Abtreibung: Stern-Aktion & ihre Folgen

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Ich lebte damals in Frankreich, wo ich als freie Korrespondentin arbeitete und in der Pariser Frauenbewegung aktiv war. Doch während in der ganzen westlichen Welt die Frauen auf die Barrikaden gingen, hielten die deutschen Gretchen still. So still, dass es selbst der Brigitte zu brav war. Die klagte im Frühling 1971: „Deutsche Frauen verbrennen keine Büstenhalter und Brautkleider, stürmen keine Schönheits-Konkurrenzen und emanzipationsfeindlichen Redaktionen, fordern nicht die Abschaffung der Ehe und verfassen keine Manifeste zur Vernichtung der Männer. Es gibt keine Hexen, keine Schwestern der Lilith, wie in Amerika, nicht einmal Dolle Minnas mit Witz wie in Holland, es gibt keine wütenden Pamphlete, keine kämpferische Zeitschrift. Es gibt keine Wut.“

In Deutschland war die Stimmung noch brav und still

Wenige Wochen später explodierte sie, die Wut der deutschen Frauen. Als am 6. Juni 1971 der Stern mit dem Titel „Wir haben abgetrieben!“ erschien, brachen alle Dämme. Endlich. Endlich redeten die Frauen! Aus den 374, die als erste das Tabu brachen, wurden bald tausende, ja hunderttausende, die forderten: Der § 218 muss weg! Denn er bedroht Millionen Frauen und auch die Ärzte, die abtreiben, mit Gefängnis. Er entmündigt, schüchtert ein, bedroht. Schluss mit der Angst! Schluss mit der Scham!

Und es blieb nicht bei dem Protest gegen die Abtreibung. Unmittelbar verknüpft damit war die Angst vor der Sexualität (Nicht zuletzt wegen der Angst vor ungewollten Schwangerschaften), waren die Probleme mit Männern im Bett wie im Büro. Im ganzen Land bildeten sich nun die so genannten „218-Gruppen“, in die Frauen aller Altersgruppen und aller Provenienzen strömten.

Acht Monate später, am 11. März 1972, trafen sich 450 Frauen aus 40 westdeutschen und West-Berliner Frauengruppen in Frankfurt zum ersten „Bundesfrauenkongress“. Und einen Tag später, am 12. März, erklärten die Sprecherinnen dieses Frauenkongresses über Mikrophon: „Frauen müssen sich selbst organisieren, weil sie ihre ureigensten Probleme erkennen und lernen müssen, ihre Interessen zu vertreten. (…) Wir schließen Männer aus unseren Gruppen aus, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass sich Bevormundung und Unterdrückung, die wir in allen Lebensbereichen erfahren, in gemischten Gruppen reproduzieren. (…) Frauen müssen zu einem Machtfaktor innerhalb der anstehenden Auseinandersetzungen werden.“

Damit war die „Gründung“ der deutschen Frauenbewegung offiziell verkündet. Und es ist übrigens vermutlich ein einmaliges, deutsches Phänomen, dass der Aufbruch der Frauen nicht nur spontan war, sondern auch nochmal per Deklaration verkündet wurde.

Zunächst jedoch geht es um die Initialzündung für den Aufstand der Frauen, um das öffentliche, provozierende Bekenntnis: „Wir haben abgetrieben“. Ich will also erzählen, wie es überhaupt zu dem Appell der 374 im Stern kam. Es muss Ende April gewesen sein. In meiner Wohnung Rue d’Alesia im 14. Arrondissement klingelte das Telefon. Am anderen Ende der Leitung war Jean Moreau, mein Kollege vom Nouvel Observateur. Das linksliberale Wochenblatt hatte am 11. April 1971 „die Liste der 374 Französinnen“ veröffentlicht, „die den Mut haben, das Manifest zu unterzeichnen: Ich habe abgetrieben!“. Die politische Provokation war die Idee des engagierten jungen Journalisten gewesen, und wir – ein Dutzend frischgebackener Feministinnen – hatten sie zu unserer Sache gemacht.

