„Unsere Idole posten Bullshit!“

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Es ist wirklich schwierig zu entscheiden, welche ihrer Parodien die komischste ist. Die von Model Lara Stone, die ein Tablett mit zwei Rotweingläsern vor ihre Brüste hält und dabei lasziv die Lippen schürzt? Auf dem Tablett von Celeste Barber geht es hingegen bodenständiger zu: Orangensaft und Ahornsirup, und dazu ein völlig verpennter Montagmorgen-Blick.

Oder die von Cara Delevingne, die eine Blume auf ihrer rasierten Vulva platziert hat und auf ihrem Pulli einen Pfeil, der nach unten Richtung „Lady’s Garden“ deutet? Celeste Barber hingegen hat ihr Geschlecht mit undefinierbarem, hässlichem Gestrüpp dekoriert. Auf ihrem Pfeil steht: „Weeds and all“ – Unkraut und all so was.  

Oder doch die von Model Kate Upton, die sich elegant auf einen Poolrand stemmt, bekleidet mit einem nassen weißen T-Shirt, das ihre Brüste mehr zeigt als verbirgt? Celeste Barber hingegen wuchtet sich mehr schlecht als recht aus dem Pool, ein Bein auf dem Poolrand, ihren keineswegs modelkonformen Po in einer gepunkteten Bikinihose in die Kamera gereckt.

Genau deshalb lieben inzwischen fast zwei Millionen Follower – vermutlich die meisten davon weiblich - Celeste Barber: Weil die Australierin mit ihren Instagram-Parodien die Kunstwelt der Stars und Sternchen mit ihren Superbodys und Schwachsinnsposen auf den Boden der Tatsachen zurückdonnert.

Sie hat den unerreichbaren Körperbildern den Krieg erklärt

Nein, niemand bei Verstand führt in Dessous einen Hund spazieren wie Model Emily Ratajkowski. Nein, frau steigt nicht aus dem Bett, indem sie kopfüber auf den Boden rutscht und dabei auch noch umwerfend aussieht wie Bella Hadid. Celeste Barber jedenfalls sieht dabei völlig bescheuert aus, wie 99 Prozent der Weltbevölkerung. Ihr lakonischer Kommentar zur Parodie: „I’m not a morning person.“ (Ich bin halt kein Morgenmensch.)

Und nein, die meisten Frauen sind nicht so untergewichtig und cellulitefrei wie Rihanna, Kim Kardashian oder Kendall Jenner. Und so hat Barber, als sie vor anderthalb Jahren mit ihren Parodien begann, nicht nur der Selfie-Mania den Krieg erklärt, sondern auch den unerreichbaren Körperbildern, die die Celebritys über Instagram, Facebook & Co. Millionen Mädchen in die Köpfe posten.

Pancakes and a Sloppy Joe thanks. #celestechallengeaccepted #celestebarber #funny #alexisren (📸 @mrsmillahs )

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Dabei hatte alles als eine Art Scherz angefangen. Aus Jux hatten sich Celeste und ihre Schwester Selfies hin- und hergeschickt, wenn sie mal wieder über eine besonders absurde Promi(Selbst)Darstellung gestolpert waren. Als Celeste merkte, wie gut die Bilder ankamen, machte sie weiter und nannte das Projekt #celestechallengeaccepted. Dass ihr ihre Parodien bei allem Anschein von Beiläufigkeit so professionell gerieten, liegt daran, dass die 35-jährige Australierin tatsächlich Profi ist: Die gelernte Schauspielerin spielte in bekannten Serien mit und wurde, nachdem sie ihr komisches Talent entdeckt hatte, Stand up-Comedian. Aktuell spielt die zweifache Mutter in der Netflix-Serie „The Letdown“ über eine Gruppe Mütter und die Freuden und vor allem Plagen des Mutterseins.          

Celeste: "Mir ist es schnurz, wie ich auf den Fotos aussehe"

Was als Zufall begann, ist inzwischen ein Meilenstein in der sogenannten Bodypositive-Bewegung. Menschen, vor allem junge und weibliche, sollen wieder ein positives Verhältnis zu ihrem Körper bekommen, der ihnen durch das Bombardement mit fotogeshoppten Bildern ständig als defizitär suggeriert wird. Celeste Barber freut sich über den Zuspruch ihrer Fans, die sich bei ihr bedanken. „Es fühlt sich großartig an, dass ich so viele Leute erreiche“, sagt die bekennende Feministin. „Mütter junger Mädchen schreiben mir E-mails und berichten, dass ihre Töchter jetzt wieder einen ganz anderen Blick auf sich und ihren Körper haben.“

Inzwischen hat die Stand up-Comedian aus dem „Insta-Fame“ ihrer Parodien und den Geschichten drumherum sogar einen Comedy-Abend gemacht. Titel: „Challenge accepted“. Ihr selbst, sagt Barber, sei es „völlig egal“, wie sie auf ihren Fotos aussehe. „Ich war schon immer eine, die einen Bikini angezogen hat und der es schnurz war, ob jemand fand, dass ich das besser nicht tun sollte. Die Leute sollen nicht darauf achten, wie ich aussehe, sondern darauf, was ich zu sagen habe.“

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Guerillas gegen Schlankheitswahn!

