EMMA gefällt nicht

Wo wird das Gewissen abgestellt?

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Zum ersten Mal erlebt habe ich Juanita Henning von Doña Carmen 2009, nachdem sie zur Podiumsdiskussion in Stuttgart geladen hatte. Sie kritisierte die Razzia im "PussyClub", die Schließung dieses Flatrate-Bordells und die Verhaftung der Betreiber. Und sie beklagte ein „konservatives, fundamentalistisches Bündnis mit ausländerfreindlichen Ressentiments“. Damit meinte sie vor allem Polizei und Staatsanwaltschaft. Auf die Empörung über die Flatrate im Bordell entgegnete die aus Frankfurt Angereiste: „Die Frauen kamen auf einen Stundenlohn von 10 Euro, das ist doch völlig in Ordnung."

Der Satz klingt mir noch heute in den Ohren. Zehn Euro in der Stunde hielt Henning für eine angemessene Bezahlung der Prostituierten. Zwei der Frauen waren erst 16 Jahre alt! Zehn Euro dafür, dass sie auf ihrem Bett liegend, einen nach dem anderen Freier ertragen mussten. Freier, die vor dem Vorhang, der die Türe ersetzte, in der Schlange warteten, bis ihr Vordermann endlich fertig war und sie selbst zum Zuge kamen.

Der Ton damals und heute ist derselbe. Noch immer sieht die einstige Sozialarbeiterin nur die selbstständige autonome Prostituierte, die sich freiwillig und jenseits von jedem Zwang zu dieser Tätigkeit entschieden hat. Alter, Herkunft, Bildung, Gewalterfahrungen, nichts davon zählt, nichts davon hat Bedeutung.

Aber was ist mit Ancuta, der 24-Jährigen, die gerade weinend angerufen hat, weil ihr Unterleib so schmerzt und sie nicht mehr arbeiten kann? Dabei ist die Miete der letzten drei Tage offen. Das sind 240 Euro oder sieben Freier. Sich sieben Mal penetrieren lassen und sieben Mal Oralverkehr. Sieben mal zu viel für Ancuta. Aber wenn sie jetzt ihr Zimmer verliert und wieder zurück ins Bordell muss, zahlt sie dort das Doppelte.

Oder Angela, die so gerne lesen und schreiben lernen würde. Weil sie kein „Schlampenmädchen“ mehr sein will. Oder Donka, die schon wieder schwanger ist und jetzt das Geld für ihre dritte Abtreibung braucht. Dabei ist sie erst 19 und eigentlich will sie wieder zurück. Zuhause ist ihr vierjähriger Sohn. Dauernd zeigt sie Bilder von ihm und erzählt, dass sie Tag und Nacht an ihn denkt und nur deshalb diese „schreckliche Arbeit“ aushält.

Und Rajna? Sie steht erst seit drei Tagen auf der Straße. Weil das billiger ist. Davor hat sie im Saunaclub gearbeitet und allein für den Eintritt jeden Tag 70 Euro bezahlt, dann noch die 40 Euro fürs Übernachten, 25 Euro Steuer und 30 Euro für die Unterkunft ihres Ehemanns, der hier auf sie aufpasst. Und dann hatte sie noch nichts gegessen, der Mann kein Geld, um sich die Zeit in Cafés und Spielhallen zu vertreiben. Und nach Hause geschickt hatte sie auch noch nichts. Dann gab es Ärger, ihr Mann hat zugeschlagen und jetzt hat sie ein blaues Auge. Wieder mal.

Und Noémi? Zählt die für Doña Carmen? Noémi hat Halsschmerzen und furchtbare Angst, dass sie schon wieder eine Syphilis hat. Das haben hier viele. Weil Freier kein Kondom wollen. Schon gar nicht beim Französisch. Noemi lässt sich alle paar Wochen testen, putzt sich ständig die Zähne und hat jetzt trotzdem Halsschmerzen.

Noémi sagt, dass sie ein ganzes Jahr gebraucht hat, um sich an diese Arbeit zu gewöhnen. Das erste Jahr hat sie sich vor Ekel nach jedem Freier erbrochen. Jetzt weint sie nicht mehr jeden Tag. Nur noch manchmal, dann, wenn sie daran denkt, dass alle daheim darauf warten, dass sie Geld nach Hause schickt. Jeden Monat mindestens 500 Euro. Sie hat zwei arbeitslose Brüder mit Familie und eine Mutter, die alle ihre Unterstützung verlangen. „Was soll ich tun? Alle verlassen sich auf mich.“ - Geschlechtsverkehr ohne Kondom, auch oral? Das soll jeder selber entscheiden, erklärte Henning in einem Interview mit dem Stern.

