Die EMMA-Redakteurin wagt es – und testet das Mittel, das Frauen Lust verspricht. Nach Risiken und Nebenwirkungen …
Das größte Sexualorgan befindet sich ja bekanntlich zwischen den Ohren. Und dann gibt es da auch noch ein kleineres zwischen meinen Beinen und denen anderer Menschen. Dem möchte jetzt Xarita zuleibe rücken. Dafür gibt es einen triftigen Grund: Sieben Millionen Frauen jeden Alters, so erläutert der Beipackzettel, beklagten eine „Störung des weiblichen Lustempfindens“. Xarita verspricht Abhilfe, nämlich „Power für weibliche Lust“, und das auf natürlichem Wege und „völlig nebenwirkungsfrei“.
Das mit den Nebenwirkungen ist in diesem Fall eine wichtige Information, denn die Hersteller eines anderen Potenzmittels für Frauen maßen bei ihren Probandinnen zwar eine erhöhte sexuelle Erregbarkeit, doch leider löste das Präparat gleichzeitig Schläfrigkeit und Erschöpfung aus. Schade eigentlich. Immerhin verursachte es keine Migräne. Aber zu diesem Mittel namens „Flibanserin“, auch Pink Viagra genannt, später mehr.
Als uns also die Pressemappe des Xarita-Herstellers mit dem verruchten Namen „Dr. Fuchs Secrets“ auf den Konferenztisch flatterte, lautete der Redaktionsbeschluss: Ausprobieren. Eine von uns. Ich.
Nur damit hier kein Missverständnis entsteht: Nötig habe ich das nicht. Ich gehöre nicht zu diesen sieben Millionen Frauen. Auch nicht zu den 60 Prozent Rheinländerinnen, die laut einer Umfrage der Urologischen Klinik Köln unter einer „sexuellen Störung“ leiden. Ich tue das aus rein journalistischem Interesse. Das hätten wir also geklärt.
Nicht wirklich geklärt scheint mir dagegen die Frage, ob Frauen tatsächlich derart massenhaft an FSD (female sexual dysfunction), FSAD (female sexual arousal disorder) oder HSDD (hypoactive sexual desire disorder) leiden, wie es die Wissenschaft seit ein paar Jahren behauptet. Denn: Qui en profite? fragt an dieser Stelle die kluge Französin. Wem nützt das? Das Journal of British Medicine, spricht von „unternehmensgesponserter Krankheitserfindung“, kennt also offenbar die Antwort.
Xarita will Frauen bei Erregung und Orgasmus behilflich sein, und zwar nicht auf oralem Wege, also nicht per einzuwerfender blauer Pille wie bei den Herren, sondern manuell. Es handelt sich vielmehr um eine – nein, nicht blaue – Flüssigkeit, die auf Klitoris, Schamlippen und Vagina aufgetragen wird. Dort soll sie dann „wahre Wunder“ wirken. Das sagt jedenfalls Testteilnehmerin Martina, 55, die auf der Xarita-Website jubiliert und sich freut, dass ihr Mann sie jetzt „wieder anlächelt wir früher“. Auch Hanna, 36 und Mutter von drei Kindern, ist begeistert: Früher war sie immer so müde, nachdem sie die Kinder ins Bett gebracht hatte, aber Xarita hat diesen Zustand „von jetzt auf gleich verändert“. „Ich musste Antidepressiva nehmen und meine Lust war gleich null“, erzählt Andrea, 51. Sie fordert: Xarita müsse „ganz schnell auf den Markt!“
Da ist es jetzt seit Mai 2009. Mein Apotheker hat es aber nicht auf Lager, weil eine Packung rund 50 Euro kostet und er bezweifelt, dass die Frauen das Mittel derart leidenschaftlich erwerben würden, wie der Vertreter das euphorisch avisiert hatte. Mein Apotheker hatte Recht. „Sie sind die Erste, die danach fragt“, sagt er. Dennoch erinnert er sich, dass Xarita „die Durchblutung der Vagina fördert“ und dass dabei „auch die Klitoris stimuliert wird“. Ob man es direkt auf die Klitoris auftragen sollte? Na ja, da ist er unsicher. Wunderbarerweise hatte ich, bevor ich dieses Verkaufsgespräch leicht errötet begonnen hatte, gewartet, bis die alte Dame vor mir, die ihre Rheumasalbe abholen und noch ein Schwätzchen mit dem Apotheker halten wollte, die Apotheke verlassen hatte. Womöglich hätte sie nicht gewusst, was eine Klitoris ist.
