In der aktuellen EMMA

Wütende Frauen: Alle Furien?

Der Tod des Orpheus, der von den Anhängerinnen des Dionysos zerrissen wird. © Fine Art Images/Heritage Images/IMAGO
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Sie war keine Göttin, die geliebt und verehrt wurde. Und schön war sie auch nicht. Aber sie hatte Macht und wurde respektiert und gefürchtet. Nemesis war in der griechischen Mythologie „die Göttin des gerechten Zorns, der ausgleichenden Gerechtigkeit und der Rache“. Nie war sie blind vor Wut, nie krank vor Zorn. Wenn Nemesis wütete, dann immer, um ausgleichende Gerechtigkeit herzustellen. Ihr Zorn traf stets denjenigen, der ihn auch verdiente. Gemeinsam mit den Furien ahndete Nemesis Verstöße gegen Themis, die „Göttin des Rechts“. Nemesis sorgte ganz einfach dafür, dass niemand der moralischen Ordnung entkam. 

Eine Nemesis könnten wir heute wirklich gut gebrauchen. Doch unsere göttliche Ordnung ist das Patriarchat. Unsere Gegenspieler sind mächtig. Ausgleichende Gerechtigkeit geschieht nur selten. Und eine Rachegöttin, die ist nirgendwo in Sicht. Leider! 

Doch Nemesis’ Wut soll uns Inspiration sein. So sieht es die Kulturwissenschaftlerin Wittwer in ihrem Buch „Nemesis‘ Töchter“. Darin rekapituliert sie, wie Frauen 3.000 Jahre lang unterdrückt wurden und ihre Wut darüber weder zeigen, ja geschweige denn selbst fühlen durften. 

Tara-Louise Wittwer, 35, ist vorwiegend in der Popkultur unterwegs. Auf ihrem Instagram- Account „Was Tara sagt“ spricht die Wahl-Berlinerin seit 2019 über Frauenhass, toxische Männlichkeit und „Female Rage“, wie die Wut der Frauen in der Popkultur genannt wird. 

In „Nemesis Töchter“ springt Wittwer in der Weltgeschichte von Frau zu Frau, die ihrer Wut beraubt wurde. Sie beginnt in der Antike, bei besagter Nemesis. Denn die ist der große Feind der männlichen Ordnung. Ihre Wut und ihr Wirken lösten bei den Männern, göttliche wie menschliche, Panik aus. 

Doch mit Nemesis’ Wut begann auch die Dekonstruktion derselben. War Nemesis bei den Griechen noch die Göttin für Gerechtigkeit, wurde sie von den Römern zur wild um sich schlagenden Rachegöttin gemacht. Wo ihr die Griechen die Waage als Symbol für Gerechtigkeit verliehen hatten, drückten ihr die Römer Schwert und Peitsche in die Hand. Aus der gerechten Göttin wurde die rasende Frau. 

Neben Nemesis war es in der Antike auch Kassandra, deren Wut umgedeutet und die schon nicht mehr ernst genommen wurde. Weil Kassandra so außergewöhnlich schön war, machte Apollo, der Gott des Lichts, ihr ein Geschenk: die Gabe des Vorhersehens. Sein Geschenk war nicht ohne Hintergedanken, er wollte als Gegenleistung Sex. Kassandra aber hatte kein Interesse an ihm. 

Da er ihr das Geschenk der Vorhersage nicht mehr wegnehmen konnte, spuckte Apollo Kassandra in den Mund und belegte sie mit einem Fluch: Niemand würde ihren Vorhersagen Glauben schenken. So warnte Kassandra vor dem Untergang Trojas, etwa vor dem Trojanischen Pferd, mit dem die Griechen in die belagerte Stadt eindrangen. Vergeblich. Die immer wütender werdende Kassandra wurde zur Wahnsinnigen. 

Übrigens: Eigentlich war es die DDR-Autorin Christa Wolf, die Kassandra Ende der 1980er mit ihrem gleichnamigen Roman erst wieder aus der Versenkung holte. Ihr Roman kritisiert das Patriarchat, die Kriegstreiberei und den Verlust matriarchaler Ideale wie Gleichberechtigung und Wahrheitssuche. „Kassandrarufe“ beschreiben heute warnende Stimmen – denen man im Nachhinein oft besser zugehört hätte! 

