Die Heldinnen aus Bergisch-Gladbach

Der "Deutsche Meister 1977": die Damenfußball-Mannschaft SSG 09 Bergisch Gladbach.
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Anfang der zweiten Halbzeit: Die Frankfurter im Sturm auf die weiße Mannschaft. - Vorstopper fängt den Ball ab. Gibt weiter an Linksaußen. - Zielt auf das Tor der Hellblauen aus Frankfurt - Schuss! - Ball prallt am Torhüter ab. - Der weiße Linksaußen hat ihn wieder. - Jetzt hart in Bedrängnis durch die Hellblauen. - Spielt sich frei und - Schuss! Spielstand: 1:0. Das war das Siegestor. Der Torschütze ist 18 Jahre alt, und - eine Frau: Ingrid Gebauer, Beruf Verkäuferin. Ihr Schuss trug den Fußballerinnen des SSG 09 Bergisch Gladbach am 21. Juni die deutsche Meisterschaft ein.

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Wie zu erwarten nahm die bundesdeutsche Presse davon kaum Notiz. Und Bundestrainer Helmut Schön, im „Aktuellen Sportstudio“ jüngst zum Thema Damenfußball befragt, war gar jedes Wort zuviel. Er hatte nur ein abfälliges Grinsen übrig. Aber vielleicht war es auch nur Verlegenheit? Denn fest steht: in punkto Damenfußball hat sich die sportliche Männerwelt gründlich verkalkuliert. Keine Sportart verzeichnet soviel Zulauf von Frauen wie der Fußball! Schon 1971 gab es70.000 Spielerinnen, heute sind es 200.000 Allein in den Vereinen! Inzwischen gibt es in der BRD knapp 2000 Vereine mit „Damenmannschaften“.

Mädchen
sind auch
verrückt auf Fußball

Und der weibliche Nachwuchs kickt zunehmend ungeniert auf der Straße und auf Schulhöfen. Anne Trabant, Trainerin der Bergisch Gladbacher Mannschaft und von Beruf Sportlehrerin: „Die Mädchen werden immer verrückter auf Fußball. Deshalb gibt’s Fußball auch im Sportunterricht.“

Der SSG 09 Bergisch Gladbach ist seit der deutschen Meisterschaft für die Mädchen besonders attraktiv. Klar, dass die Meisterinnen stolz darauf sind. Für ihren Erfolg haben sie hart gekämpft: mindestens zwei Trainingsabende pro Woche.

Die jüngste der Spielerinnen ist 15, die älteste 32 Jahre alt. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Berufen: Studentin, Arbeiterin, Verkäuferin, Lehrerin, kaufmännische Angestellte. Auf den ersten Blick haben sie überhaupt nichts gemeinsam. Bis auf den Fußball.

Und doch wirken sie anders als die meisten Frauen. Wenn sie nach dem Training zusammen in der Kneipe sitzen, fällt etwas auf. Die Damenrunde benimmt sich kein bisschen „damenhaft". An ihrem Tisch ist es laut. Es wird viel gelacht. Keine darunter, die so aussieht, als brauchte sie männlichen Beistand, der ihr durchs Leben hilft. Sie stehen alle selbst auf ihren trainierten Beinen. Eine von ihnen ist verheiratet und Mutter eines Kindes. Die männliche Umkehr der Fußballbraut („Er steht im Tor und ich dahinter") gibt es für die anderen nicht. „Freunde? Dafür haben wir kaum Zeit.“