Wäre eine Aktion wie in Frank-
reich überhaupt möglich?

Mit dem Ergebnis, dass das Bekenntnis der 374 nicht nur die Grande Nation in Aufruhr versetzte, sondern auch international Aufsehen erregte.Doch nun machte Jean, der Vater des Gedankens, sich Sorgen. „Hör mal, Alice“, sagte er. „Bei uns hat eine komische deutsche Zeitschrift angerufen, Jasmin oder so ähnlich. Die wollen das Selbstbekenntnis nachstellen. Aber ich habe den Verdacht, die wollen daraus nur einen Werbegag machen. Kannst du nicht was tun?“

Ich überlegte nur kurz. Dann griff ich zum Telefon und wählte die Nummer des Stern-Redakteurs Winfried Maaß. Mit ihm hatte ich als freie Korrespondentin in Paris manchmal zu tun. Maaß wusste selbstverständlich von der Aktion, die international Schlagzeilen gemacht hatte. Und als ich ihn fragte, ob der Stern mitziehen würde, wenn ich ihm 300 bis 400 Unterschriften von deutschen Frauen bringe, die sich selber der Abtreibung bezichtigen, da überlegte Maaß nicht lange: „Wenn Sie das schaffen – sofort!“

Einen Monat später hatte der Stern die Liste von 376 Frauen auf dem Tisch. Und rückblickend staune ich bis heute, wie so eine Kleinigkeit wie ein Anruf ein ganzes Leben verändern kann. In diesem Fall nicht nur mein Leben, sondern das vieler Frauen.

Doch der Reihe nach. Ich lebte seit zwei Jahren wieder in Frankreich und war seit einigen Monaten eine der Aktivistinnen der Pariser Frauenbewegung. Doch ich erinnerte mich bestens an den Frankfurter „Weiberrat“ und die legendäre Tomate, die anno 1968 eine Genossin ihren patriarchalen Genossen an den Kopf geworfen hatte. Ich ging also davon aus, dass ich nur bei der deutschen Frauenbewegung anklingeln müsste, und schon hätten wir unser Abtreibungs-Manifest.

Doch weit gefehlt. Beim Frankfurter Weiberrat, dessen zwei, drei Dutzend Mitglieder eifrig „Kapitalschulungen“ nach Marx machten, holte ich mir eine kühle Absage; an einer so „reformistischen“ und „kleinbürgerlichen“ Aktion wolle man sich nicht beteiligen. Bei den Münchner „Roten Frauen“ wäre ich auch beinahe gescheitert, wäre dort nicht eine Handvoll Frauen die Kapitelschulungen leid gewesen. Nur der unter DDR-Einfluss stramm organisierte „Sozialistische Frauenbund Westberlin“ stieg kollektiv ein, wohl in der Hoffnung auf Kontakt zu „den Massen“.

Die Unter-
schriften über-
gab Schwarzer
erst in der letzten Nacht 

So kam etwa die Hälfte der 374 Unterschriften zusammen. Der Rest war Mundpropaganda: von Nachbarin zu Nachbarin, von Kollegin zu Kollegin, von Freundin zu Freundin. Und ich reiste durchs Land und sammelte die Unterschriften. Denn meine Abmachung mit dem Stern war strikt. Als Gegenleistung für die Unterschriften forderte ich von dem Magazin: ein kollektives Titelbild (also kein einzelner Star auf dem Cover), den ungekürzten Abdruck des politischen Appells und die Veröffentlichung meiner Reportage über die Aktion. Ich war schließlich nicht blauäugig. Mir war klar, dass ich auf der Hut sein musste, damit aus der Aktion keine Sensationshascherei würde.

