EDITORIAL
Kinder oder keine?
Eine neue Art von Kindesmissbrauch grassiert - denn Mutterschaft ist kein politisches Argument.

- Jeanne Rubner, Wissenschaftsautorin und dreifache Mutter.
Muss eine Frau Kinder haben, um regieren zu können? Sind Mütter vielleicht die besseren Politikerinnen? Ein heftiger Wortwechsel unlängst im amerikanischen Senat zeigte wieder einmal, dass Frauen sich selbst die ärgsten Feindinnen sind. Bei einer Anhörung zum Irak-Krieg warf die demokratische Senatorin Barbara Boxer Außenministerin Condoleezza Rice vor, sie müsse als unverheiratete und kinderlose Frau schließlich nicht für die tödlichen Folgen des von Washington angezettelten Irak-Krieges gerade stehen.
Nun muss man nicht die Politik von George W. Bush gutheißen, zu dessen engstem Zirkel Rice bekanntlich gehört, um Barbara Boxers Bemerkung perfide zu finden. Der Irak-Krieg war zweifellos ein tragischer Fehler, für den auch die Außenministerin verantwortlich zeichnet. Doch mit ihrer Kinderlosigkeit hat ihre Politik gar nichts zu tun, ebenso wenig wie George W. Bush vernünftige Entscheidungen trifft, nur weil er verheiratet ist und zwei Töchter hat.
Ob und wie viele Kinder jemand hat, wird zunehmend zur politisch Kategorie, genauer gesagt: als solche missbraucht. Das liegt zum einen daran, dass mehr Frauen und damit auch mehr Mütter in die Politik gehen. Zum anderen aber rückt die Kinderfrage ins öffentliche Interesse, gerade in Deutschland, wo das Thema besondere Verkrampfungen auslöst.
Familie, das war hierzulande einmal eine spießige Lebensform, vor allem, wenn Vater und Mutter auch noch verheiratet waren. Kinder in diese kaputte, vom Atomkrieg bedrohte Welt zu setzen, wurde Eltern als Akt der Verantwortungslosigkeit vorgehalten. Nirgendwo galt die Zeugung von Nachwuchs als politisch derart inkorrekt wie in der Bundesrepublik der siebziger und frühen achtziger Jahre, schließlich weckte sie Reminiszenzen an der Mutterkreuz-Ideologie der Nationalsozialisten. Später durften Frauen wieder gebären, allerdings redete man ihnen ein, das gehe nur mit Verzicht auf die Karriere.
Dass man einfach nur Kinder hat, aus ganz egoistischen Motiven, weil sie Freude machen, weil sie das private Leben bereichern, weil es sich so ergeben hat - das geht in viele Köpfe nicht hinein.
Inzwischen hat die Ideologisierung des Kinderkriegens das Pendel in die andere Richtung schwingen lassen. Heute sollen Frauen gebären oder aber sich rechtfertigen, wenn sie es nicht tun. Und schon wähnen Eltern sich als die besseren Menschen, als Retter der alternden Gesellschaft.
Das Biedermeier-Denken breitet sich aus, ganz allmählich auch in der Politik. Werden jemals Minister und männliche Abgeordnete gefragt, ob sie Kinder haben? Ob sie wissen, welche Pampersgröße ein sechs Monate altes Baby braucht? Allenfalls kokettieren sie damit, dass sie einmal wöchentlich eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen – ein wahrhaft großes Opfer für einen viel beschäftigten Mann.
Frauen in Regierungen und Parlamenten aber müssen inzwischen beweisen, dass sie echte Frauen sind. Den unrühmlichen Anfang machte Ex-Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf, die Angela Merkel im Wahlkampf Kinderlosigkeit vorwarf. Politische Gegner muss man nicht schonen. Doch wenn die hessische SPD-Frau Andrea Ypsilanti sich als bessere Landesvorsitzende anpreist, weil sie als Mutter das wahre Leben kenne, dann schlägt sie ihren männlichen Gegner im wahrsten Sinn des Wortes unter der Gürtellinie.
Mütter, die ihre Kinder wie Glorienstatuen vor sich tragen, haben wohl den Irrweg mancher Alt-Feministinnen vergessen, die Frauen gerne als die besseren Menschen sahen. Als friedlicheres, verständnisvolleres Geschlecht waren sie dazu auserkoren, die Welt zu retten.
Es gibt sogar prominente Denker wie Francis Fukuyama, die immer noch allen Ernstes behaupten, dass eine von Frauen dirigierte Welt eine besser regierte, weniger aggressive sei. Man fragt sich nur, in welche Geschlechtskategorie Indira Gandhi oder Magie Thatcher gehören, die im übrigen nie ihre Mutterschaft thematisiert hätten (wahrscheinlich waren sie einfach nur intelligent genug, das nicht zu tun).
Die These aber, Frauen regierten anders und besser, beruht auf Wunschdenken. Schlimmer noch: auf einengenden kulturelle Theorien der Faru als emotionalem, friedfertigem Wesen.
Und jetzt auch noch die Kinder. Wenn Frauen sich auf das Argument einlassen, sie seien die besseren Politiker, tappen sie in eine doppelte Falle. In die Falle der verklärten Mutterschaft, wonach Frauen Kinder haben müssen, um zu ihrer wahren Bedeutung aufzusteigen. Haben wir das nicht schon einmal gehört? Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch der erste Mann einer Frau vorwerfen wird, ohne Kinder sei sie eine schlechte Politikerin. Bitter, wenn ausgerechnet Frauen selbst solche Diskriminierungen reproduzieren.
Mit der Thematisierung der Kinder betritt man überdies den Bereich des Privatlebens, das nach guter europäischer Tradition nicht mit der Politik vermischt werden sollte. Wenn Frauen – wie Frankreich Sozialistin Ségolène Royal oder Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen – ihre Kinder auf Hochglanzpapier präsentierten, sieht das hübsch aus.
Die Vorzeigemütter müssen aber wissen, dass sie dieselben Risiken eingehen wie ihre männlichen Kollegen, die sich mit ihrer Familie in Szene setzen - und anschließend die Freundin schwängern. Wer der Meinung ist, dass der private Lebenswandel eines Politikers nicht Gegenstand öffentlicher Diskussion sein sollte, zumindest so lange wie er selbst ihn nicht instrumentalisiert, der darf auch nicht die Zahl der Kinder zum Maßstab guter oder schlechter Politik machen.
Jeanne Rubner, EMMA Juli/August 2007
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