In der aktuellen EMMA

Der neue Feminismus in Berlin

Sophie-Marie Schulz wundert sich über einen Feminismus, der mehr trennt als vereint.
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Uneinigkeit war im Feminismus nie das Problem. Unterschiedliche Strömungen, Schwerpunkte, auch Konflikte – all das gehört zu seiner Geschichte. Neu ist jedoch, wie diese Unterschiede verhandelt werden. Positionen werden nicht mehr nur kritisiert, sondern abgewertet und mit ihnen die Frauen, die sie vertreten. 

Eine Politikerin, die sich selbst als Feministin bezeichnet, schilderte mir kürzlich, wie sich das konkret äußert. In Diskussionen wird nicht auf ihre Argumente eingegangen, sondern auf ihre Person verwiesen: Sie sei weiß, sie sei privilegiert und eine cis Frau. Was sie fordere oder als wichtig erachte, so heißt es dann, möge für „weiße Frauen aus der Mittel- oder Oberschicht“ relevant sein, nicht aber für jene, die als „intersektional unterdrückt“ gelten.

„Ich kann das schon verstehen und widerspreche auch nicht“, fügte die Politikerin hinzu, nachdem ich sie einen Moment irritiert ansah. Man müsse diese Einwände ernst nehmen und versuchen, sie mitzudenken. 

Aber das würde doch im Umkehrschluss bedeuten, dass eine Hierarchie der Betroffenheit entsteht, eine Abwertung untereinander, von der wir Frauen uns über Jahre hinweg gelöst haben, entgegnete ich. Jetzt war ich es, die irritiert angeschaut wurde. „Ich muss zum nächsten Termin“, sagte die Politikerin und erklärte das Gespräch für beendet. 

Doch der Inhalt der kurzen Unterhaltung ließ mich nicht mehr los. Was für mich sichtbar wurde, ist mehr als eine Meinungsverschiedenheit unter Feministinnen. Es ist Ausdruck einer grundlegenden Verschiebung im Feminismus: Weg von einem universellen Emanzipationsprojekt hin zu einer identitätspolitischen Fragmentierung. Was einst verband, trennt heute.

Was ist aus der Idee geworden, für gleiche Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu kämpfen, für gleiche Bezahlung und ökonomische Unabhängigkeit? Darf ich, ebenfalls eine weiße cis Frau, diese Forderungen nicht verbalisieren? Soll ich es anderen Frauen überlassen, die es „schwerer haben“ als ich? 

Wenn ich richtig liege, dann ist das, was wir heute als Feminismus bezeichnen, aus einem gemeinsamen Interesse gewachsen: Zustände zu verändern. Es ging um gleiche Rechte, um Selbstbestimmung, um Schutz von Frauen. Und es ging darum, diese Anliegen politisch durchzusetzen. Nicht individuell, sondern gemeinsam.

Unterschiedliche Lebensrealitäten spielten durchaus eine Rolle. Eine Akademikerin lebte anders als eine Arbeiterin, eine Frau auf dem Land anders als eine in der Großstadt. Aber diese Unterschiede wurden nicht zum Ausgangspunkt der politischen Organisation gemacht. Sie waren Teil der Realität, nicht ihr strukturierendes Prinzip. Entscheidend war etwas anderes: Dass es eine gemeinsame Grundlage gab, von der aus argumentiert wurde. Dass Frauen als Frauen gesellschaftlichen Erwartungen und Begrenzungen ausgesetzt waren. Im Privaten wie im Öffentlichen. Diese Grundlage hat den Feminismus über Jahrzehnte getragen. Sie hat es möglich gemacht, Forderungen zu bündeln, Mehrheiten zu organisieren und konkrete Veränderungen durchzusetzen. 

Heute ist das anders. Zunehmend geht es nicht mehr nur darum, welche politischen Ziele verfolgt werden, sondern darum, wer diese Ziele legitimiert. An die Stelle eines gemeinsamen Ausgangspunkts tritt eine Logik der Einordnung. Aussagen werden nicht mehr in erster Linie danach beurteilt, ob sie überzeugen, sondern danach, aus welcher Position heraus sie getroffen werden. Herkunft, Hautfarbe, soziale Lage oder sexuelle Identität werden zu Kategorien, die darüber entscheiden, wie viel Gewicht einer Stimme zukommt.