Also übergab ich dem Stern die 374 Unterschriften erst in der allerletzten Nacht des Redaktionsschlusses. Erst als ich, nach zähem Gefeilsche, ganz sicher sein konnte, dass das Selbstbekenntnis der 374 angemessen präsentiert sein würde, überreichte ich die Mappe mit den Unterschriften. Inzwischen war es zwei Uhr morgens…

Am 6. Juni 1971 platzte dann die Bombe, nur zwei Monate nach dem Nouvel Observateur. Die Bundesrepublik stand Kopf. Denn trotz der Liberalisierungs-Debatte ab 1969 war das Thema Abtreibung noch immer ein totales Tabu. Eine Frau, die abtrieb, tat das meist in totaler Einsamkeit. Sie redete in der Regel weder mit der besten Freundin noch der eigenen Mutter, ja oft noch nicht einmal mit dem eigenen Mann darüber. Eine Frau, die abtrieb, hatte entweder das Geld für die Schweiz – oder sie riskierte ihre Würde und so manches Mal auch ihr Leben bei illegal abtreibenden Ärzten und auf dem Küchentisch von Engelmacherinnen.

Zu der Zeit schätzte man die illegalen Abtreibungen auf eine halbe Million, nur in der Bundesrepublik. (2008 waren es nur noch 114.000, in ganz Deutschland; also hunderttausende weniger ungewollte Schwangerschaften dank Aufklärung und gestiegenem Selbstbewusstsein der Frauen.) Ein uneheliches Kind war damals eine Schande, und Ehemänner konnten in der Bundesrepublik ihren Frauen die Berufstätigkeit verbieten. Nur jede fünfte Frau nahm die Pille, und viele Männer empfanden Kondome als „kastrierend“.

Die 374 Frauen gingen damals
ein immenses Risiko ein

Abtreibenden Frauen drohten bis zu fünf Jahren Gefängnis – doch wurde der § 218 in Wahrheit schon lange nicht mehr angewandt. Ganze 276 Frauen waren 1969 wegen illegaler Abtreibung verurteilt worden. Geschriebenes Recht und gelebtes Rechtsempfinden klafften also meilenweit auseinander. Eigentlich ging es beim § 218 nur noch um Einschüchterung und Demütigung der Frauen – und der sympathisierenden Ärzte.

„Ich habe abgetrieben und fordere das Recht für jede Frau dazu!“ bekannten nun also 374 Frauen öffentlich; darunter auch einige, die es nie getan hatten, aber durchaus in Gedanken durchgespielt (wie ich). Bis heute bewundere ich den Löwinnenmut der 373 Frauen, die damals mit mir den Appell unterzeichnet haben. Keine von ihnen wusste, ob morgen nicht die Polizei vor der Tür stehen würde (was sie in einigen Fällen tat), ob sie ihre Stelle verlieren, ihre Nachbarn noch mit ihnen sprechen, ihr Mann sich von ihnen trennen würde.

Und die viel zitierten Prominenten? Diese insgesamt 16 (von 374) bekannten Frauen – darunter Romy Schneider, Senta Berger, Sabine Sinjen, Gisela Elsner und Veruschka von Lehndorff – riskierten fast noch mehr als die Unbekannten: nämlich ihren Ruf und ihre Engagements. Doch der Wagemut lohnte sich.

Das Bekenntnis der 374 wurde zur Lawine, die Tausende mitriss. Und zur Initialzündung für die Neue Frauenbewegung wurde. Die Frauen begannen zu reden, endlich. Von ihrer Angst vor ungewollten Schwangerschaften, von ihrer überschatteten Sexualität („Währenddessen denke ich nur daran“), von ihrer Einsamkeit. In dem Buch, das ich im Herbst 1971 über das Abtreibungsverbot machte, hatte nur bei einer einzigen der insgesamt 49 Abtreibungen von 18 Frauen der Mann seiner Frau beigestanden.

Und die Medien? Die reagierten unterschiedlich: von zustimmend (Die Zeit) bis hämisch. Bild fuhr einen Pro-und-Contra-Zickzackkurs (Da man ein Massenblatt nie auf Dauer gegen die Menschen machen kann), die Süddeutsche Zeitung geißelte den „Exhibitionismus“ der Bekennerinnen und die Frankfurter Rundschau den „Konsumwahn“ der Frauen sowie die „Vernichtung unwerten Lebens“.

