Wut! Ist sie schon wieder vorbei?
Ist sie jetzt da, die Wut? Wird sie Politik und Institutionen erreichen? Und vor allem: die Menschen?
Oder ist es nur ein begrenztes Aufflackern in der Welt derer, die Collien Fernandes und Christian Ulmen aus dem Fernsehen und Internet kennen und an die Werbestory vom modernen, emanzipierten Paar geglaubt haben? Denn das ist ja die Fallhöhe in dieser Affäre: das Versprechen, dass es bei den beiden scheinbar anders, besser lief. Beide kümmern sich um Kind und Haus, beide machen Karriere, beide verdienen glamourös viel Geld.
Der „Partner“, wie es immer so nett heißt, soll sie „virtuell vergewaltigt“ haben, klagt sie. Und zum Glück ist sie eine starke, wehrhafte Frau. Zumindest jetzt. Und kaum geht sie nach vorn, folgen ihr viele. Das Phänomen der virtuellen sexuellen Gewalt ist so neu bzw. alt wie das Medium. Fernandes ist also keineswegs die einzige Betroffene, aber die erste, die ernst genommen wird.
Wir wundern uns über den Fall Ulmen/Fernandes. Wie kann das sein?
Eine aktuelle, von der deutschen Regierung in Auftrag gegebene Studie ergab, dass knapp jede fünfte Frau in Deutschland im Laufe ihres Lebens Opfer von Gewalt bzw. sexueller Gewalt durch den eigenen Mann/Freund geworden ist. Das sind über sieben Millionen Frauen! Aber noch nicht einmal jedes 20. Opfer zeigt den Täter auch an.
Die von Männern gegen die eigenen Frauen ausgeübte Gewalt war und ist so heftig, dass rund jede zweite Malträtierte körperliche Folgen davontrug. Die Hälfte dieser Opfer fürchteten sogar um ihr Leben. Und hier reden wir zwar von einer sogenannten Dunkelfeldstudie. Doch es darf angenommen werden, dass die Zahlen noch höher sind.
Der Empörung im Fall Ulmen/Fernandes bahnte der weltweit erschütternde Fall Pelicot den Weg. Dominique Pelicot hatte seine Frau, von der er bis zuletzt sagte, dass er sie liebt, zehn Jahre lang fast Nacht für Nacht betäubt und von fremden Männern vergewaltigen lassen. Diese Männer hat er im Internet angesprochen. 81 kamen, 51 konnte gefasst werden. Alle kamen aus der Region, im Umkreis von 75 Kilometern. Mazan, wo die Pelicots wohnten, liegt in einer der idyllischsten Landschaften Frankreichs, in der Provence, am Fuß des Berges Ventou. Die Männer, die ohne Zögern eine betäubte Frau missbrauchten – nur einer lehnte ab – kamen aus allen Gesellschaftsschichten und allen Altersklassen.
Ja, Dominique Pelicot ist ein Monster. Aber noch unheimlicher ist, dass auch all die anderen mitmachten. Einer imitierte umgehend das Vergnügen von Dominique Pelicot. Auch er betäubte seine Frau und lud Fremde zum Vergewaltigen ein. Sein erster Visiteur war Pelicot. Alarmiert bot die Polizei den Ehefrauen der 51 Mittäter eine Analyse ihrer Haare an, die gezeigt hätte, ob auch sie schon mal betäubt worden wären. Nicht eine nahm das Angebot an. – Das ist, was noch unheimlicher ist als das eine Monster: die vielen normalen Männer, die es auch tun, und die vielen Frauen, die es nicht wissen wollen.
Es passt zum Szenario, dass in Deutschland nur jeder 100. Vergewaltiger verurteilt wird
Und da wundern wir uns über den Fall Ulmen/Fernandes? Wie kann das sein? Der Anwalt des beschuldigten Christian Ulmen führt ins Feld, Ulmen habe bei einer Schlägerei des Paares „einen Kratzer am Hals“ davongetragen. Da können die Opfer der sogenannten „häuslichen Gewalt“ (schlagende Häuser? Oder schlagende Männer?) nur müde lächeln.
Es passt zu dem Szenario, dass in Deutschland nur jeder 100. Fall, in dem eine Frau einen Mann der Vergewaltigung bezichtigt, letztendlich auch verurteilt wird. Die Hürden zur Gerechtigkeit sind hoch: Da sind als erstes die Falschbeschuldigungen (vielleicht drei Prozent? Schließlich weiß jede Frau, dass sie vor Gericht erstmal richtig dran wäre). Es folgt das Nichternstnehmen. Sodann Das-Opfer-lügt. Zuguterletzt: Er-hat-den-besseren-weil-teureren-Anwalt.
Es sitzt also nur ein Bruchteil der Täter im Gefängnis. Und trotzdem reicht es für den folgenden ungeheuerlichen Gender Gap: 95 % aller Gefängnisinsassen sind Männer, nur 5 % Frauen. Und das seit Jahren. Soweit die Gewalt.
Reden wir über Geld. In Deutschland, dem Land der Rabenmütter und Teilzeit arbeitenden Frauen, bekommt eine berufstätige Frau in der Lebenssumme halb so viel Lohn wie ein Mann (Quelle FAZ). Wg. Teilzeit, Familienpause etc. Was bedeutet: Frauen können auch aus ökonomischen Gründen eine unerwünschte Beziehung nicht so leicht beenden und müssen doppelt bangen vor einem einsamen Alter in Altersarmut.
Jüngst sagte bei einer meiner Lesungen eine Frau aus dem Publikum, sie war älter, sie wolle hier nicht so viel über sexuelle Gewalt reden, die Frage der Berufstätigkeit beschäftige sie viel mehr. Ja. Aber beides bedingt sich gegenseitig. Die durch Pornografie und Prostitution sowie virtuelle und reale Sexualgewalt gedemütigten Frauen sind natürlich auch im Beruf dem Mann gegenüber unsicherer und schwächer bzw. bescheiden sich gleich mit Teilzeit, im Namen der „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“.
Die Gewalt ist der dunkle Kern von Machtverhältnissen. Die drohende oder ausgeübte Gewalt. Das gilt zwischen Völkern und Klassen oder Ethnien ebenso wie zwischen den Geschlechtern. Die sexualisierte Gewalt ist der Kern des Machtverhältnisses zwischen Frauen und Männern.
Gleichzeitig aber teilen Frauen und Männer Tisch und Bett. Hass und Liebe sind eng, quasi unlösbar verknüpft. Dieser Gedanke ist so schwer erträglich, dass die Realität verdrängt werden muss. Wir alle sehen weg, wo wir hinsehen müssten. Um das zu ändern, braucht es mehr als ein paar Demos und neue Gesetze. Es braucht eine fundamentale Erschütterung und Bewusstseinswerdung.
Unser ganzes System ist ein Männersystem. Wir leben noch im Patriarchat. Collien Fernandes hat ganz recht, wenn sie sagt: Deutschland ist ein Täterparadies. Bei der Justiz muss noch sehr viel gelernt und verstanden werden. Bei der Polizei läuft es schon besser. Sie ist so unübersehbar mit der Realität konfrontiert, dass die Wahl zwischen Wegsehen und Hinsehen klar ist.
Darum geht es: Nicht mehr wegsehen! Denn sie sind ja neben uns. Sei es im selben Büro, im selben Restaurant, auf demselben Sportplatz, in derselben U-Bahn. Sie sind gleich nebenan. Täter wie Opfer.


