Frauen der ANC Women’s League protestieren auf dem Weg zum Gericht.. - © Getty Images
Frauen der ANC Women’s League protestieren auf dem Weg zum Gericht.. - © Getty Images

Zu mildes Urteil fĂĽr Pistorius?

Überraschung im Prozess gegen Oscar Pistorius, der seine Freundin, Reeva Steenkamp, in der Nacht zum 14. Februar 2013 erschossen hatte. Die Richterin schloss nicht nur „Mord“, sondern auch „vorsätzliche Tötung“ aus. „Die Fakten reichen nicht aus“, erklärte Thokozile Masipa, „um diese These zu stützen.“ Jetzt hat sie den Paralympics-Star wegen „fahrlässiger Tötung“ verurteilt. Das Strafmaß wird sie erst in einigen Wochen verkünden. Möglich ist alles - von 15 Jahren Haft bis zur Bewährungsstrafe. Ist der Sportheld womöglich schon bald wieder frei?

Reeva ist eine von 2.500 ge-
töteten Frauen im Jahr

Vor dem Gerichtsgebäude demonstrierten während der Urteilssprechung Frauenrechtlerinnen gegen das milde Urteil. Die Frauenrechtsorganisation ANC Women’s League hatte der Mutter des Opfers, June Steenkamp, auch die Reise zum Prozess finanziert.

In Südafrika ist die Gewalt gegen Kinder und Frauen allgegenwärtig, nicht nur in den Townships. Man schätzt, dass jede dritte Frau vergewaltigt wurde, noch bevor sie das 18. Lebensjahr erreicht. Rund 2.500 Frauen im Jahr werden ermordet: erschlagen, erwürgt, erschossen. Das milde Urteil im Fall Pistorius wird nicht nur nach Befürchtungen südafrikanischer Feministinnen die Hemmschwelle in Sachen Gewalt gegen Frauen noch senken.

Der Fall des afrikanischen Läufers erinnert frappant an den Fall eines deutschen Boxers: Bubi Scholz, auch er zu seiner Zeit berühmt, wenn auch nicht mehr im Ring.

Scholz hatte vor genau 30 Jahren seine Frau erschossen, ebenfalls durch die Badezimmertür. Und obwohl er sogar die Silhouette seiner vor ihm und dem Jagdgewehr flüchtenden Frau durch die Glastür des Bades hatte sehen können, bekam er nur drei Jahre und war sehr bald wieder frei.

So ein Frauen-
leben ist eben
nicht viel wert.

Das Herz der Nation schlug damals nicht etwa auf der Seite des Opfers, sondern auf der des Täters. Der arbeitslose Bubi sei von seiner tüchtigen Frau (die eine Drogerie auf dem Ku’damm führte) ja regelrecht abhängig gewesen, klagte der unnachahmliche Gerhard Mauz im Spiegel und die Saarbrücker Zeitung seufzte: „Vor Gericht macht Bubi eher den Eindruck eines Opfers denn eines Täters.“

Zwei Jahre nach den tödlichen Schüssen auf seine Frau konnte Bubi Scholz das Gefängnis verlassen. Abgeholt wurde „der Boxer mit dem gebrochenen Herzen“ im weißen Mercedes von seiner Freundin, die er seit fünf Jahren hatte. Und sodann kassierte er noch obendrein die 650.000 DM Lebensversicherung seiner Frau. Denn es war ja weder „Mord“ noch „Totschlag“, sondern nur „fahrlässige Tötung“.

Ganz wie im Fall Pistorius.

So ein Frauenleben ist eben nicht viel wert. Vor allem dann nicht, wenn der arme Mann so „leicht erregbar“ ist, wie Pistorius.

Aktualisiert am 12.9.2014

 

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