"Gib nicht auf!" Schauspielerin Ulrikke Falch (re) mit Susanne Kaluza posten für ein positives Körperbild.
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Du hast gerade eine Stunde im Fitnessstudio gegen deine „Problemzonen“ angeackert. Du guckst in der Umkleidekabine missmutig in den Spiegel. Und da hängt ein bunter Klebezettel, auf dem steht: „Du musst dich nicht verändern, damit andere dich mögen!“ Am nächsten Tag findest du einen anderen Zettel am Spiegel der Schultoilette: „Hallo du, sieh dich selbst im Spiegel. Lächle! Sieh, wie toll du bist! Glaube, dass du gut genug bist, egal, was die anderen sagen.“ Deine Laune steigt. Und auf einem zweiten Zettel steht: „Perfektion ist eine Illusion!“ Darunter jeweils ein Hashtag: #postitgeriljaen.

Du bist gut genug! Egal,
was die
anderen sagen. #postitgeriljaen

„Post it-Guerilla“ heißt die Kampagne, die vor kurzem in Norwegen gestartet ist und gerade ihren Siegeszug rund um die Welt antritt. „Bodypositive“ lautet das Schlagwort – und Post-its mit körperpositiven Botschaften sind inzwischen nicht nur an norwegischen Spiegeln gesichtet worden, sondern auch an belgischen, russischen oder brasilianischen.

Initiatorin und prominentes Gesicht von #postitgeriljaen ist die Schauspielerin Ulrikke Falch, genannt Ulle. Die 21-Jährige ist nicht nur in Norwegen ein Star, seit sie in der TV-Serie „Scham“ mitspielte. Die Serie, in der es um die Sorgen und Nöte einer Gruppe Jugendlicher in Oslo geht, geriet den Macherinnen so lebensnah, dass sie in Norwegen zum Kult und in zahlreiche Länder verkauft wurde.

#postitsquad goin international

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In „Scham“ geht es um Liebe und Sexualität, um ein muslimisches Mädchen, das zwischen Tradition und Moderne zerrissen ist; um den homosexuellen Isak und sein Coming-out in einem freikirchlichen Elternhaus; es geht um sexuelle Übergriffe und immer wieder um – Feminismus.

Ulle spielt in „Scham“ das Mädchen Vilde. Die Tochter einer Alkoholikerin lechzt in ihrer Schulclique nach Anerkennung und kippt auf ihrer Jagd nach dem perfekten Körper in die Essstörung. Vilde-Darstellerin Ulle kennt das Problem aus eigener Erfahrung. Als Teenager litt sie selbst unter Magersucht. „Dein Körper ist ein Abbild deines Schmerzes geworden. Dein Körper ist zu den Worten geworden, die du so lange gesucht hast“, schrieb sie über diese Zeit in Aftenposten. Die Botschaft des Körpers laute: „Ich will nicht ich sein. Ich will nicht, dass du mich siehst. Ich will nicht im Weg stehen. Ich will nicht existieren.“

Bikini-Bridge, Thigh-Gap und Ab-Crack machen Druck auf die Mädchen

Ulle hat ihren Weg aus der Magersucht gefunden und will jetzt gegenhalten: „Wir wollen Menschen auf der ganzen Welt dazu ermutigen, bei der Post-it-Kampagne mitzumachen“, sagt sie. „Wir wollen bewusstmachen, wie Werbung und Medien unser Selbstwertgefühl untergraben. Helft uns, Zettel mit körperpositiven Botschaften zu verbreiten! Klebt sie in Umkleidekabinen, auf Poster oder öffentliche Toiletten! Macht ein Foto von eurem Post-it-Spruch, postet ihn unter #postitgeriljaen und macht die Kampagne bekannt!“

Ulle und ihre Co-Kampagnen-Initiatorin, die TV-Redakteurin Susanne Kaluza (Foto links), haben den Kampagnenstart bewusst in die Sommermonate gelegt. Denn das ist die Zeit, in der Mädchen noch mehr Stress mit ihrem Körper haben als sonst. In der Badezeit haben die aberwitzigen Markenzeichen der Superdünnen Konjunktur: Bikini-Bridge (die Bikinihose spannt sich zwischen den hervorstehenden Beckenknochen), Ab-Crack (die Bauchmuskeln sind so definiert, dass sie in der Mitte eine Spalte bilden) oder Thigh Gap (die Oberschenkel sind so dünn, dass zwischen ihnen eine Lücke entsteht).

Aber auch jenseits von #postitgeriljaen ist die junge Schauspielerin äußerst umtriebig und verbreitet ihre feministischen Botschaften in den sozialen Medien, mal ernst, mal ironisch. Auf Instagram gibt sie sarkastische Tipps: Was frau unbedingt beachten muss, um nicht vergewaltigt zu werden. Und vor allem, um anschließend nicht selbst schuld zu sein.

Auf Youtube erläutert sie in ihrer Reihe „Reasons to be a feminist“ warum sie Feministin ist. Teil 1: die allgegenwärtige „Porn Culture“. „Sie zeigen eine kommerzialisierte und sexualisierte Version des weiblichen Körpers – keine mutige Frau, keine starke Frau, keine intellektuelle Frau, keine glückliche Frau. Sie zeigen uns einfach nicht das Spektrum toller Frauen, die es da draußen gibt.“

Ulle weiß, dass sie mit ihrer Popularität ein echtes Role Model ist. „Mein Anliegen ist, euch zu zeigen, wie ein normaler Körper aussieht. Ein gesunder, glücklicher Körper.“

#postitgeriljaen rennt. Inzwischen gibt es auch einen englischen Hashtag: #postitsquad. Also: Auf geht’s, deutsche Spiegel bekleben! #postitguerilla

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