Viele wütende Frauengestalten der Antike, die eigentlich nur Gutes und Gerechtigkeit wollten und sich deswegen gegen die männliche Ordnung stemmten, wurden in die hysterische Ecke gestellt. Selbst die Furien – drei an der Zahl – waren eigentlich mal nüchterne „Ausführerinnen des Rechts“. Sie wurden zu verrückten, kopflosen Klägerinnen gemacht. 

Von den wütenden Frauen in der Antike springt Tara-Louise Wittwer in die frühe Neuzeit um 1500, zu den sogenannten „Hexen“. „Warum zur Hölle reden wir eigentlich immer noch von Hexenverfolgung – ohne Anführungszeichen – als seien tatsächlich Hexen verfolgt worden?“, klagt sie. Natürlich. Die „Hexenverfolgungen“ waren nichts anderes als ein Krieg gegen Frauen. Die Titulierung als „Hexe“, die tausende Frauen das Leben kostete, war ein „patriarchales Regulierungsinstrument gegen Eigenständigkeit und dazu da, um weiblichen Widerstand zu brechen“. 

Neben den Frauen, die heilkundiges Wissen hatten, waren es vor allem wütende Frauen, die zur „Hexe“ erklärt wurden. Ihre Wut wurde als „teuflische Hysterie“ diffamiert. Bei dem ganzen Thema „Hexen“ ging es nie um Magie oder Aberglauben. Es ging schlicht und einfach darum, die Macht von Frauen zu brechen, Besitz zu rauben, und weibliches Wissen sowie Solidarität unter Frauen systematisch zu unterdrücken.

Besonders eindringlich erzählt Wittwer die Geschichte von Giulia Thofania, einer legendären Giftmischerin aus dem 17. Jahrhundert in Palermo, Sizilien. Sie ist die Erfinderin des farb- und geruchlosen (und nach ihr benannten) Giftes „Aqua Tofana“. Nur vier Tropfen davon konnten einen Menschen töten. Dabei konnte das Präparat über Wochen dem Opfer zugeführt werden. 

Der erste Tropfen schwächte das Opfer und erzeugte Symptome, die nicht anders waren als bei einer Erkältung. Dabei hinterließ das Gift keine Spuren im Blutkreislauf und den Organen. Eine der auch schon damals möglichen Autopsien hätte keine Anzeichen eines Giftmordes gezeigt. Thofanias Rezept war eine Mischung aus Arsen, Blei und Belladonna. Sie verkaufte es an Frauen, die von ihren Männern gequält wurden und keinen anderen Ausweg sahen. Thofanias Gift soll zwischen 1633 und 1651 über 600 Männern den spurlosen Tod gebracht haben. Sie baute sich sogar ein richtiges Untergrundnetzwerk auf und ließ Apothekerinnen und Hebammen Teil des Systems werden. 50 Jahre lang kam Giulia niemand auf die Schliche. Verpfiffen wurde sie ausgerechnet von einer Frau, die ihren Gatten dann doch nicht umbrachte. Nach ihrer Festnahme 1659 wurde Giulia in Rom hingerichtet, zusammen mit ihrer Tochter und Helferinnen. 

Für die einen ist Giulia Thofania als Massenmörderin in die Geschichte eingegangen – für die anderen als die erste feministische Chemikerin.

Von der Frau mit den besonderen Tropfen geht es zu einer wütenden Frau in Öl. Genauer gesagt zur „Widerstrebenden Braut“ („La Fiancée Hésitante“). Das ist ein Ölgemälde aus dem Jahr 1866 von Auguste Toulmouche. Das Bild zeigt vier Frauen. Die Frau in der Mitte trägt ein Brautkleid. Und: Sie schaut dem Betrachtenden direkt in die Augen. Klar, fest, herausfordernd. Das ist keine sanft lächelnde Mona Lisa, diese Frau ist wütend! Die Frauen drumherum versuchen sie zu besänftigen. Denn klar ist: Diese Frau will nicht heiraten! 

