Fussball-WM
Kleine Typologie des Fans
Er bevölkert in diesen Wochen unsere Straßen, Kneipen und Wohnzimmer. Er reist von weit her oder teilt mit uns Couch und Fernseher. Die Autorin kennt ihn wirklich gut, den Fan.
Jetzt sind Sie fällig! Sie kommen sonst relativ einfach am Fußball-Gucken vorbei, aber jetzt ist der Moment der Wahrheit gekommen. Vier Wochen lang dem eigenen Wohnzimmer fernbleiben – das geht einfach nicht. Und da Sie auch nicht permanent mit Ohropax und Scheuklappen durch die Stadt laufen können, ist die Konfrontation mit König Fußball unausweichlich. Der Kampf ist zwecklos, schauen wir dem Feind lieber ins Gesicht – besser gesagt aufs Maul. Denn was der Fußballmann an sich während dieser neunzig Minuten Spielzeit so von sich gibt, das passt in keine Sitcom. Hier – zur Eingewöhnung – schon mal die wortführenden Prototypen unter den Fußballmännern diesseits der Mattscheibe.

Der Historiker à la Günther Netzer
Er ist eines der nervigsten Kaliber. Er ist deshalb so unangenehm, weil er Fußball nicht als das betrachtet, was es ist, nämlich schlicht eine banale Sportart, sondern als hoch komplexe Wissenschaft. Der Historiker kennt sämtliche Zahlen und Fakten auswendig: Egal welche Minute des Spiels gerade läuft, egal welche Mannschaften auf dem Platz stehen, er hält Vergleichswerte parat; Stil: „Damals 1982 hatten wir in Minute 34 gegen England schon drei eigene Tore gesehen.“ Tore sind ja schließlich auch einschneidende Ereignisse in einem Fußballspiel, sagen Sie, dass er sich die merken kann, meinen Sie, sei kein Kunststück. Geschenkt. Aber sein Wissen ist auch damit noch lange nicht erschöpft. Sogar einzelne Dribblings eines Felix Magath bei der WM 1982 hat er abgespeichert. „Ball vorm linken Fuß, Magath stoppt, täuscht mit Rechts, spielt mit Links ab“, referiert er aus dem Sessel und keucht, als habe er den Ballzauber nicht nur beschrieben, sondern vorgeführt.

Der Meckerer à la Dittsche.
Er ist in Deutschland sehr verbreitet. Im wahren Leben ist er ein durchschnittlich unterdrückter und überdurchschnittlich unzufriedener, also völlig normaler Arbeiter. Der Anpfiff ist sein Startsignal. Jetzt legt er los und offenbart sein Hasspotenzial. Sorgfältig wählt er seine Opfer aus. Mit Vorliebe entscheidet er sich für Spieler, die auch die Bild-Zeitung und Franz Beckenbauer auf dem Kicker haben. Ohne mediale Rückendeckung sagt er gar nichts. Seit etwa einem Jahr hat er sich auf den Torhüter eingeschossen. „Immer dieses Gewechsel im Tor, das bringt doch nichts“, sagt er gern. Zwangsläufig zog auch Klinsmann den Groll des Meckerers auf sich. Denn Optimismus und Veränderungen gehören zu seinen persönlichen Erzfeinden – im Sport und überhaupt. Aus diesem Grund ist ein Fußballspiel für ihn auch keine Entspannung, sondern Stress pur. Vor allem späte Einwechsel, die er nicht nachvollziehen kann, bergen ein hohes Herzinfarkt-Potenzial. Seine Lieblingskommentare zum Spielgeschehen: „Du Versager!“, „Du kannst nichts!“ oder der Dauerbrenner: „Geh doch nach Hause!“

Der Emotionale à la mein Freund
Er lebt beinahe ebenso gefährlich wie der gutmütige Trainer-Typ. Er brüllt zu wenig, er ist nicht unerschütterlich davon überzeugt, dass er alles besser weiß und, ganz übel, er kann seine Nervosität nur sehr schlecht verbergen. Er steht auf, wenn er ein Tor erwartet, er sinkt nieder, wenn es nicht geklappt hat. Sobald es spannend wird, weil Deutschland zwei zu null hinten liegt, beginnt für ihn der Horrortrip. Er nippt ständig an seinem Bier herum, er reibt sich die Schläfen, juckt sich an den Augen und am Mund und zupft an seinem Hemdkragen herum. In der Nachspielzeit geht er immer auf Toilette. Elfmeterschießen bedeutet das Aus für seine Fingernägel.

Der Schleimer à la Reinhold Beckmann
Er ist für Frauen der gefährlichste unter den Fußballfans. Denn zeichnet sich der Fußballmann eigentlich durch entspannendes Desinteresse an Frauen aus – zumindest während des Spiels – so bildet der Schleimer die Ausnahme. Permanent beugt er sich in den weiblichen Luftraum, um flüsternd Geschichten zu erzählen, von denen er glaubt, dass Frauen sie witzig finden. Selbstredend geht er davon aus, dass diese an dem laufenden Fußballspiel sowieso überhaupt kein Interesse haben und versucht sich mit ihnen über „ihre“ Themen zu unterhalten, oder solche, die er dafür hält. Er fragt nach ihrer Arbeit, ihren Interessen und ihrem Lieblingswein, während rund herum alle Bier trinken.

