Massenmörder Breivik
„Das Patriarchat wiederherstellen!“
Anders Behring Breivik, der am Freitag in Oslo mindestens 76 Menschen ermordete, ist ein christlicher Fundamentalist, Nationalist und selbsterklärter Retter der westlichen Welt vor der „islamischen Invasion“. Was aber in der Flut von Medienberichten kaum erwähnt wird: Der Massenmörder und Verfasser eines 1.500 Seiten umfassenden "Manifests" ist getrieben vom Hass auf Frauen, genauer: auf Feministinnen. „Das Erstarken des Feminismus bedeutet das Ende der Nation und das Ende des Westens“, verkündet er, und erklärt die „Verweiblichung“ der westlichen Männer sowie die „Wahlfreiheit der Frauen“ zum Einfallstor für die muslimische „Bevölkerungs-Offensive“. Es wäre zu wünschen, dass die enorme Gefahr, die von dieser Art verunsicherter Männlichkeit ausgeht, endlich erkannt und ernst genommen wird. Eine, die das tut, ist Michelle Goldberg. Die Newsweek-Autorin (und Verfasserin des Bestsellers „Kingdom Coming: The Rise of Christian Nationalism“) schreibt: „Selten war die Verbindung zwischen Frauenhass und rechtem Nationalismus so klar.“ Hier ihre Analyse.

- Attentäter Anders Behring Breivik, wie er sich im Internet inszenierte - kurz bevor er 76 Menschen ermordete.
Konservative und Rechte, die über die Islamisierung Europas besorgt sind, beschuldigen gern den Feminismus. Er habe die westlichen Gesellschaften geschwächt und damit die „demografische Invasion“ der Muslime überhaupt möglich gemacht. So prophezeite Mark Steyn in seinem Bestseller „America Alone: The End of the World As We Know It“ die Verwandlung von Europa in „Eurabia“. Er schreibt: „Mit ihrem bizarren Beharren auf dem Recht der Frau zu entscheiden, ob sie Kinder bekommt oder nicht, haben Feministinnen maßgeblich dazu beigetragen, dass europäische Frauen ihr Leben künftig in einer Kultur fristen werden, in der Frauen überhaupt nichts mehr entscheiden können.“
Dieser niederträchtige rhetorische Trick – eine Attacke auf den Feminismus mit der Sorge über die Frauenfeindlichkeit islamischer Fundamentalisten zu begründen – taucht in der islamfeindlichen Literatur immer wieder auf. Jetzt hat sie ihren Höhepunkt erreicht in Anders Behring Breiviks 1500-Seiten-Manifest „2083: Eine europäische Unabhängigkeits-Erklärung“. Selten war die Verbindung zwischen Frauenhass und rechtem Nationalismus so klar. Einige Zeugen haben berichtet, dass der Täter während seines Amoklaufs auf Utoya zuerst gezielt auf die schönsten Mädchen geschossen hat.
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Breivik beschreibt sich selbst als ein desillusioniertes Produkt der liberalen norwegischen Polit-Elite, dessen Wut auch aus den instabilen Familienverhältnissen resultiert, in denen er aufgewachsen ist. Sein Vater war Diplomat, zunächst in London, dann in Paris stationiert. Breiviks Eltern ließen sich scheiden, als er ein Jahr alt war. Seine feministische Mutter habe dann einen norwegischen Kapitän der Armee geheiratet, sein Vater eine Diplomaten-Kollegin, die Breivik als „moderate Kultur-Marxistin und Feministin“ bezeichnet. Und obwohl er seinen Stiefvater als konservativ beschreibt, beklagt er sich über seine „super-liberale und matriarchale Erziehung“, die „dazu beigetragen hat, mich zu feminisieren“.
Der Wahn der „Feminisierung“ spukt durch das gesamte bizarre Dokument. „Die weibliche Manipulation der Männer ist in den letzten Jahrzehnten institutionalisiert worden und Ursache der Verweiblichung der Männer in Europa“, schreibt er. Er gibt den erstarkten Frauen die Schuld für seine eigene Isolierung und erklärt, er fühle sich abgeschreckt vom „destruktiven und selbstmörderischen Sex and the City-Lifestyle (moderner Feminismus, sexuelle Revolution...). In diesem Setting sind Männer keine Männer mehr, sondern metrosexuelle und emotionale Wesen, deren Bestimmung es ist, der feministischen New Age-Göttin ein unkritischer Seelenverwandter zu sein.“
Wütend und einsam wandte Breivik sich der internationalen Rechten zu. Bemerkenswert an seinem Manifest ist unter anderem die Tatsache, dass er kaum auf norwegischen PolitikerInnen und AutorInnen eingeht. Statt der norwegischen Feministinnen attackiert er Betty Friedan (Anm.d.Red.: Die Autorin des 1963 erschienen Buchs „Der Weiblichkeitswahn“). Die meisten AutorInnen, die er zitiert, sind AmerikanerInnen wie Mark Steyn, KanadierInnen oder EngländerInnen.
Die Lektüre dieser AutorInnen half ihm offensichtlich dabei, seinen Frauenhass in eine politische Ideologie zu gießen und sich zum neuen Kreuzritter zu stilisieren. Er greift das Argument auf, dass egoistische westliche Frauen den muslimischen bevölkerungspolitischen Feldzug ermöglicht hätten und erklärt, dass nur eine Restauration des Patriarchats die europäische Kultur retten könne. Eines der Bücher, auf die er sich bezieht, ist Patrick Buchanans „The Death of the West“, in dem es heißt: „Das Erstarken des Feminismus bedeutet das Ende der Nation und das Ende des Westens.“
Dabei ist die demografische Theorie, der Feminismus sei schuld am Geburtenrückgang, schlicht falsch. Fakt ist, dass in modernen Industrieländern der Feminismus mit höheren Geburtenraten korreliert. Wohingegen katholische Länder wie Polen, Spanien oder Italien die niedrigsten Geburtenraten haben, weil diese Gesellschaften wenig tun, um den Wunsch der Frauen nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu realisieren.
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Nichtsdestotrotz klammert sich die Rechte an die Vorstellung, dass der Feminismus die westlichen Gesellschaften von innen heraus zerstöre. Diese Politik der angeblich notwendigen „Wiedervermännlichung“ haben Breiviks Wahn geschürt. Und so schreibt er, während er vorgibt, gegen die muslimische Unterdrückung der Frauen zu sein: „Der Niedergang der europäischen Zivilisation hängt davon ab, wie standhaft europäische Männer Widerstand gegen den politisch korrekten Feminismus leisten.“ Wenn rechte Kräfte die Kontrolle über Europa gewännen, „werden wir die patriarchalen Strukturen wieder herstellen“. Schließlich würden Frauen, die unter diesen neuen Strukturen „konditioniert“ seien, „ihren Platz in der Gesellschaft kennen“.
Breiviks wahnsinnige Tat ist der Idee von der männlichen Überlegenheit ebenso geschuldet wie der Ideologie des christlichen Nationalismus. Die beiden gehören immer zusammen.
Michelle Goldberg, The Daily Beast
Den vollständigen Artikel auf Englisch lesen:
The Daily Beast
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