Die Porträtierte selbst mag ihrer arrangierten Hochzeit nicht entkommen sein, aber das Zeugnis ihrer Wut bahnte sich immerhin den Weg durch die Jahrhunderte. 160 Jahre später ist es auf Social Media zum Meme, zum Sinnbild von „Female Rage“ geworden. Wütende Frauen posteten es 2023 und 2024 zu allen möglichen Anlässen, um Wut und Widerstand gegen das Patriarchat auszudrücken.

Vom Ende des 19. Jahrhunderts springt Wittwer zu den wütenden Frauen des 20. Jahrhunderts. Zu den Wütendsten gehören zweifelsohne die Suffragetten. Sie unterbrachen Reden von Politikern wie Winston Churchill, ketteten sich an Zäune und blockierten Straßen. Ab 1912 zerschlugen sie Schaufenster, zündeten Briefkästen und leerstehende Gebäude an, schnitten Telegrafenleitungen durch. 

In der Presse wurden die Suffragetten als „cholerisch, unhaltbar und hysterisch“ hingestellt. Noch dazu als hässliche alte Jungfern, die kein Mann heiraten wollte. Woher sollte denn wohl sonst ihre ganze Wut kommen? Hätte es das Frauenwahlrecht ohne diese leidenschaftliche Wut der Suffragetten gegeben? Es kam in Großbritannien 1928, zehn Jahre später als im Nachkriegsdeutschland (1918).

Aber mit der weiblichen Wut wuchsen auch die Möglichkeiten, um sie zu brechen. In „Magdalenenheimen“ und „Tripperburgen“ zum Beispiel. Erstere dienten in vielen Ländern Europas bis ins 20. Jahrhundert der „Erziehung sittenwidriger Frauen“ durch Kirche und Staat, mittels Isolation, Zwangsarbeit und Gewalt. 1993 wurde in Irland ein Massengrab mit 155 toten Frauen in einer alten Wäscherei entdeckt. Das letzte Magdalenenheim schloss 1996 in Irland. In Deutschland waren diese Häuser bekannt als „Heime für gefallene Mädchen“. 

Zu ihrem Namen kamen die Magdalenenheime übrigens durch die Heilige „Maria Magdalena“. Und selbst die war vom Patriarchat umgedeutet worden! Ursprünglich galt Maria Magdalena als erste Zeugin der Auferstehung Christi. Sie soll Jesus mit ihrem Vermögen unterstützt haben. Männer der Kirche, vor allem Papst Gregor I, degradierten Maria Magdalena erst zur „reumütigen Sünderin“ und dann zur „Prostituierten“. Als die ist sie schließlich in die Geschichte eingegangen. „Tripperburgen“ gab es in der DDR. Der Name leitet sich ab vom Ausdruck für die Gonorrhö, im Volksmund Tripper. In diese Einrichtungen wurden „verdächtigte“, „zu frei lebende“ oder „zu wilde“ Frauen eingesperrt, manchmal auch Prostituierte. Angeblich, um „Geschlechtskrankheiten zu behandeln“ – oft unter brutalen Bedingungen. Für eine Einweisung reichte oft schon der bloße Verdacht auf eine Infektion oder auch nur eine Denunziation. Frauen, die aufbegehrten, wurden häufig von der Volkspolizei direkt von der Straße oder von ihrem Arbeitsplatz abgeholt. Betroffene berichteten von täglichen, schmerzhaften gynäkologischen Untersuchungen. Wütende Genossinnen wurden also systematisch bestraft und moralisch verurteilt, damit aus weiblicher Wut kein Widerstand wachsen konnte. 

Dann wäre da aber noch ein zeitloses Kapitel über die Wut der Mütter. Einer Mutter huldigt Wittwer besonders. Der Wut der alleinerziehenden Mutter Marianne Bachmeier und dem vielleicht spektakulärsten Fall von Selbstjustiz in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Marianne Bachmeiers siebenjährige Tochter Anna wird im Mai 1980 von dem vorbestraften Sexualstraftäter Klaus Grabowski in seine Wohnung gelockt. Dort vergewaltigt er das Mädchen und erdrosselt es mit einer Strumpfhose; die Leiche fand man später verscharrt an einem Fluss. 