„Ich weiß ja“, sage ich zu meinem Apotheker, weil ich nach der Offenbarung meiner vermeintlichen Bedürftigkeit das Bedürfnis habe, nicht ganz so blöd dazustehen, und natürlich vor allem, weil ich erkunden möchte, was er abgesehen von seinen klitoralen Kenntnissen noch alles von der weiblichen Sexualität versteht, „dass sich die Sexualität vor allem im Kopf abspielt“. Er nickt wissend – und vielleicht auch ein bisschen bedauernd. „Und der lässt sich nicht so leicht stimulieren“, sagt er. Ein kluger Mann, mein Apotheker.
Um an Xarita zu gelangen, muss man den Kopf vom Körper trennen. Nicht den eigenen, sondern den eines der in der Packung befindlichen fünf Mini-Behälter, die in Größe und Form quasi exakt einem Mensch-ärgere-dich-nicht-Püppchen entsprechen. Sie haben aber nicht die aus dem Spiel bekannten Grundfarben, nein, sie sind golden. Golden wie das Glück. Oder wie Champagner. Als gebürtige Ruhrgebietlerin assoziiere ich bodenständiger und sage: Das Zeug hat die Farbe eines kräftigen Pilsbiers, nur, dass es nicht schäumt. Dass man der Puppe mit einer Schere den Kopf abschneidet, scheint mir irgendwie eine ungute Symbolik.
Über die Inhaltsstoffe von Xarita ist zu lesen, dass sie „natürlich“ sind und auf Erkenntnissen aus der Aroma- und Phytotherapie, also der Pflanzenkunde basieren. Genauer gesagt handelt es sich um ätherische Öle, die „die lokalen Kapillaren erweitern, wodurch sich ein subjektives Wärmegefühl entwickelt.“ Dieses Prinzip kenne man von der „Bekämpfung von Erkältungskrankheiten“. Und es dürfte wohl auch der Funktionsweise einer Rheumasalbe recht ähnlich sein.
Das klingt zwar nicht sehr sexy, muss ja aber nicht verkehrt sein. Eine Freundin erzählt mir von einem Abend, an dem ihr damaliger Lover indisch gekocht hatte. Als man sich danach anderen sinnlichen Genüssen zuwandte, hatte der Koch noch Reste der exotischen Gewürze an den Händen. „Das war sehr schön“, lautet das Resümee.
Eine andere Freundin wusste von einem Stimulations-Erlebnis einer weiteren Freundin zu berichten: Die hatte sich mit ihrem Freund aus Experimentierfreude eine Viagra geteilt. Was passierte? Während bei ihrem Freund der gewünschte Effekt im Lendenbereich erzielt wurde, landete das viele in Wallung gebrachte Blut in ihrem Falle ganz woanders, nämlich, na? Jawohl, zwischen den Ohren. „Die kriegte einen hochroten Kopf, sooo eine Bombe!“ Das kann es nicht sein, was Tom Jones mit „Sexbomb“ gemeint hat.
Vielleicht hat aber diese hochinteressante Reaktion den Pharmakonzern Boehringer-Ingelheim auf die Idee gebracht, bei der Entwicklung eines weiblichen Potenzmittels statt der weiblichen Genitalien lieber das weibliche Gehirn ins Visier zu nehmen. An der Sache mit den Genitalien waren bekanntlich schon die ForscherInnen der Firma Pfizer gescheitert, als sie ihren milliardenschweren Viagra-Coup mit der Zielgruppe „Frauen“ wiederholen wollten. Nach jahrelangen Testreihen mit 3.000 Probandinnen gab man schließlich ermattet auf. Zwar hatte Viagra durchaus Blut an die fraglichen Stellen transportiert (offenbar landete es bei den meisten Teilnehmerinnen doch in ihrem kleineren Sexualorgan), aber: Den Frauen war das schnurzpiepegal. Viele bemerkten die Veränderungen gar nicht, obwohl sie wissenschaftlich gesehen messbar erregt waren. Schließlich erklärten die Experten: „Die weibliche Erregungsstörung ist sehr viel komplexer als die Erektile Dysfunktion. Um sie zu diagnostizieren, müssen körperliche, emotionale und Beziehungs-Faktoren in Erwägung gezogen werden.“ Ach was. Das hätte man zwar spätestens 1975 nach der Lektüre des „Kleinen Unterschieds“ wissen können, aber vermutlich macht die Liebe zum Milliardenumsatz blind.
