SEXUELLER MISSBRAUCH
Das vernichtende Urteil
Der Prozess bewegte monatelang die internationale Presse (wenn auch mit sehr unterschiedlichem Tenor: contra-Allen in den USA. pro-Allen in Deutschland). Doch als das Urteil fiel, herrschte Schweigen zumindest in der deutschen Presse. Der Spiegel, der wiederholt über Seiten auf den Fall eingegangen war, begnügte sich plötzlich mit dem sprachlosen Abdruck einer Karikatur... Darum liefert EMMA jetzt die Informationen über das am 7. Juni gesprochene Urteil nach.
Als "schuldig in allen Punkten" erkannte Richter Elliott Wilk Woody Allen. Er erteilte Mia Farrow das alleinige Sorgerecht für alle Kinder. Seinen fünfjährigen leiblichen Sohn Satchel darf Allen dreimal in der Woche sehen, allerdings "nur in Begleitung eines Psychologen". Seine siebenjährige Adoptivtochter Dylan, deren Missbrauch Farrow ihm vorgeworfen hatte, darf er solange nicht sehen, wie sie in therapeutischer Behandlung ist. Sein 15-jähriger Adoptivsohn Moses darf selbst entscheiden und weigert sich, Allen wiederzusehen. Die Kosten beider Parteien gehen zu Lasten von Woody Allen, sie werden auf zwei Millionen Dollar geschätzt.
Die New York Times berichtete weiter: "In einem vernichtenden Urteil von 33 Seiten warf Richter Wilk Herrn Allen vor, er habe mit einer Tochter seiner Lebensgefährtin eine Liebesaffäre begonnen, habe Familienmitglieder gegeneinander aufgewiegelt und habe von den wichtigsten Dingen im Leben seiner Kinder keine Ahnung. Der Richter beschrieb Woody Allen als einen 'eigennützigen, unzuverlässigen und unsensiblen' parent." (Anm. d. Red.: 'Elternteil' ist die in Amerika übliche geschlechtsneutrale Bezeichnung für Vater und Mutter.)
Der Richter verurteilte das Verhältnis Woody Allens zu seiner "sozialen" Tochter Soon-Yi hinter dem Rücken von Mia Farrow moralisch. Und er hielt den sexuellen Missbrauch der heute siebenjährigen Dylan nicht für ausgeschlossen. Wenn auch nicht für beweisbar, die Indizien seien "unklar". Dabei bezog sich Richter Wilk auch auf die Psychotherapeutin der kleinen Dylan, die Allens Verhältnis zu Dylan als "unangemessen intensiv" bezeichnet halte. Es sei auch noch unklar, ob Allen sich jemals "die Einsicht und Urteilsfähigkeit aneignen" könne, die für den Aufbau einer "angemessenen Beziehung zu Dylan" erforderlich ist. Das New Yorker Gericht konstatierte bei Allen eine grundsätzliche "schwerwiegende Unzulänglichkeit" in Sachen Elternschaft.
Die New York Times: "Das Gericht stellte in so gut wie allen Punkten seine elterliche Eignung in Frage und nannte Allens Verhalten den Kindern gegenüber ‚Missbrauchend und gefühllos'." Im Urteilsspruch heißt es wörtlich: "Herr Allen hat keinerlei elterliche Fähigkeiten gezeigt, die ihn als angemessenen Betreuer von Moses, Dylan oder Satchel ausweisen würden." Einzige Kritik des Richters an der Mutter: "Frau Farrows einzige Unzulänglichkeit als verantwortliche Erziehungsperson war wohl ihre fortgesetzte Beziehung mit Herrn Allen."
EMMA September/Oktober 1993
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