Während des Prozesses verbreitete Grabowski Lügen über das Mädchen, behauptete gar, sie hätte ihn erpresst. Am dritten Prozesstag, als Grabowski wieder über ihre ermordete Tochter schwadronierte, schoss Annas Mutter ihm achtmal aus dem Zuschauerraum mit einer Beretta in den Rücken. Weibliche Wut! Bachmeier erklärte später: „Ich wollte Recht sprechen.“ In den Medien wurde die anfangs bewundernswerte „Rachemutter“ rasch zum verachteten „Flittchen“. Sie wurde wegen Totschlags zu sechs Jahren verurteilt, floh nach Spanien, saß die Strafe ab und starb 1996 an Krebs, mit nur 46 Jahren. (Alice Schwarzer hat 1982 in EMMA über den Fall Bachmeier geschrieben, siehe www.emma.de/lesesaal.) 

Witter schreibt in ihrem Buch auch von der Wut auf die eigene Mutter. Heute hat die Tochter das Gefühl, ihre Mutter verraten zu haben. Denn die lächelte – anders als viele Mütter ihrer Freundinnen aus Kindertagen – nicht alles weg, sondern empfand Überlastung, Trauer und ja, Wut. Die Tochter aber stellte sich auf die Seite des Vaters. Sie sabotierte die Beziehung zu ihrer „gestressten“ Mutter und wollte „unbedingt anders werden“. Nicht die nervige wütende Furie, sondern eine coole Frau, ein Männerkumpel. Nach der Scheidung blieb die Tochter beim Vater. Heute ist sie keine Vater-Tochter mehr, sondern „die Tochter meiner Mutter“. 

Der Sinneswandel war auch mit viel Wut auf sich selbst verbunden. Weil sie als Frau viele Spielchen gegen andere Frauen mitgespielt hat. Das der Schönheit zum Beispiel. „Ich dachte Feminismus sei für Feministinnen eine Konsequenz ihres Aussehens. Ich wollte vor allem eins: nicht hässlich sein.“ Wittwer gesteht: „Mit mir konnte man über Männersachen reden. Man konnte mit mir über andere Frauen lachen.“ Sie wollte ein „Chill Girl“ sein, ein entspanntes Mädel, für das es dazugehört, Wut runterzuschlucken. „Die Wut über die Ungerechtigkeit gegen Frauen musste ich mir erst einmal antrainieren“, schreibt sie. 

Sie bekam Wut auf Männer, die immer alles besser wissen und Frauen klein halten. Auf die Mode, nach der Frauen sich bis aufs Skelett dünne machen sollen. Auf den Vergewaltiger, der als freier Mann aus dem Gerichtssaal geht. Auf die Taliban, die Geschlechter-Apartheid zur Staatsdoktrin machen und auf den Rest der Welt, der einfach zuschaut. Heute sagt Tara-Louise Wittwer: „Ich bin kein Chill Girl mehr, ich bin ein Girl’s Girl. Frauen zuerst, immer.“ „Schwesterlichkeit“ nennt Wittwer das. 

Schwesterlichkeit zeigte sich auch bei Gisèle Pelicot. Alle Frauen verstanden: Es sind vielleicht nicht alle Männer so, aber es sind alles Männer, die so sind. „Gisèle ist überall, wir alle sind Gisèle. Und auch, wenn wir noch nicht alle so weit sind, dass wir zusammenhalten, so ist doch ein kollektiver Ruck durch die patriarchalen Strukturen gegangen“, schreibt Wittwer. Es geht nicht (nur) um einzelnes Unrecht, sondern um das Unrecht, das die Hälfte der Welt ertragen muss. Und die dazu nicht mehr bereit sein sollte. Ja, wir alle sind Gisèle. Der nächste Schritt wäre: Wir alle werden Nemesis. 

 

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