Und Monica, Ruska, Veronica und wie sie alle heißen? Eine Geschichte gleicht der anderen. Überall sind sie: in den Bordellen, den Clubs, den Appartments, auf der Straße, im Escort – wohin man schaut, findet man Frauen wie sie. Und sie sind nicht die bedauernswerte Ausnahme. Der Ausländeranteil der neu erfassten Prostituierten in Stuttgart liegt bei 90 Prozent. Und Osteuropa führt die TopTen an.

Alice Schwarzer sagt, es geht bei der Prostitution um Macht. Ja! Es liegt an den Machtverhältnissen, wenn so viele Männer glauben, sie hätten das Recht, sich eine Frau zu kaufen. Und mit ihr zu machen, worauf sie Bock haben. Je jünger desto besser, gerne aus einem osteuropäischen Ghetto und der deutschen Sprache muss sie auch nicht mächtig sein. Wozu auch? Dabei sind unter den Freiern so einige, die auf Fairtrade-Produkte achten. Die Frühstückseier kommen nicht von Hühnern aus Legebatterien und Fleisch aus der Massentierhaltung landet auch nicht auf dem Teller. Das ist man sich schuldig, dazu reicht das Gewissen.

Wo wird das eigentlich abgestellt, während der eigene Schwanz im Leib der Frau wütet? Das Gewissen. Während man das Bemühen der Prostituierten beim Sex als „Freude am Job“ interpretiert? Wo wird das Gewissen zwischengelagert, während mann über den kosmetischen Makel eines verfärbten Auges oder schlecht überschminkter Brandmale auf der Haut hinwegsieht, weil mann ja schließlich dafür bezahlt hat?
Und wer steht für diese Frauen ein? Wer ist noch an ihrer Seite?

Frau Henning mit ihrer Doña Carmen - die ein Ein-Frauen-Betrieb zu sein scheint - bestimmt nicht. Diese Leute negieren die Erfahrungen der Prostituierten, leugnen deren Realität, bekämpfen jede Hilfe und jeden Schutz, den die Frauen so dringend benötigen.

Weil es ihnen sehr gelegen kommt, wenn die Polizei nicht rein kann in die Bordelle und Modelwohnungen, weil den Strafverfolgungsbehörden jegliche Eingriffs- und Zugriffsrechte genommen wurden mit der Reform von 2002. Jetzt fordert Doña Carmen, dieses selbsternannte "Hurenprojekt" auch noch die Streichung des § 180a StGB, der die „Ausbeutung von Prostituierten“ unter Strafe stellt; die Streichung des § 181a StGB gegen „Zuhälterei“; ja sogar die Streichung des § 232 StGB gegen „Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung“ und des § 233a StGB gegen „Förderung des Menschenhandels“!

Offensichtlich reicht es den Lobbyistinnen noch immer nicht, dass seit der Reform von 2002 die Strafverfahren von der Aussage der Opfer abhängen. Viel zu oft von jungen Frauen, die dann gegen die Eltern, den Ehemann, die Brüder, die Nachbarn aussagen müssten. Kein Wunder, dass engagierte Polizisten die Reform schon lange  als "Zuhälterschutzgesetz" bezeichnen.

Henning tritt auf als Doña Carmen "Verein zum Schutz der sozialen und politischen Rechte von Prostituierten". Wäre hier "Interessenvertretung der BordellbetreiberInnen" nicht ein ganzes Stück ehrlicher?

1988 konnte eine Frau im Hydra-Buch "Beruf Hure" noch sagen: "Allerdings finde ich das Aussteigen aus der Prostitution, aus dem Milieu, das Wichtigste im Leben einer Prostituierten." So ein Satz käme heute in den Kreisen auf den Index. Genauso wie der: "Einen gewissen Eigendruck hatte ich ja schon, nämlich den Ekel vor jeder Art Freier [...] und meine immer geringer werdende Identität und der Verlust meines Selbstbewusstseins."

Zwischen all den Lobbyistinnen bleibt mir nur, auf den langen Atem von Alice Schwarzer zu setzen. Darauf, dass sie nicht aufhören wird, gegen die Verharmlosung der Prostitution zu kämpfen. Und gegen den Sklavenmarkt, der sich mitten unter uns ausbreitet und eine Schande ist. Er betrifft uns alle.

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