Womit wir bei der Rolle der katholischen Kirche wären, für die abtreibende Frau bis heute „Mörderinnen“ sind. Die hatte es schon zuvor geschafft, die den Frauen von der sozialliberalen Regierung bereits 1969 versprochene Fristenlösung (das Recht der Frauen auf Abtreibung in den ersten drei Monaten) durch organisierten Protest zu stoppen. Statt das hundert Jahre alte Gesetz endlich zu reformieren, ruderten die Sozialdemokraten zurück. Ganz wie bei der Debatte 2009 um die so genannten „Spätabtreibungen“ und heute bei der Präimplantationsdiagnostik (PID).

Dabei hält es die Kirche selber mal so mal so mit dem „werdenden Leben“. Noch 1869 erließ Papst Pius IX das Verdikt, der männliche Fötus habe ab dem 40. Tag eine Seele, der weibliche jedoch erst ab dem 80. Tag. Jetzt im 21. Jahrhundert hat die Kirche via CDU/CSU und Teile von SPD, FDP und Grünen via Hintertüre „Spätabtreibungen“ sogar die so genannte medizinische Indikation – bei Gefahr bis Lebensgefahr für die Mutter – weiter eingeschränkt.

Und die Debatte um die PID drängt im Jahre 2011 das Recht auf Abtreibung vollends in die Defensive. Da plädiert ein Teil der Abgeordneten aus allen Parteien – auch von SPD, FDP und Grünen! – doch allen Ernstes dafür, dass der Bruchteil eines Millimeter kleinen Zellhaufens eines befruchteten Eis nicht vor der Einpflanzung in den Mutterleib auf schwere, vererbbare Krankheiten untersucht werden darf, da es sich dabei um „werdendes Leben“ handele. Der Vatikan könnte nicht rigider und frauenfeindlicher argumentieren.

Aus der 1974 ursprünglich verabschiedeten Fristenlösung wurde bereits Mitte der 70er Jahre in Deutschland dank des Drucks der katholischen Kirche eine Indikationslösung mit Beratungspflicht: Gnade statt Recht. Und die Tabubrecherinnen, deren Mut es zu verdanken ist, dass abtreibende Frauen heute in Deutschland wenigstens nicht mehr ihr Leben riskieren müssen, werden heutzutage oft verkannt: als leichtfertig oder gar zynisch. Der provokante Slogan „Mein Bauch gehört mir“ – der übrigens erst später aufkam – soll als Beweis dafür herhalten.

Doch damals, an diesem denkwürdigen 6. Juni 1971, stockte allen der Atem vor der Unerhörtheit dieses so selbstlosen, öffentlichen Bekenntnisses. Schließlich ging es ja nicht etwa um die Propagierung der Abtreibung, sondern es ging um die Humanisierung der Umstände unvermeidbarer Abtreibungen. Denn eine ungewollt Schwangere treibt ab, egal unter welchen Umständen. Zur Debatte stand und steht also nicht das Ob, sondern nur das Wie von Abtreibungen: legal und mit medizinischer Hilfe – oder illegal und in Lebensgefahr.

Es ging bei der Stern-Aktion nie um die Propa-
gierung der Abtreibung

Als Henri Nannen, den ich erst viel später persönlich kennenlernte, an diesem denkwürdigen 6. Juni die zum Skandal passende Pressekonferenz gab, da saß ich längst wieder im Zug nach Paris. Mission erfüllt. Meine initiative Rolle bei dem Appell der 374 hatte ich in meinem Stern–Bericht bewusst verschleiert. Ich begriff mich bei der Aktion schließlich weniger als Journalistin und mehr als Mittlerin zwischen den französischen und den deutschen Frauen.

Dass ich dann nur wenige Monate später, im Herbst 1971, dennoch mein erstes Buch über die „Frauen gegen den § 218“ veröffentlichte, lag daran, dass die deutsche Debatte über den § 218 aus meiner Sicht sehr schnell sehr schief lief. Denn da war plötzlich nur noch von der „Seele des Fötus“ die Rede, von den „bevölkerungspolitischen Aspekten“ und dem „zu schützenden Rechtsgut“. Nicht aber von der Würde und Selbstbestimmung der Frau. Und wir engagierten Journalistinnen – und damals waren wir viele! – hatten nun quasi Schreibverbot. Wir galten als Frauen als „viel zu befangen“.

