Heinz Buschkowsky
Provoziert
Der Berliner Stadtteilbürgermeister macht zurzeit viel von sich reden. Und das mit einem Thema, an das die Politik sich bisher kaum herantraute: Integration.

- Heinz Buschkowsky in seinem Bezirk. - Foto: Bettina Flitner
Auf dem Besuchertisch in Heinz Buschkowskys Büro liegt das neue Buch von Thilo Sarrazin: „Deutschland schafft sich ab“. Gleich ist der nächste Fernsehtermin, in dem der Neuköllner Bezirksbürgermeister das kommentieren soll, was Parteigenosse und Bundesbanker Sarrazin über Muslime in Deutschland geschrieben hat. Denn wenn jemand Erfahrung mit Integrationsproblemen türkischer und arabischer Migranten hat, dann ist es Heinz Buschkowsky, dessen Bezirk Neukölln traurige Berühmtheit als „sozialer Brennpunkt“ erlangt hat.
Buschkowsky, dieser kleine, korpulente Mann mit der biederen Krawattennadel und der goldgerahmten Brille, ist ein Neuköllner Urgestein – und einer der innovativsten Bürgermeister, wenn es um das Thema Integration geht. Der Diplom-Verwaltungswirt wurde 1948 in dem Berliner Arbeiterkiez Neukölln geboren und wuchs dort in kargen bis rauen, aber von starkem Arbeitsethos geprägten Verhältnissen auf. Die ersten Gastarbeiter kamen und junge Berliner wie Buschkowsky begeisterten sich für den damals exotischen Genuss von Pizza, Cevapcici und, später, Döner. Doch immer mehr Neuköllner, die es sich leisten konnten, zogen fort – und so ist es bis heute. „Deswegen fangen wir immer wieder bei Null an“, beschreibt der Bezirksbürgermeister seine Sysiphusarbeit beim Thema Integration.
In seinen bald neun Jahren Amtszeit hat Buschkowsky Projekte auf den Weg gebracht, die weit über Berlin hinaus Aufsehen erregten. So die Umwandlung der einst berüchtigten, von Gewalt und Frust geprägten Rütli-Hauptschule zum „Bildungscampus“. Oder auch die Arbeit der so genannten „Stadtteilmütter“. Vor allem türkische und arabische Frauen treffen sich regelmäßig im Rathaus, entwickeln gemeinsame Strategien und werden zu Brückenbauerinnen zwischen bildungsfernen Migrantenfamilien und der deutschen Gesellschaft. Meist geht es um Erziehungsprobleme, gesunde Ernährung, Sprachkurse, Kitas, Schulen oder Ärger mit den Ämtern.
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Mit Sätzen wie „Multi-Kulti ist gescheitert“; Forderungen nach finanziellen Sanktionen für Eltern, die ihre Kinder nicht zur Schule schicken; oder Bemerkungen über „Subkulturen, in denen mitteleuropäische Umgangsformen einfach nicht mehr gelten“, avancierte der Stadtteil-Bürgermeister bundesweit zum kontroversen Querdenker in der Migrationsdebatte. „Er meint ja nicht alles so, wie er es sagt“, versuchte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit zu beschwichtigen. Woraufhin der Bezirksbürgermeister prompt entgegnete: „Ich meine es genau so, wie ich es sage!“
Gegen die Pläne der schwarz-gelben Koalition für das Betreuungsgeld wetterte der Bürgermeister: „In der deutschen Unterschicht wird es versoffen, und in der migrantischen Unterschicht kommt die Oma aus der Heimat zum Erziehen, wenn überhaupt.“ Doch dass Buschkowsky in der Integrationsdebatte differenzierter urteilt, als es in den Medien zuweilen den Anschein hat, zeigt sich jetzt auch in der Sarrazin-Kontroverse. Gewiss existierten Probleme, die der einstige Berliner Finanzsenator beschreibt: Parallelgesellschaften, Zwangsheiraten und die Reduzierung von Frauen aufs Kinderkriegen und Haushalt. Aber Sarrazin liege falsch, wenn er behaupte, dass man Menschen und Bevölkerungsschichten nicht durch Bildung verändern könne.„So ein Quatsch!“, schnaubt Buschkowsky.
Gleichzeitig aber ärgert der Neuköllner sich über „die Gutmenschen, die ignorieren, dass Migration nicht nur eine kulturelle Bereicherung ist, sondern auch Arbeit bedeutet und von Widerständen auf beiden Seiten begleitet wird“.
Wütend macht ihn „das Schönreden von Problemen und das Wegschauen“. Vor allem den Kindern in bildungsfernen Migrantenmilieus gehört sein Engagement. Er klagt: „Wenn der Staat nicht dafür sorgt, dass diese Kinder zur Schule gehen und dort auch lernen, dass hierzulande Spielregeln wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau und Umgangsformen wie Gewaltfreiheit und Rücksichtnahme gelten, nehmen wir das Scheitern in Kauf.“
Buschkowsky, der in zweiter Ehe verheiratet ist und selbst keine Kinder hat, verweist immer wieder auf das Schicksal junger Mädchen, deren Lern- und Integrationswille durch archaische Verhaltensweisen und tradierte Rollenmuster ihrer türkisch- und arabischstämmigen Familien erstickt werde. Er will dafür sorgen, dass Neukölln auch noch in zehn Jahren, wenn dreiviertel der Kiezbevölkerung nicht mehr deutscher Herkunft sein wird, „zivilisatorisch mitten in Europa liegt“.
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Zu Buschkowskys Konzept „Fördern und Fordern“ gehört neben Bildung aber auch, auf Regelverletzungen schnell und konsequent zu reagieren. So stellte der resolute Bezirksbürgermeister Wachschutz vor Schulen auf und unterstützte das so genannte „Neuköllner Modell“ zur zügigen Verurteilung jugendlicher Straftäter der Jugendrichterin Kirsten Heisig.
Mit der engagierten Juristin, die sich vor wenigen Monaten das Leben nahm, hat Buschkowsky eine wichtige Mitstreiterin verloren: Sie war ganz wie er entschlossen, notfalls auch gegen die Eltern dafür zu kämpfen, dass Kinder in die Lage versetzt werden, sich aus dem Milieu zu befreien. Mit ihr bereiste er europäische Großstädte mit gleichen Problemen, um von den dortigen Lösungen zu lernen.
Doch für seinen Chef Wowereit bleibt der Stadtteilbürgermeister der „Dorfschulze par exellence“. Ein zweideutiges Kompliment, denn das soll wohl auch heißen: Schuster, bleib bei deinen Leisten – Bundespolitik ist nicht deine Sache. Buschkowsky lässt das kalt.
Bei den Wahlen 2011 will Heinz Buschkowsky sich noch einmal um das Amt des Bezirksbürgermeisters bewerben. Und seine Chancen scheinen größer als die von Wowereit.
Katja Gelinsky, EMMA Herbst 2010
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