Die sanfte Wilde
Eine Hommage an Friederike Mayröcker zum 70sten - geschrieben von Freundin und Kollegin Elfriede Gerstl.
Auch wenn wir uns nur selten sehen, ist Big Fritzi wie eine liebe Verwandte, die ich halt selten sehe. Kennengelernt haben wir uns anläßlich der ersten großen Lesung aus H.C. Artmanns Dialekt-Gedichten. Ich glaube es kaum, wie lange das her ist, 1958, zu einer Zeit, als Schüchternheit noch kein so abgelehntes, schnellstens wegzutherapierendes Verhalten war. Als ich F.M., ihren Lebensgefährten Ernst Jandl, und später Elfriede Jelinek kennenlernte, da haben sich Freundschaften noch langsamer entwickelt, die Gespräche bei Zusammenkünften eröffneten weniger Intimes über die Personen als ihre Texte (die mit Bedacht ausgewählte autobiografische Partikel enthielten). F.M., die 24 Jahre lang Englischlehrerin an einer Pflichtschule war, von vielen ihrer Schülerinnen geliebt und als Vorbild verehrt, wollte schon immer nichts als schreiben und Ruhe für ihre Schreibarbeit. Sie hat sich früh gegen alle Widrigkeiten des Alltags - das beengte Wohnen, die Einengungen durch einen Brotberuf, die jahrzehntelange verstockte Ablehnung ihrer Texte - eine üppige Gegenwehr entworfen: den Reichtum ihrer Literatur. Die immer freundliche, schüchterne, stets hilfbereite, oftmals abwesend wirkende F.M. ist eine permanent und hart an ihrer literarischen Entwicklung arbeitende Autorin, die sich selbst in Gesprächspausen oder während sie Vorträgen zuhört, immerzu Einfälle auf kleinen Zetteln notiert und sich mitten im eingefahrenen Kommunikationsgequassel lieber auf die spannendere große Fahrt ihres Assoziationsstroms begibt. Sie ist auch in Zeiten des Rundum-Mißverstandenwerdens und der geringen Beachtung unbeirrt ihren Weg gegangen, sensibel für Zeitströmungen und dennoch die literarischen Moden ignorierend. Erst spät, nämlich 1966, ist sie zu einem großen Verlag, Rowohlt, gekommen und bekanntgeworden.
Was ist denn so kompliziert an den Texten der F.M.? Ich meine ja, sie sind einfach und komplex, nicht kompliziert (worunter ich abwertend: wolkig, ungenau oder unnötigerweise verhüllend und erkenntnishindernd verstehe). Das Gegenteil ist der Fall: F.M.s Literatur ist genau, sensibel und erkenntnisfördernd. Es kommt darauf an, ob du imstande bist, dich zu öffnen und deiner (eigenen) Sensibilität zu vertrauen.
Dieser Vorgang ist allerdings schon vonnöten, um eine so einfache Speise wie eine frische reife Tomate zu erschmecken, Geruch und Geschmack eines frischen Basilikumblattes, liebe Frauen und versprengte Leser. Literatur, wie sie Fritzi macht, kann von sensiblen, gutwilligen und nicht vorschnell ängstlich sich verschließenden Leserinnen/Lesern genossen werden, ausgeschlafen, in fröhlicher oder trauriger Gestimmtheit, aber ohne jede Krampfhaftigkeit, etwa der krampfhaften Suche nach einem Handlungsfaden. Vor lauter Fast-Food-Essen der Linearität von Ketchup und Stories, die übersichtlich einer Pointe zueilen, haben viele nicht gelernt, darauf zu achten, was ihnen Gaumen, Zunge, Nase mitteilen könnten; und schon gar nicht, was ihnen ihre Sensibilität zu bescheren imstande wäre.
Mir scheinen manche Texte der F.M. etwas Textiles an sich zu haben, ein feines Sprach-Gewebe (das Halt und Stütze gibt oder ist?), „wie", sagen wir, in einer Flüssigkeit „wie" schwebend. Diese sanfte Kraft des Fließens kann so bei geglückter Rezeption ein Mit-Fließen entstehen lassen, eine Aktivierung eines (eigenen) privaten Assoziationsstroms, ein Mitgerissensein, ähnlich dem Zustand der Verliebtheit.
Mayröckers Themenfäden beziehen sich auf Körperverfassungen, Alter, Abschied, Beziehungsprobleme; sie nehmen Gesprächspartikel und Traumreste auf. Ihr neuestes Buch, „Lection", handelt nur von Frauen: der Mutter, der Ich-Erzählerin und den beiden Pflegepersonen, sowie einer Pflegerin, die aus mehreren Personen zusammengesetzt ist, wie mir Fritzi erklärt. Es geht ihr nicht um das Abpausen sogenannter realer Personen, sondern um die sehr moderne Auflösung eines Ensembles von Eigenschaften (psychischen, emotionalen, auch verfestigten Gewohnheiten), das in der Flüchtigkeit und zugleich Strukturiertheit eine Entsprechung findet. Ihr theoretisches Programm formuliert sie als permanentes Fließen und sich im Fluß sein lassen am besten selbst im ersten Satz der „Magischen Blätter I": „Die meine Arbeit begleitenden Theorien und Ansichten befinden sich in einem Zustand permanenter Bewegung, die zwar ihr Tempo ändert, sich aber an keinem Punkt fixieren läßt, weil dadurch die Arbeit selbst gestört würde. Was ich jetzt zu meiner Arbeit sage, könnte nur eine Aussage über einen fiktiven Fixpunkt sein und müßte womöglich morgen widerrufen werden." Ohne Emanzipation explizit einzufordern, ist F.M.s Leben und Arbeiten ein permanentes Bemühen um Unabhängigkeit, ist ihre Literatur ein kräftiges Zeugnis ihrer künstlerischer und intellektueller Selbständigkeit.
Elfriede Gerstl, EMMA November/Dezember 1994
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