In der aktuellen EMMA

Im Wut-Raum: Rage rauslassen

Annika in Aktion im "Rage-Room".
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Ist ja lustig, da gehen zu 70 Prozent Frauen hin“, sagte Kollegin Chantal Louis in der Redaktionskonferenz und zeigte uns einen Bericht über einen „Rage Room“. Die Idee ist simpel: In einem solchen „Wut-Raum“ kann man gegen Bezahlung nach Herzenslust Dinge kurz und klein schlagen: Möbel, Teller, Fernseher, Tische, ja sogar ein ganzes Wohnzimmer oder ein Auto. Bei EMMA habe ich den Ruf, die „Frau fürs Grobe“ zu sein, also soll ich die Reportage machen. 

Ich bin skeptisch. Eigentlich halte ich es mit der Rachegöttin Nemesis, nach der die Wut denjenigen zu treffen hat, der sie auch verursacht. In einem „geschützten Raum“ mit Schutzhelm und Lederschürze Sachen zu zerschlagen, das kommt mir schon wieder so domestiziert und irgendwie kindisch vor. 

Aber dass in großer Mehrheit Frauen „Rage Rooms“ aufsuchen, interessiert mich. Was sind das für Frauen, die dorthin gehen? Worauf sind sie wütend? Und meine Kolleginnen haben ja recht: Frau kann nur selten die Wut an demjenigen auslassen, der es verdienen würde. Und selbst wenn, wir leben schließlich im Patriarchat, es sind einfach zu viele. Die können wir gar nicht alle vermöbeln. Die meisten von uns Frauen wissen ja nicht mal, wie das geht: das Vermöbeln. Viele Frauen haben nie gelernt zurückzuschlagen, sich zu wehren, geschweige denn, ihre Wut überhaupt mal zuzulassen. Nicht selten richten sie sie gegen sich selbst. Während Wut bei kleinen Jungs guttiert wird, nach dem Motto „der Kleine hat Biss“, wird sie bei kleinen Mädchen sanktioniert: „Gehört sich nicht!“ Wütende Mädchen ecken an. Ich weiß, wovon ich spreche. Meine achtjährige Tochter ist eine Wutbürgerin. Die Feministin in mir freut das, aber als Mutter macht mich der kleine Vulkan oft fertig. 

Höchste Zeit also, der weiblichen Wut auf den Grund zu gehen. Mit Kollegin Angelika Mallmann fahre ich nach Euskirchen, in den „Smash Club“. 

„Gerade heute bin ich gar nicht wütend“, sagt Angelika. Ich eigentlich auch nicht, aber das geht bei mir schnell. Ich brauche nur in Gedanken unsere letzte Ausgabe durchzublättern. 

EMMA und Wut – was ist da die Henne und was das Ei? Seit ich 16 bin, lese ich EMMA. Wie viele Nächte meines Lebens konnte ich vor Wut nicht einschlafen, wenn ich abends die neue Ausgabe verschlungen hatte. 

Schnell baut sie sich auf: Wut auf die ganze beschissene Porno-Kultur, die uns Frauen bricht. Wut darauf, dass es immer noch Prostitution gibt! Wut auf Pseudo-Feministinnen, die das auch noch toll finden! Wut auf unsere ganze Täterjustiz, auf Männer, die die Welt anzünden. Und überhaupt, die Wut darauf, dass Frauen seit Urzeiten entrechtet, entmachtet und kleingehalten werden. Wir Frauen, wir haben nicht Rücken, wir haben Patriarchat! 

Ich hab’ mich also innerlich schon mal warm gemacht. Im „Smash Club“ empfängt uns Joshua Zamath, der den ersten „Rage Room“ im Rheinland 2023 eröffnet hat. Joshua ist tiefenentspannt. Der 25-Jährige ist Halb-Amerikaner, seine Mutter stammt aus Omaha, Nebraska. Dort wurde er von seiner Schwester in einen „Rage Room“ mitgenommen. Joshua fand die Erfahrung so toll, dass er auf die Idee kam, so etwas in Deutschland zu versuchen. Mittlerweile gibt es hier um die 20 Wut-Räume. In den USA und auch Finnland sind sie weitverbreitet, der erste existierte in Japan. Bezeichnend, dass der erste Wut-Raum in einem tiefpatriarchalen Land entstanden ist. Tja, da scheint Bedarf zu sein. 

Zusammen mit seiner Freundin Suzanna Lu betreibt Joshua den Club und hatte seit Eröffnung 2023 über 7.000 KundInnen. Die Menschen kommen aus ganz Nordrhein-Westfalen, aus den Niederlanden, Belgien, Luxemburg. „Zu 75 Prozent sind es Frauen, die zu uns kommen“, sagt Joshua. Die meisten seien zwischen 18 und 30 Jahre alt. Aber einmal sei eine 70-jährige Frau mit ihrer 40-jährigen Tochter gekommen, die wollten sich nach Erbstreitigkeiten wieder zusammenraufen. „Ich weiß nicht, wie die zwei das angestellt haben, aber sie haben innerhalb kürzester Zeit den Raum zerlegt, als hätten Riesen darin gewütet“, erinnert sich Joshua. An die „naturgegebene Friedfertigkeit der Frau“ glaubt er schon lange nicht mehr. 

Generell seien es Frauengruppen, die die wildesten Dinge machen, noch dazu in ordentlicher Lautstärke. „Es kommen viele Frauen aus sozialen Berufen hierher. Erzieherinnen, Lehrerinnen, Krankenschwestern, Sozialarbeiterinnen, auffallend viele Frauen, die in Berufen mit Menschen arbeiten“, erzählt Suzanna. Auch eine Gruppe von Psychotherapeutinnen war schon da und habe hinterher ganz beseelt den „Ventil-Effekt“ gelobt. 