Die ForscherInnen von Boehringer-Ingelheim wollten es besser machen. Ihr Flibanserin wirkt aufs zentrale Nervensystem. Ganz wie Viagra, das eigentlich als Herzmittel entwickelt wurde, bis man erkannte, dass die Risiken und Nebenwirkungen des Medikaments der interessantere Part an der Sache sein würden, war Flibanserin eigentlich für einen anderen Zweck gedacht: als Antidepressivum für Frauen vor und in den Wechseljahren. Der Nebeneffekt kam nur zufällig heraus: Die Probandinnen gaben das Medikament nach der Testphase nur ungern zurück … Die Tester fragten genauer nach den Gründen und entdeckten so die libidosteigernde Wirkung des Präparats.
Nun stellen sich auch hier Fragen. Zum Beispiel: Könnte es sein, dass Frauen vor und in den Wechseljahren statt ein Antidepressivum ein- lieber einen Ehemann rauswerfen sollten, der nicht mehr sie, sondern nur noch Frauen unter 25 anschmachtet? Wäre es denkbar, dass nicht die Libido der Frauen gestört ist, sondern eine Gesellschaft, in der alle medial als begehrenswert präsentierten Frauen außer Hannelore Elsner zwischen 18 und 29 sind?
„Erregungsstörung“ sei wirklich ein dummes Wort, gibt Manfred Haehl, der Bereichsleiter Medizin von Boehringer Ingelheim, zu. Er hat erkannt: „Weibliches Verlangen ist eine Kopfsache.“
So ist es. Schon jetzt werden mir von untenrum angenehme körperliche Signale gemeldet. Und warum? Weil mein großes Sexualorgan obenrum sich zwangsläufig vorgestellt hat, welche Wonne das Untenrum beim minutenlangen Einmassieren einer pilsfarbenen Flüssigkeit verspüren würde. Brauche ich das Zeug jetzt überhaupt noch? Ich könnte den Versuch hier eigentlich abbrechen, denn das Ziel ist erreicht: von Libido bis Lubrifikation. Aber das wäre unprofessionell.
Also weiter. Ich lege den goldenen Kopf auf die Bettkante, träufle das Xarita durch sanftes Drücken des Körpers auf meine Hand, und beginne mit der Massage. Augenblick, ich komme gleich … wieder.
Da bin ich. Wie es war? Nett. Xarita hat eine angenehme Konsistenz, ein bisschen wie Salatöl. Es riecht gut, ein bisschen nach Zimt und Moschus. Es kribbelt ein bisschen, aber erst nach fünf Minuten, was in meinem Fall zu spät war. Aber sonst? Ich würde sagen, ein handelsübliches Gleitmittel hätte es auch getan.
Aber gut, wenn Martina, Hanna und Andrea sich mit oder ohne Frank, Stefan und Michael Xarita sei Dank nach langer Zeit mal wieder fünf Minuten am Stück mit ihrem besten Stück beschäftigen, dann könnten sie durchaus mal wieder das erleben, was Mediziner Manfred Haehl als „satisfying sexual event“ bezeichnet. Das ist nämlich die Maßeinheit, in der man bei Boehringer-Ingelheim misst. Wie steht es also mit der Wirkung von Flibanserin? Um „zwei Events“ pro Monat sei die Quote gestiegen, heißt es. Vor der Testreihe hätten die Probandinnen 2,8 befriedigende Sexualkontakte pro Monat gehabt. Mit Flibanserin sind es 4,5. Doch leider ist da ja noch die Sache mit den Nebenwirkungen. Aber macht nichts: Flibanserin soll 2010 auf den Markt kommen.
Wenn es soweit ist, stehe ich für einen Selbstversuch übrigens nicht zur Verfügung. Erstens habe ich das nicht nötig. Zweitens bin ich auch ohne Flibanserin oft genug schläfrig und erschöpft. Und drittens lasse ich an mein größtes Sexualorgan zwischen den Ohren keinen ran.
CHANTAL LOUIS, 40, EMMA-Redakteurin; EMMA 2/2010
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