Die Männer müssen umlernen

Ohne Frage ist das eine Provokation für viele. Frauen, die sich in der Männer-Hochburg Sport ohne Männer amüsieren ... Das irritiert die Männer. Und die Spielerinnen? Denen macht es Spaß. Und wie! Genauso wie den Zuschauerinnen, die ihre wahre Freude daran haben, einmal Frauen zu sehen, die sich bewegen, ohne darauf achten zu müssen, ob der Absatz bricht ... Die sich wohlfühlen in ihrer Haut. Die stolz sind auf ihre kräftigen Beine. Die es gut finden, dass man sich beim Spiel auch mal anbrüllen kann. Beim Abpfiff ist sowieso alles wieder vergessen. 1970 sah Anne, die Trainerin, ihr erstes Damenfußballspiel. „Ich war begeistert. Sofort nach dem Spiel bin ich hin zum Trainer und hab gesagt: Ich möchte mitspielen. Seither ist Anne dabei. Sie hat wie ihre Mitspielerinnen schon als kleines Mädchen auf der Straße gekickt. Sie wohnte damals auf dem Land. „Als ich 14 wurde, meinte meine Mutter, das würde nun zu meinem Alter nicht mehr passen.“ Der Bruder durfte weiter Fußball spielen.

Jetzt im Kino: "Das Wunder von Taipeh", als die Kickerinnen der SSG 09 Bergisch Gladbach 1981 die erste Frauenfußball-WM gewann

„Fußball ist ein einfaches Spiel“, erklärt mir, der Unsportlichen, Bettina Krug, die 24-jährige Spielführerin. „Fußball kann man praktisch überall spielen, wo Platz ist. Man braucht nichts aufzubauen. Man braucht keine Schläger. Nur einen Ball.“ Und warum sollte Mädchen das vorenthalten sein, was Jungen Spaß macht? Anne: „Es ist komisch, dass man Frauen, die Fußball spielen, immer anhängen will, sie wollten’s den Männern beweisen. Das ist absurd. Es macht uns einfach Spaß - egal, was die Männer davon halten.“

Einige Männer mussten notgedrungen umlernen. Erika Neuenfeld erzählt aus der Zeit, als sie als einzige Frau in der Betriebsfußballmannschaft mitspielte: „Das erste Mal war sehr komisch. Niemand hat mich angespielt. Da habe ich mir den Ball selbst geholt. Und die haben gestaunt. Klar, da waren Männer drunter, die vom Fußball nur soviel Ahnung hatten, dass man in den Ball nicht reinbeißen darf. Und viele hatten auch keine Luft - bei dem Zigaretten- und Alkoholkonsum.“

„Mein Chef meinte anfangs, ich müsste das Fußballspielen drangeben, weil ich einmal mit einer Gehirnerschütterung flach lag“, erinnert sich Ingrid. „Aber als wir immer besser wurden, hat man das doch akzeptiert. Und beim Endspiel ist sogar die ganze Belegschaft mit nach Frankfurt gefahren.“ Ingrid arbeitet in einer Konditorei als Verkäuferin.

„Sie sind
eben einfach gut!“

Auch Fußballobmann Selbach, der die Bergisch Gladbacherinnen betreut, weiß von Sinneswandlungen zu berichten: „Ich kenne viele, die haben den Damenfußball erst belächelt. Aber dann sind sie mal bei einem Spiel dabei gewesen. Und die Leistung hat sie überzeugt. Die Mädchen sind eben einfach gut. Und außerdem: Sie gehen herzlicher miteinander um als männliche Spieler.“

Das allerdings streiten die Frauen ab – aus dem Zwiespalt, in dem alle Frauen stecken, die sich in männliche Domänen wagen: Einerseits wollen sie nicht anders sein als die Männer (weil das ja bisher immer bedeutete, minderwertiger zu sein), andererseits mögen sie aber auch nicht an ihnen gemessen werden. Wie relativ die Maßstäbe auch im Fußball sind, macht Bettina deutlich: „Jeder, der sich die Fernsehaufzeichnungen von der Weltmeisterschaft 1953 anschaut, stellt fest, dass das aus heutiger Sicht schlechter Fußball war. Aber damals war man eben noch nicht so weit. Doch da urteilen die Herren gerecht. Der Damenfußball wird dagegen immer am Herrenfußball gemessen.“ Bettina weiter: „Wenn man überlegt, dass Frauen offiziell erst seit sieben Jahren spielen dürfen, und das unter viel schlechteren Trainingsbedingungen als die Männer, haben wir viel erreicht.“