„Ich finde gut, dass Frauen mit ihren Gefühlen umgehen. Sie spüren ihr Problem und lassen die Wut kontrolliert raus. Männer halten die Wut eher unter dem Deckel, bis der eine Funke zu viel kommt und die Wut explodiert“, resümiert Joshua seine Beobachtungen. 

„Manche Frauen haben Anlaufschwierigkeiten und müssen erst die Scham überwinden, ihre Wut auszuleben. Das ist uns ja leider so eingetrichtert worden. Andere Frauen können es gar nicht abwarten. Die sind dann wie im Rausch!“, erzählt Suzanna. 

Hoch im Kurs steht bei den Frauen das Porzellan, das zerschlagen wird. Vielleicht, weil sie es sonst oft spülen müssen? Teller fliegen an Wände, Kaffeetassen und Gläser zerschellen. Oft werden die Teller auch beschriftet, etwa mit dem Namen des Ex-Freundes, oder es wird ein Foto draufgeklebt oder ein Pimmel draufgemalt. An den Wänden sind überall Graffiti. „Fuck all men“ steht da, etliche Männer-Namen, die Ähnliches mit sich selbst tun sollen und natürlich „Smash Patriarchy“. 

Eigentlich sieht der Club aus wie ein großes Lager. Stühle stapeln sich dort, Tische, Bänke. In Regalen stehen Fernseher, Flaschen, Gläser und Keramik. Wären da noch die Wohnzimmer: wuchtige Sofa-Garnituren, edelholzfurnierte Schränke und Fernsehtische, stoffbezogene Stehlampen, viel „Gelsenkirchener Barock“. 

Die KundInnen können wählen, was sie zerschlagen wollen. Das Einstiegspaket, einen „Beginner-Smash“, gibt es ab 40 Euro. Da können Stühle, Fernseher, Gläser, Teller, Flaschen noch und nöcher zerdeppert werden. Das Material wird in einem Container aufgebaut, in dem die KundInnen dann nach Herzenslust und unbeobachtet wüten können. 

Neues Material bekommt Joshua von Entrümpelungsfirmen. „Ich habe mich selbst gewundert, wie viel die wegschmeißen“, sagt er. Alles, was er besorgt, würde sonst direkt in der Schrottpresse landen. So landet es dort eben etwas später und ja, zerkleinert. 

Manchmal steht auch ein Auto zur Verfügung. Just als Angelika und ich da sind, steht eines – schon etwas ramponiert – vor der Tür … Joshua hat keine Einwände. Dann mal los! Wir setzen Schutzhelme auf, ziehen Lederschürzen und Handschuhe an. „Vorschlaghammer oder Baseballschläger?“, fragt Joshua, als würde er eine Essensbestellung aufnehmen. Angelika und ich sind beide Typ Vorschlaghammer. Klar. 

Und dann legen wir los, hoch den Vorschlaghammer und mit vollem Wumms aufs Auto! Glas splittert, Metall zerbeult. Weg mit dem Spiegel, hau weg den Scheibenwischer, bye bye Rücklicht. Der Vorschlaghammer ist schwer, aber das macht nichts. Linker Kotflügel, rechter Kotflügel, immer drauf auf die Motorhaube, da beult’s am besten. Ja, wo rohe Kräfte sinnlos walten. All meiner Skepsis zum Trotz merke ich schnell: Es macht unglaublichen Spaß, ein Auto zu zertrümmern! Auch Angelika hat Blut geleckt, sie strahlt von innen heraus, während sie die Stoßstange bearbeitet. 

Nach dem Auto will ich mehr, Angelika muss zu ihrem Leidwesen die Fotos machen. Joshua baut mir im Container Flaschen auf. Dafür wähle ich den Baseballschläger. So schön handlich. Ich hole aus und es kracht. Die Flaschen zersplittern, schmettern in tausend Teilen gegen die Wand. Dann die Teller. Wie Frisbees fliegen sie durch die Luft. Zack, zack, zack. Porzellan, das zerschlagen wird, macht erstaunlich tolle Geräusche. 

So stelle ich mir einen ausgewachsenen Ehekrach vor, wenn eine Frau mal so richtig ausrastet und die Küche zerlegt. Ich bin ehrlich gesagt froh, Schürze, Handschuhe und Helm mit Visier zu tragen. Scherben, Splitter, alles fliegt durch die Luft und gegen meinen Körper. Es heißt, in Rage schüttet man explosionsartig Adrenalin aus, gefolgt von Cortisol, der Herzschlag beschleunigt sich, der Blutdruck steigt an, die Bronchien erweitern sich. Ich fühle meine Muskeln, meine Kraft. Ich laufe auf Hochtouren und könnte noch ewig vor mich hintrümmern. 

Als ich mit dem Zimmer durch bin, fühlt sich das befreiend an. Würde ich rauchen, würde ich mir jetzt eine anstecken … 

Mir scheint, ich war selten so ausgeglichen, wie nach diesem Erlebnis. Vielleicht auch, weil in Rage das Gehirn ausgeschaltet wird. 

Auf der Rückfahrt in die Redaktion fragt Angelika sich, ob sie ein ausgeglichenerer Mensch wäre, wenn sie regelmäßig in einen „Rage Room“ gehen würde. Sie will auf jeden Fall mal mit ihrer Mutter hin. 

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