Heute hat Deutschland eines der restriktivsten Abtreibungsgesetze in Europa, gleich nach Irland und Polen. In unseren übrigen Nachbarländern hingegen gilt schon lange selbstverständlich die Fristenlösung. In Frankreich, dem Ursprungsland des Protestes, führte Simone Veil als konservative Familienministerin im Jahr 1975 die uneingeschränkte Fristenlösung ein. Und es kommt dort bis heute niemandem in den Sinn, dieses so fundamentale Recht von Frauen auch nur infrage zu stellen.

Doch immerhin wurde der Kampf für das Recht auf Abtreibung zum Auslöser für die Neue Frauenbewegung.

Alice Schwarzer

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Abtreibung - noch immer ein Tabu!

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Nach der Besprechung gehen wir noch ein Stück gemeinsam Richtung Taxi. Da sagt der Kollege so ganz en passant und in durchaus wohlwollendem Ton zu mir: "Das mit der Abtreibung, das würden Sie heute doch sicherlich auch ganz anders sehen als 1971, Frau Schwarzer." Es klang eher wie eine Feststellung, nicht wie eine Frage. Ich schwieg überrascht. Denn der Kollege, ein Mann meiner Generation, ist in zweiter Ehe mit einer jüngeren Frau verheiratet, die sich selbst als Feministin versteht (und mit der er übrigens auch nochmal ein kleines Kind hat). Erst nach einer gewissen Pause antworte ich zögernd: "Eigentlich nicht …" Aber da hörte er auch schon gar nicht mehr hin.

Diese kleine Episode ließ mich nicht mehr los. Sie scheint mir einfach typisch für den Zeitgeist.

Die Frauen verbluteten auf dem Küchen-
tisch eines Kurpfuschers

War dem Mann eigentlich klar, um was es damals ging? Weiß er überhaupt, wie viel Schmerz und Elend der § 218 verursacht hat? Und begreift er, unter welchen Umständen die etwa 100.000 heute jährlich in Deutschland abtreibenden Frauen dies noch immer tun, wie viele sterben müssten – ohne medizinische Hilfe?

Vor der Reform fanden ungewollt schwangere Frauen, wenn überhaupt, nur für viel Geld – und nicht selten noch mehr Demütigung – einen Arzt, oder aber sie landeten auf dem Küchentisch eines Kurpfuschers bzw. einer "Engelmacherin". So manche verblutete, viele behielten lebenslange körperliche Schäden zurück, bis hin zur Unfruchtbarkeit. Und alle waren traumatisiert von der Heimlichkeit, der Scham, der Angst.

Eine deutsche Zahl liegt nicht vor, aber Amerika meldete allein für das Jahr 1969, vier Jahre vor der Legalisierung der Fristenlösung, rund 5.000 Todesfälle infolge illegaler, unsachgemäßer Abtreibungen. Und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählte 2008 weltweit 47.000 Opfer des Abtreibungsverbotes. 47.000 tote Frauen im Jahr, weil das Gesetz ihnen verbietet, eine ungewollte Schwangerschaft abzubrechen. Vielleicht sollten die mal zur Neujahrsansprache auf dem Petersplatz aufgebahrt werden, damit der Vatikan endlich begreift.

Nein, es ging noch nie um die Verharmlosung oder gar Propagierung von Abtreibung. Die griffige Parole "Mein Bauch gehört mir" war eine provokante, doch relativ gesehen moderate Reaktion auf die Anschuldigung, abtreibende Frauen seien "Mörderinnen". Die Frauenbewegung war nie für Abtreibung – im Gegenteil: sie hat dank Aufklärung und Selbstbestimmung sehr viel dagegen getan. Die Frauenbewegung war immer nur für das Recht auf Abtreibung, also pro Frauen in Not. Es ging und geht uns bei der Abtreibungsdebatte ausschließlich darum, dass ungewollt schwangere Frauen nicht länger entmündigt werden und ihnen medizinische Hilfe gewährt wird. Schwanger warum auch immer: weil die Verhütung versagt hat, weil beide unachtsam waren oder weil die Frau zum Verkehr gezwungen wurde.