Deutschland sei "noch nicht soweit"

In der Tat werden die Fußballfrauen vom Deutschen Fußballbund (DFB) immer noch grob benachteiligt. Nach dem Motto: Was wir schon nicht verbieten können, fördern wir zumindest nicht. Anne: „Kürzlich habe ich mich angemeldet für einen Fortbildungslehrgang für Trainer. Der DFB hat abgelehnt. Begründung: Man habe alle Hände voll zu tun mit dem Ausbau des Jugendsports. Und außerdem sei man in Deutschland noch nicht soweit, dass Männer und Frauen zusammen trainieren.“

In anderen Ländern ist man da nicht so kleinlich. Es gibt sogar Frauennationalmannschaften: In England, Frankreich, Dänemark, in der Schweiz, in Italien, sogar in Mexiko. Deutschland hinkt, wie so oft, hinterher. Hier werden die Fußballfrauen auch finanziell benachteiligt. Im Unterschied zu den männlichen Amateuren dürfen sie auf ihren Trikots keine Reklame tragen. Und Prämien gibt es auch nicht.

Während andere Sportarten wie Handball, Volleyball und Basketball schon seit Jahrzehnten auch Frauen offenstehen, leisteten die Fußballfunktionäre hartnäckig oft lächerlichen Widerstand. 1955 beschloss der Bundestag des DFB einstimmig: Fußball bleibt Männersache. Denn: „Die Weiber gehören in die Küche... Fußball ist für Frauen gesundheitsschädlich ... Die Mädchen verlieren ihre natürlichen Reize“.

Der DFB spielte mit allen Tricks

Dann wurden die Spielerinnen systematisch vom Feld gejagt. Die Vereine durften die Illegalen Kickerinnen nicht mehr auf ihre Plätze lassen. Den Schiedsrichtern drohte man mit Disziplinarverfahren, wenn sie beim Damenfußball mitmachen würden. Es blieb nicht bei leeren Drohungen: Als sich der SC Schwenningen über das Verbot hinwegsetzte, gab es prompt ein Sportverfahren. 1961 hieß es auf einer Beiratssitzung des DFB: Weitere Beschlüsse in Sachen Damenfußball seien nicht mehr erforderlich, „weil sich das Unternehmen weitgehend totgelaufen“ habe.

Dabei war das Gegenteil der Fall. In den sechziger Jahren nahm die Zahl der illegalen Klubs und Mannschaften rapide zu. Anne: „Der DFB ist von uns Frauen gezwungen worden. Denn die Gründung eines eigenen Damenfußballverbandes war im Gespräch. Das wollte der DFB auf jeden Fall verhindern. Also musste er nachgeben.“ Das war 1970.

Mit der Zulassung allerdings ließen sich die Sportpatriarchen allerlei einfallen, um die Frauen dennoch auszutricksen. Wie überall war auch im Fußball die Sorge um „die armen schwachen Frauen“ ein Vorwand, die Spielerinnen erst gar nicht hochkommen zu lassen. Obwohl sogar die Mediziner zugeben mussten, dass Fußball für Frauen „nicht weniger gesundheitsschädigend ist als Volleyball, Basketball, Rasenhockey oder Handball“ (Dr. Frank Knoop, Mitglied des Sportärztebundes).

Der DFB mochte solche Töne gar nicht. Doch gelang es ihm letztlich nur, eine einzige Einschränkung wirklich durchzusetzen: Die Spielzeit für Frauen beträgt zweimal 30, und nicht zweimal 45 Minuten.

Handspiel für Damen gestattet?

Auf den Bauch fielen die Herren mit der schlauen Idee, für Damen das „Handspiel“ zu gestatten. Offizielle Begründung: Frauen müssten sich gegen harte Bälle auf Brust und Unterleib schützen können. Dahinter steckte: Da „Handspiel“ zu den schlimmsten Verstößen im Fuß-ball zählt, hatte man damit den Damenfußball von vornherein lächerlich gemacht...

