Toni Morrison
Die schwarze Nobelfrau
Toni Morrison hat das Schweigen gebrochen und vertraut der Macht des Wortes. Nun erhält sie als erste schwarze Autorin den Nobelpreis für Literatur.
Toni Morrison erhält den Nobelpreis für ihre "Romankunst, die geprägt von visionärer Kraft und poetischer Prägnanz, eine wesentliche Seite der amerikanischen Wirklichkeit verlebendigt. "Eine weise Entscheidung der schwedischen Akademie. Um so mehr, als das Talent gewisser Männer, die hierzulande literarische Noten verteilen, gerade dazu reicht, Toni Morrison als "Außenseiterin", als "Stammeskönigin" oder "Black Mama" abzustempeln oder sie als "mittelmäßige Schreiberin" und Quotenfrau zu disqualifizieren. Toni Morrison hat die Macht der Sprache neu entdeckt in den Stimmen der Sprachlosen. "Unser Schweigen war tief und dauerte lang", sagte sie in "Newsweek". "In der herrschenden Literatur wurde über uns gesprochen, zu uns oder für uns. Wir dienten als Witzfiguren oder sinnliche Surrogate. Heute holen wir uns unsere Geschichte zurück. Wir erzählen sie selbst."
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Morrisons Geschichte beginnt 1931 in den Arbeitervierteln von Lorain, Ohio, wo das Geld knapp und Helfen und Teilen eine so lebenswichtige Erfahrung war. Da¬mals, sagt Morrison, galt Armut nicht als degradierend: "Es waren vielmehr die Reichen, von denen man eine Erklärung verlangte. Kapitalismus fängt mit Diebstahl an, sagten wir, und verachteten die Geldgierigen, die zu geizig waren, der Gemeinschaft irgendetwas zurück zu geben. Es waren eher die Klassen- als die Rassenmarken, die uns damals trennten."
Doch: "Eines Tages kam ein kleiner Junge, Sohn italienischer Emigranten in meine Klasse, der kein Wort Englisch verstand. Ich half ihm, unsere Sprache zu lesen, sprechen und schreiben zu lernen. Nach sechs Monaten hatte er die ersten Grundsätze kapiert; er schaute mich an, spuckte aus und sagte 'Du Nigger'." Morrison erzählt gern von den starken Frauen in ihrer Familie, von der Urgroßmutter, vor der die jungen Männer ehrfürchtig aufstanden und von den Geschichten, die sie am Küchentisch erzählten: aus der Zeit der großen Wanderung und der Flucht der verschuldeten Familie aus dem Süden Alabamas in die Industriestädte des Nordens.
Von den Frauen lernte Morrison, ihren Träumen zu vertrauen: "Ich brauchte mich vor meinen Alpträumen nicht zu fürchten, mußte nichts abspalten oder unterdrücken. Heute finde ich diese Art wacher Traumzeit nur noch, wenn ich schreibe..." Schreibend wagte Toni Morrison, über die 300 Jahre lange Geschichte der Sklaverei nachzudenken, an die niemand sich erinnern wollte. Aus der anonymen Handelsware des weißen Mannes werden in Morrisons Roman "Beloved" Menschen, die einen Namen haben und ein Leben; Menschen, die von den Stockschlägen der Meister gezeichnet bleiben, die verstummen, wenn ihnen wie den Tieren ein Mauleisen angelegt wird.
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Die freigekaufte Sklavin Baby Suggs beschwört und verwandelt den Schmerz und die Schande. "Fleisch sind wir", sagte sie, "Fleisch, das weint und lacht. Fleisch, das barfuß im Gras tanzt. Liebt es. Liebt es nach Kräften. Dort drüben lieben sie euer Fleisch nicht. Sie verachten es... Und, o nein, sie lieben auch euren Mund nicht. Drüben, da draußen wollen sie sehen, wie er gebändigt wird, und ihn von neuem bändigen. Was ihr mit eurem Mund sagt, wollen sie nicht achten. Was ihr mit ihm herausschreit, hören sie nicht." Morrison traut der heilenden Kraft der Worte, dem uralten Zauber der Sprache, die Totes zum Leben erweckt. Sie warnt vor der "christlichen Liebe" einer Gesellschaft, die noch immer mit Stockschlägen auf schwarze Körper eine weiße Zivilisation retten will und vertraut, trotz allem, der erzieherischen Kraft der Vernunft. "Zum Rassisten ist keiner geboren", sagt Morrison.
Nach den ersten Erfolgen der Bürgerrechtsbewegung Ende der 70er Jahre war sie voller Hoffnung und glaubte, die erkämpften Rechte seien irreversibel gesichert. Dann erlebte sie, wie mit Reagan die Wende zurück zum Geist der 50er Jahre begann: "Da dachte ich, selbst wenn es schlecht steht um die Schwarzen, gibt es doch die Frauenbewegung, da ist immer eine mächtige befreiende politi¬sche Kraft. Aber das Gegenteil geschah; ganz plötzlich zogen sich die Frauen in Haus und Herd zurück, wurden wieder dünn und hübsch unterdrückt, bulimisch und anorektisch. Ich sah zu und dachte, nur weg, wo ist mein Paß? Und dann dachte ich noch einmal nach und sagte mir: Nein, hier sind die Barrikaden, hier ist die Front. Hier will ich bleiben." Im Dezember 1993 wird eine kämpferische Prophetin mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt.
Elisabeth Wehrmann, EMMA 6/93
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