Es ging den Feministinnen noch nie um Propagierung von Abtreibung

Denn Frauen, die nicht Mutter werden wollen, treiben ab; egal, was sie glauben oder nicht; egal unter welchen Umständen, selbst bei drohender Todesstrafe (wie im Dritten Reich). Sie sind es ja schließlich auch, die nicht nur neun Monate schwanger, sondern danach auch mindestens zwanzig Jahre verantwortlich sind für das Kind, nicht selten allein oder fast allein, quasi immer an erster Stelle.

In den 70er Jahren haben Feministinnen in der ganzen westlichen Welt das Recht auf Abtreibung erkämpft; ein Kampf, der nicht zufällig zum Auslöser der Frauenbewegung wurde. Denn bei dem Recht auf Abtreibung geht es um viel: um das Recht auf selbstbestimmte Mutterschaft, um die Verfügung über den eigenen Körper, um eine angstfreie Sexualität. 35 Jahre später hat Deutschland noch immer eines der restriktivsten Abtreibungsgesetze Europas, hinter uns rangieren nur noch die erzkatholischen Länder Polen und Irland. Selbst Portugal führte im Frühling 2007 die Fristenlösung ein, das Recht auf Abbruch in den ersten zehn Wochen.

Deutsche Frauen haben dieses Recht bis heute nicht. Da gibt es nur die Gnade des "Beratungsscheins", für den die betroffene Frau zuvor zwei Institutionen zu konsultieren und um deren Zustimmung zu bitten hat. Diese Gnade ist Ermessenssache und steht naturgemäß auf wackligen Füßen. Sie könnte, unter veränderten gesellschaftlichen Vorzeichen, jederzeit auch wieder verweigert werden.

Und zur Zeit sieht es ganz so aus, als wollten gewisse Kräfte den schon jetzt so gefährlich eng gefassten § 218 noch fester zurren. Die Zeichen mehren sich.

Die katholische Kirche ist füh-
rend in der Anti-Abtreibungs-Propaganda

Nicht nur in Deutschland ist es den christlichen Fundamentalisten in den letzten dreißig Jahren gelungen, einen Stimmungswandel in Sachen Abtreibung herbeizuführen. Das Elend von einst scheint vergessen und der blauäugige Glaube daran, dass es immer so liberal weitergehen wird wie bisher, weit verbreitet. Gleichzeitig wird der Selbstherrlichkeit der katholischen Kirche, die führend ist in der Anti-Abtreibungs-Propaganda, kaum noch etwas entgegengesetzt. Entsprechend ist sie tonangebend. Selbst ihr Vokabular – von "Kindern" im Mutterleib zu sprechen statt von "Föten" – hat sich durchgesetzt. Ein Journalist schrieb in der Süddeutschen Zeitung sogar von "Kindstötung" im Zusammenhang mit Abtreibungen. Da sind die Mörderinnen nicht weit…

In Deutschland haben im Jahr 2015 noch 99.200 Frauen abgetrieben (2001 waren es 135.000). Hunderte dieser Frauen würden nicht mehr leben, Tausende hätten schwere körperliche Folgeschäden, hätten sie den Eingriff nicht legal und bei Ärzten machen lassen können, zwei von drei mit der schonenden Absaugmethode, jede knapp jede Vierte im Frühstadium mit der Mifygene-Pille. Und solche Frauen müssen sich heute wieder sagen lassen, sie seien "egoistisch", denn: "Deutschland hat zu wenige Kinder – und Sie treiben ab."

Neulich wurde sogar mir vorgehalten, ich ganz persönlich sei schuld am Kindermangel, weil ich für das Recht auf Abtreibung gekämpft hätte. Als könnte man Frauen zum Kinderkriegen zwingen. Als würden Schwangere, die nicht legal abtreiben können, Mütter werden; nein, eher verbluten sie.

Feministinnen tragen bei zu sinkenden Abtreibungs-
zahlen!