Und noch etwas ließ sich der DFB zum Schutz der Damenbrüste einfallen. Er ließ spezielle Büstenhalter konstruieren. Anne: „Ich kenne keine Frau, die so ein Ding je getragen hätte. Bei uns spielen mache sogar ohne BH.“ Und die Periode? „Verschieden. Einige sind gerade in dieser Zeit in Höchstform, wie früher Jutta Heine, die ja gerade dann ihre Medaillen holte. Andere spielen unkonzentrierter, sind gereizter. Und wieder andere spüren überhaupt nichts. Was soll’s.“ - Eben.

SABINE SCHRUFF

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Jetzt im Kino: Das Wunder von Taipeh

Die Weltmeisterinnen heute, Anne Trabant links außen.
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Als Helmut Rahn am 4. Juli 1954 den Ball ins Tor drischt und das legendäre „Wunder von Bern“ geschieht, ist Anne Trabant fünf Jahre jung, steht aber schon jeden Samstag auf dem Fußballplatz von Emlichheim. Dort spielt der Papa. Und Tochter Anne hat einen Traum: „Auch ich wollte eines Tages Nationalspielerin werden.“

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Das ist ein tollkühner Wunsch, denn der Frauenfußball ist anno 1954 ein überaus zartes Pflänzchen, das schon ein Jahr später vom Deutschen Fußballbund mit Stollenschuhen zertrampelt wird: Der DFB verbietet seinen Vereinen, Mädchen und Frauen auf ihren Plätzen spielen zu lassen. Begründung: „Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut. Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden, und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand.“ 

Doch der DFB kann nicht verhindern, dass 27 Jahre nach dem Wunder von Bern ein weiteres Wunder geschieht: Am 22. Oktober 1981 gewinnt ein Frauenfußballteam aus Bergisch-Gladbach vor 36.000 ZuschauerInnen die erste Frauenfußball-­­WM in Taiwan. In Deutschland bekam das allerdings kaum jemand mit: Die Medien fanden es überflüssig, Reporter zu schicken. 

Bis heute ist der sensationelle Sieg der SSG 09 Bergisch-Gladbach in Taipeh nur wenigen Eingeweihten bekannt. Der Kölner Filmemacher John David Seidler füllt die Bildungslücke jetzt mit einem hinreißenden Dokumentarfilm: „Das Wunder von Taipeh“. 

Die Weltmeisterinnen von 1981, obere Reihe dritte von rechts ist Spielertrainerin Anne Trabant.
Die Weltmeisterinnen von 1981, obere Reihe dritte von rechts ist Spielertrainerin Anne Trabant.

Anne Trabant ist an diesem Wunder maßgeblich beteiligt. Als Spielertrainerin kämpfte sie mit ihrer Mischung aus Sturheit, Disziplin und Leidenschaft gegen alle Widerstände für den Frauenfußball. Filmemacher Seidler hat die heute 71-jährige pensionierte Sportlehrerin vier Jahrzehnte nach dem WM-Triumph noch einmal vor die Kamera geholt. Sie und neun weitere WM-Veteraninnen erzählen, wie das damals war.

Wie die Frauen trotz DFB-Verbot in sogenannten „Wilden Ligen“ kickten; wie in verwahrlosten Duschen die Frösche hüpften; wie sie sich auf schlechten Plätzen die Knöchel brachen. Und wie sie trotzdem nur eins wollten: Fußball spielen! 

1970 bleibt dem DFB nichts anderes übrig, als das Verbot des Frauenfußballs aufzuheben: Die wilden Frauen drohen, eine eigene Liga zu gründen. Doch als 1981 die Anfrage für die Frauen-WM aus Taiwan kommt, hat Deutschland immer noch keine Frauen-­Nationalmannschaft. Deshalb fährt das beste deutsche Team nach Taiwan: die SSG 09 Bergisch-Gladbach. Um die Reise zu finanzieren, verkaufen die Spielerinnen Waffeln auf dem Markt. Und dann geschieht das Wunder. Zu bestaunen in einem wundervollen Film – nicht nur für Fußballfäninnen. 

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