Der Deutschlehrer à la Bastian Sick
Er ist beinahe ebenso nervig wie der Single. Der sprechende Fußballer ist dem Intellektuellen sein liebstes Opfer. Sein großer Augenblick ist dann gekommen, wenn die wehrlosen Spieler vors Mikrofon gezerrt werden. Höhnisch kommentiert er jeden verbalen Stellungsfehler. Ein grammatikalischer Fehlschuss oder ein in Gänze sinnfreier Satz versetzen ihn in Entzückung. Um sich auch in den zitatfreien Momenten eines Fußballspiels – immerhin 90 Minuten der Zeit – zu Wort melden zu können, hält er ein großes Repertoire an historischen Spielerzitaten parat. Hier seine Klassiker: „Ich lerne nicht extra französisch für Spieler, wo diese Sprache nicht mächtig sind.“ „Ich weiß auch nicht, woran es liegt, dass wir immer, wenn wir führen oder zurückliegen, doch noch verlieren.“ Und der Torhüter: „Darüber muss sich jeder Einzelne ein Urteil machen. Ich mache das jedenfalls nicht.“

Der Trainer-Typ à la Rudi Völler
Er ist ein echter Kumpel. Er hat bloß ein Problem: Er ist häufig zu sachlich. Sie müssen wissen, Sachlichkeit ist beim Fußball gucken unter Männern beinahe ebenso verpönt wie Sympathie für Robert Huth. Der Trainer-Typ ist einfach zu fair. Ein Stellungsfehler der Abwehr, ein Pass ins Leere – das ist für ihn alles kein Kreuzbandriss. „Schade das war nichts“, sagt er, um dann sofort hinzuzufügen: „Weiter jetzt, lasst euch bloß nicht entmutigen“. Diese Motivationsphrasen unterlegt er gerne mal mit einem kräftigen Klatschen. Es kam sogar schon vor, dass er so fair war, in der Kneipe die Hände zum Appaus zu heben – obwohl der Gegner ein Tor erzielt hat. „Toller Schuss“, sagt er dann anerkennend. Manchmal bringt ihm dieses, von den übrigen Fans als Provokation wahrgenommene Verhalten großen Ärger ein. Sogar Prügel wurde ihm schon angedroht, wenn er mal wieder ohne nationale Legitimation Gefühlsregungen gezeigt hat.

Der Papa à la Manuel Andrack
Er ist ein völlig neues Phänomen in Fankreisen. Denn vor sechs Jahren noch bestand die deutsche Nationalelf überwiegend aus Großvätern. Väterliche Gefühle kamen da nicht auf. Aber seit Podolski und Schweinsteiger das deutsche Spiel bestimmen, ist der Typ Papa ein äußerst gängiges Fanmodell. Er ist der Quoten-Pädagoge des Fußballabends. Von seinem Job als Trainer der Jugendmannschaft weiß er genau, „wie die Jungs in dem Alter ticken“. Je jünger der Star, desto größer seine Sorge um dessen Verbleib im großen bösen Business. Seit sich Sebastian Deisler in eine psychiatrische Klinik begeben hat, werden seine Einwände von den Fußballmännern nicht mehr nur müde belächelt, sondern angenommen und nachgeplappert. Seine Dauerbrenner: „Der schnelle Erfolg tut dem nicht gut“. „Bei Bayern München haben die bisher noch jeden Profi klein gekriegt“. Oder „Der arme Junge steht doch total unter Druck“.

Der Fast-Profi à la mein Onkel
Er wäre beinahe selbst Fußballprofi geworden. Er hat früher in der Regionalliga gekickt und war „echt richtig gut“. Den Profivertrag von Bayer Leverkusen hatte er schon zu Hause liegen, als er sich eine furchtbar schlimme Knieverletzung zuzog, die seine Karriere jäh beendete. Wie auch immer. Der Fast-Profi jedenfalls hat dieses harte Schicksal nie überwunden und missgönnt jedem, der mehr Talent hat als er, seinen Erfolg. Seine Feindbilder: David Beckham und Michael Ballack, denn beide werden „maßlos überschätzt“ und „völlig zu Unrecht hochgejubelt“. Je höher der Alkoholpegel, desto unrealistischer seine Selbstwahrnehmung. Sätze wie „wenn ich mich nicht verletzt hätte damals, wäre ich heute ganz oben,“ gehören zu ihm wie sein O-beiniger Gang, den er erst beim Betreten der Fußballkneipe aktiviert.

Der Hooligan à la Stefan Effenberg
Das Exemplar ist einfach nur unangenehm. Das, was er während des Fußballspiels so von sich gibt, verdient beim besten Willen nicht die Bezeichnung „Satz“. Er stöhnt, gröhlt, rülpst, brüllt, plärrt und rotzt. Je besser sein Favorit spielt, desto unangenehmer ist er für die anderen Kneipengäste. Denn dann versucht er, anderswo nützlich zu sein. Kurzerhand ernennt er sich zum Anwalt der Kleinwüchsigen und fordert jeden, der sich zum Klogang erhebt und kurzfristig die Sicht auf die Großbildleinwand versperrt, in rüdem Ton zum sofortigen Hinsetzen auf. Spielt sein Verein schlecht, lässt er die Leute in Ruhe und kümmert sich statt dessen um die Leute auf dem Platz. Trifft ein Roy Makaay nur die Latte und sinkt ein Phillip Lahm permanent im Strafraum zu Boden, ist der Hooligan ausgelastet. „Brille kaufen“, röhrt er dann oder „Steh auf, du Mädchen“.
Na, denn, Mädels.
Lara Fritzsche, Illustration: Franziska Becker, EMMA 3/2006
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