Und ich bin überzeugt, dass ich, so wie viele Feministinnen, eher zum Gegenteil beigetragen habe: nämlich dazu, dass weniger als je zuvor abgetrieben wird! Und, dass Frauen seltener verbluten. Die Abtreibungszahlen in Deutschland sinken seit Jahren, allein in den letzten sechs Jahren um 15.000. Was ganz einfach damit zu tun hat, dass Frauen heutzutage seltener ungewollt schwanger werden. Sie bestimmen die Sexual- und Verhütungspraktiken stärker denn je zuvor selber mit und werden, dank größerer Unabhängigkeit und entsprechendem Selbstbewusstsein, vielleicht auch seltener Opfer sexueller Übergriffe. Wenn es also heute weniger Abtreibungen gibt als früher, dann ist das vor allem der Frauenbewegung zu verdanken und nicht den Kirchen.

Doch kommen wir auf meinen netten, fortschrittlichen Kollegen zurück, der meint, ich würde "das alles heute ganz anders sehen". Wie war das alles also damals wirklich? Es war das Grauen! Vor 1971 redete eine Frau vor Scham und Angst noch nicht einmal mit ihrer eigenen Mutter oder besten Freundin darüber. Sie war total allein mit dem Problem. Und die Heterosexualität von Frauen war beherrscht von der Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft ("Währenddessen denke ich nur daran").

Als am 6. Juni 1971 der Stern mit der schockierenden Titelgeschichte erschien – da wusste keine der Frauen, die öffentlich erklärten: "Ich habe abgetrieben und fordere das Recht dazu für jede Frau", was am nächsten Tag geschehen würde: ob sie verhaftet wird, ihre Stelle verliert, die Nachbarn noch mit ihr sprechen, ihr Mann sie verlässt … Und das galt für die 365 unbekannten Frauen unter den Bekennerinnen ebenso wie für die neun Stars (darunter Romy Schneider und Senta Berger). Die riskierten fast noch mehr, nämlich ihre gesamte Karriere.

Die Veröffentlichung schlug ein wie eine Bombe. Das Tabu war gebrochen. Ein kollektiver Aufschrei ertönte: Ich auch! Die Frauen sammelten Unterschriften in Stadtteilen und an Universitäten, in Büros und Fabriken. Die Politiker brachen unter Waschkörben von Petitionen zusammen. Die Lawine war nicht mehr aufzuhalten – und wurde zum Auslöser der Frauenbewegung.

Wann gilt end-
lich das Recht auf Abtreibung in den ersten drei Monaten?

Wo aber stehen wir heute in Sachen Abtreibung? In Deutschland auf sehr dünnem Eis. Es ist, als seien wir in dieser Frage keine Demokratie, sondern ein Kirchenstaat. 

Das Sauberste und Sicherste wäre, die Politik – also alle Parteien links von CDU/CSU, die wir in der Frage wohl vergessen können, Kanzlerin hin, Kanzlerin her – würde es wagen, diese halbherzige Abtreibung auf Beratungsschein zu kippen und endlich eine klare Fristenlösung einzuführen: also das uneingeschränkte Recht der Frauen auf Abtreibung in den ersten drei Monaten! So wie selbst in katholischen Ländern wie Österreich, Frankreich oder Italien. Oder in der Schweiz, wo nach einer jahrzehntelangen halbherzigen Lösung 2002 die Fristenlösung eingeführt wurde, nach einem Volksentscheid. Aber in Deutschland entscheidet ja nicht das Volk, sondern der Vatikan.

Ich habe übrigens noch nie gehört, dass der Vatikan sich von diesen christlichen Predigern des Hasses und der Meuchelmörder im Namen Gottes distanziert hätte - so wie Papst Franziskus von den Terroristen aller Provenienzen. Und ich habe auch noch nie gehört, was denn die lebensschützende katholische Kirche eigentlich zu tun gedenkt angesichts der 47.000 toten Frauen im Jahr.

Der Text ist ein aktualisierter Auszug aus "Die Antwort" (2007, TB, Heyne). 

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