Wenig überraschend verändert sich dadurch die Struktur der Debatte und der Bewegung als Ganzes. Wo früher Argumente aufeinandertrafen, entsteht jetzt ein Gefälle. Wer als stärker benachteiligt gilt, spricht mit größerer Autorität. Wer als weniger betroffen gilt, spricht unter Vorbehalt.

Aus dieser Logik ergibt sich das, was ich als „Wettbewerb um Betroffenheit“ bezeichne. Gemeint ist kein bewusster Wettstreit, sondern eine Dynamik, in der Erfahrungen gegeneinander abgewogen und in eine Reihenfolge gebracht werden. Nicht alle Stimmen zählen gleich viel. Einige gelten als grundlegender, andere als nachgeordnet. Gemeinsame Interessen zu formulieren, wird zu einer unlösbaren Aufgabe. Wo Differenzierung alles ist und Kompromisse nichts mehr gelten, wird es eng.

Die Folge ist eine zunehmende Fragmentierung. Statt eines gemeinsamen politischen Rahmens entstehen Teilperspektiven, die nebeneinanderstehen und sich nicht ohne Weiteres zusammenführen lassen. Erst recht nicht, wenn diese Fragmentierung aus dem Feminismus selbst heraus vorangetrieben wird.

Das Beispiel der Politikerin ist nur eines von vielen, die zeigen, dass diese Fragmentierung nicht abstrakt bleibt. Das Konzept der Intersektionalität etwa zielte ursprünglich darauf, unterschiedliche Diskriminierungserfahrungen sichtbar zu machen. Der Hinweis, dass sich Benachteiligungen überlagern können, war ein wichtiger Impuls. In seiner gegenwärtigen Verwendung führt er jedoch dazu, dass Erfahrungen nicht nur ergänzt, sondern gewichtet werden. 

Ähnlich verlaufen Debatten im Kontext des Transaktivismus. Hier wird Selbstdefinition zum zentralen Kriterium und Erfahrungen von Frauen, die an ihren Körper und ihre soziale Realität gebunden sind, geraten in den Hintergrund. So entsteht eine Situation, in der die Kategorie „Frau“ selbst unscharf wird. Hinzu kommt: Frauen, die dabei auf das biologische Geschlecht verweisen, müssen ihre Position plötzlich rechtfertigen und sehen sich nicht selten mit Ausgrenzung konfrontiert.

Wieder verlagert sich der Fokus: Weg von gemeinsamen Anliegen, hin zu Auseinandersetzungen über Begriffe und Zugehörigkeit. Die Debatten drehen sich im Kreis, ohne dass sich an den tatsächlichen Lebensrealitäten etwas ändert.

Und dann wäre da noch der „Lifestyle-Feminismus“, der politische Anliegen zunehmend in ästhetische Statements übersetzt. Der Bezug zu konkreten gesellschaftlichen Verhältnissen tritt dabei in den Hintergrund. Veränderung wird durch vermeintliche Sichtbarkeit ersetzt. 

Was diese Entwicklungen verbindet, ist nicht ihr Inhalt, sondern ihre Wirkung: Sie lösen den Feminismus aus seinem gemeinsamen Bezugspunkt und führen ihn in immer kleinere Teilperspektiven. Ein Feminismus, der sich nicht mehr auf eine gemeinsame Grundlage beziehen kann, verliert seine politische Kraft. Wo jede Perspektive für sich steht und zugleich die Legitimität anderer infrage stellt, entsteht kein gemeinsames Projekt. 

Zurück bleibt eine Bewegung, die sich nur noch mit sich selbst beschäftigt und dabei aus dem Blick verliert, was sie ursprünglich stark gemacht hat: die Fähigkeit, Unterschiede auszuhalten, ohne das Gemeinsame aufzugeben. Was es braucht, ist kein weiterer Rückzug in immer kleinere Kategorien, sondern eine Rückbesinnung. Auf einen Feminismus, der wieder verbindet, statt zu trennen.

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