GANZTAGSSCHULE
Realität besiegt Ideologie
Als Politiker war der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber lange gegen die Ganztagsschule - als Vater ist er dafür.
Nichts ist überzeugender als die Realität - vor allem dann, wenn sie einem selbst zustößt. Nichts zerstört Ideologien radikaler als der Alltag, nichts macht pragmatischer als Stress. Wenn die Realität zuschlägt, müssen selbst Ministerpräsidenten ihr Weltbild verrücken, und Schulministerinnen geben zu, dass sich das Leben so, wie es sich die bayerische CSU vorstellt, halt nicht mehr leben lässt.
Jüngst gab es in Bayern eine kleine Kulturrevolution. Besser: Sie ließ sich nicht länger verbergen, denn selbst der Chef der bayerischen Staatsregierung lebt schon nach den neuen Regeln. Edmund Stoiber und seine Frau Karin mussten zugeben, dass sie ihren Sohn seit sechs Jahren auf eine Ganztagsschule schicken. Auf eine dieser Schulen, die in Deutschland, aber insbesondere in Bayern, noch immer die Ausnahmen sind.
Ganztagsschulen werden meist von privaten Vereinen oder den Kirchen unterhalten. Der Staat fördert sie kaum, weil sie dem traditionellen Familienbild nicht entsprechen, das so aussieht: Morgens geht Papi in die Arbeit, Mami geht einkaufen und kocht, und wenn dann mittags die Kinder aus der Schule kommen, steht das warme Essen auf dem Tisch. Nachmittags kümmert sich die brave Mutter darum, dass die Kleinen das Bruchrechnen kapieren und fragt Englisch-Vokabeln ab. Abends kommt Papi nach Hause und darf stolz auf den Nachwuchs sein.
Dass das 50-er-Jahre-Idyll im wahren Leben nicht hinhaut, ist auch Familie Stoiber klar. Seit 1993, als Stoiber Ministerpräsident wurde, so erklärte die Staatskanzlei, habe auch Frau Stoiber so viele Termine, dass kaum mehr Zeit bleibe, sich Nachmittage lang um den Sohn zu kümmern. Und weil die Stoibers nicht darauf vertrauen, dass das Kind Schularbeiten und nicht Unsinn macht, schickten sie es auf eine Ganztagsschule. So weit, so gut.
Es begab sich aber in diesem Lande, dass auch viele Frauen Termine haben, deren Mann nicht Ministerpräsident ist. Die Frauen nämlich, die morgens ins Büro rennen oder auf Dienstreise gehen. Die von unterwegs aus anrufen, ob das Kind die Pizza aus der Mikrowelle geholt hat und ob noch Schulhefte zu besorgen sind. Solche Frauen sind im Weltbild deutscher Politiker nicht vorgesehen, und wenn, dann nur als Rabenmütter.
Dabei fordert jede Wissenschaftskommission, die sich um die Probleme der Familie kümmert, gebetsmühlenhaft immer wieder die Ganztagsbetreuung, sozusagen als Grundlage für die oft zitierte Gleichberechtigung der Frauen. Im weltweiten Vergleich steht (West-)Deutschland bei der täglichen Unterrichtszeit ganz hinten.
Bei westdeutschen Eltern herrscht Verzweiflung. Da kämpfen 150 Mütter um 20 freie Krippenplätze; Paare, die längst heiraten wollen, gehen nicht zum Standesamt, weil sie sonst nicht mehr als alleinerziehend (und somit nicht mehr als "Härtefall" gelten) - und in der Warteliste für die Ganztagsbetreuung nach hinten rutschen.
Ganztagsschulen sind ein Jahr vorher ausgebucht und die Eltern berappen dafür bis zu 800 Mark im Monat. Stoibers können sich das leisten ... Jetzt hat der bayerische Ministerpräsident auch öffentlich zugegeben, dass Nachmittagsbetreuung nötig ist. Er erklärte, schon im kommenden Schuljahr werde im Freistaat "alles besser".
Besser? Es soll sichergestellt werden, dass die Kinder bis 13 Uhr in der Schule bleiben, damit die Mütter wenigstens einen Halbtagsjob annehmen können, von denen es bekannterweise viel zu viele gibt. Dumm nur, wenn der Termin der Gattin des Ministerpräsidenten auf dem Nachmittag liegt.
Anette Ramelsberger, EMMA September/Oktober 2000
Der Artikel erschien erstmals in der "Süddeutschen Zeitung".
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