten.

An diesem friedlichen Samstagmorgen im April 2016 schien die Sonne, der Himmel über „La Blanche“ war strahlend blau, das Brot duftete, und nur die wenigen Bärtigen, die in langen Fundi-Gewändern durch die Gassen huschten, sahen mich finster an. Alle anderen freuten sich über den Besuch. Denn in das so schöne Algerien mit seinen Traumstränden und dramatischen Landschaften wagen sich heute kaum noch Touristen.

Mounia, meine Führerin, erwartete mich oben auf dem Hügel, neben einem der zerfallenen Paläste mit ihren Harems (in denen die Herrscher sich nicht etwa ein paar Dutzend, sondern jeweils ein paar hundert Frauen hielten). Mounia, arbeitslose Akademikerin, Mitte 40 und Mutter einer inzwischen erwachsenen Tochter, in Hosen, einem leichten Mantel und mit Kopftuch (die Tochter ist unverschleiert), hatte einen sehr selbstbewussten Auftritt. Ihre ersten Worte nach der Begrüßung der Deutschen waren: „Ich bewundere Merkel! Was für eine fantastische Frau! Großartig, wie selbstbewusst sie zwischen den anderen Staatschefs auftritt! Und wie sie angezogen ist! Toll! Was für ein Vorbild für uns Frauen!“

Die Täter der Silvesternacht waren nicht
“die Muslime“ von nebenan.

Ich nahm die Komplimente stellvertretend und dankend entgegen. Und dann ging es los, durch die Gassen und auf die Dächer (auf denen sich früher traditionell das Leben der ans Haus gefesselten Frauen abspielte). Irgendwann kamen wir auf die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin zu sprechen. Da zögerte Mounia leicht, und dann sagte sie: „Ich finde es beeindruckend, wie großzügig sie ist – aber ist sie nicht ein bisschen naiv? All diese Flüchtlinge, das könnt ihr doch gar nicht verkraften. Und wer weiß, wer da alles nach Deutschland kommt.“

Ja, wer weiß. Ein bisschen wissen wir es inzwischen. Es kommen hunderttausende Frauen, Männer und Kinder auf der Flucht vor Krieg und Gewalt. Aber es kommen auch andere. Die zum Beispiel, die sich in der Silvesternacht allein in Köln auf mindestens 627 Frauen gestürzt haben (so viele Anzeigen sind inzwischen eingegangen). Die heute 130 Beschuldigten sind alle Ausländer (plus drei Männer deutscher Nationalität): 42 sind Marokkaner, 39 Algerier und neun Syrer. Und ausnahmslos alle sind entweder Asylsuchende oder Illegale.

Das hat auch mich überrascht und mir keine Ruhe gelassen. Ich habe angefangen zu recherchieren, weit über die Berichterstattung in EMMA hinaus. Ich habe mit Frauen gesprochen, die heute noch unter Schock stehen, wenn sie darüber reden – darunter eine Familienmutter, die mit ihrem 14-jährigen Sohn und ihrer 15-jährigen Tochter fast eine halbe Stunde lang in dem Inferno der Bahnhofshalle steckte. Ich habe die Erkenntnisse von Polizei und Staatsanwaltschaft Schritt für Schritt verfolgt. Und ich habe mich entschlossen, ein Buch über diese Nacht zu machen, über die Hintergründe und die Folgen. „DER SCHOCK“ ist gerade im Druck und wird am 12. Mai erscheinen.

Welche Schlüsse müssen wir daraus für die Zukunft ziehen?

Für dieses Buch habe ich mehrere arabische und türkische KollegInnen um Mitarbeit gebeten, sowie eine Islamwissenschaftlerin, die das doppelzüngige, rückwärts gewandte Agieren des „Zentralrates der Muslime“ analysiert – der ist skandalöserweise bis heute der Hauptgesprächspartner für Medien wie Politik. Und selbstverständlich sind auch zwei Algerier als AutorInnen im SCHOCK vertreten.

Nein, die Täter der Silvesternacht waren nicht „die Araber“ oder “die Muslime“ von nebenan. Es war die Sorte Mann, für die die Scharia über dem Gesetz steht und die Frau unter dem Mann. Und sie hatten sich verabredet. Das sagt inzwischen auch der (neue) Kölner Polizeipräsident. Im SCHOCK geht es um die wahren Gründe, die zu dieser Nacht geführt haben – und um die Schlüsse, die wir daraus für die Zukunft ziehen müssen. Es ist hoffentlich ein Buch geworden, das auch die Billigung von Mounia in Algier finden würde.

Alice Schwarzer

Weiterlesen
Alice Schwarzer (Hg).: „DER SCHOCK – die Silvesternacht von Köln“ (KiWi, 7.99 €). Im EMMA-Shop

 

Weiterlesen

Neuen Kommentar schreiben

Zum Verfassen von Kommentaren bitte Anmelden oder Registrieren.