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Anne Brorhilker: Cum-Ex auf der Spur

Foto: Friedemann Vogel/dpa
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Es ist selten, dass eine Frau mit derartigen Superlativen überschüttet wird und doch fast nichts über sie selbst bekannt ist. „Eine Staatsanwältin jagt die Steuermafia“ heißt es in der WDR-Dokumentation „Der Milliardenraub“ über sie. „Die sabotierte Cum-Ex-Jägerin“ titelt das Manager Magazin. Für Capital ist sie die „Frau, die die Banken im Cum-Ex-Skandal das Fürchten lehrt“.

Die Frau, um die es geht, ist 49 Jahre alt, hat halblanges blondes Haar, trägt gerne auffällige Brillen – und ist ganz offensichtlich äußerst intelligent, hartnäckig und zäh. Seit einem Jahr zehnt kümmert sich die Oberstaatsanwältin Anne Brorhilker in Köln um ein einziges Thema: den sogenannten Cum-Ex-Skandal.

Ihr ist es zu verdanken, dass inzwischen höchstrichterlich festgestellt wurde, dass es sich dabei um den mutmaßlich größten Steuerskandal der Geschichte in Deutschland handelt. Mindestens zwölf Milliarden Euro an Steuerrückzahlungen, möglicherweise aber auch deutlich mehr, haben Großinvestoren unter aktiver Mithilfe renommierter Steuerberater und Banken bei den Finanzämtern unrechtmäßig abgezockt.

Die Details dazu sind außerordentlich kompliziert, aber im Kern wurden vor allem zwischen den Jahren 2006 und 2012 Aktien rund um den Tag ihrer Dividendenzahlung hin und her verkauft. Das Ziel war es, mehrfach Erstattungen der auf die Dividende fälligen Kapital ertragssteuer zu bekommen.

Brorhilker kam 2013 eher zufällig zu dem Thema. Je mehr sie sich einarbeitete, desto ungeheuerlicher fand sie das Treiben der Cum-Ex-Akteure, viele davon große Namen in der Finanzbranche.

Darunter die Hamburger Warburg Bank, bei deren Tricksereien der damalige Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz das Gedächtnis verloren hat. Irgendwann plante sie den ganz großen Schlag. Die WDR-Dokumentation stellt nach, wie Brorhilker 2014 in der Einsatzzentrale im Landeskriminalamt Köln den Startschuss für weltweite, exakt koordinierte Razzien in 14 Ländern gab. Auf den dabei  beschlagnahmten Akten basiert die weitere, akribische Arbeit von ihr und ihrem inzwischen auf fast drei Dutzend Staatsanwälte angewachsenen Team. Damit ist sie die mächtigste Staatsanwältin Deutschlands. Ermittelt wird gegen bis zu 1.800 Beschuldigte weltweit.

Mittlerweile lehnt die inzwischen zur Hauptabteilungsleiterin beförderte Juristin Interview-Anfragen ab. Die Publicity war nicht hilfreich.

Brorhilker ist verheiratet, spielt zwei Instrumente und ist leidenschaftliche Musikliebhaberin. Sowohl ihr Bruder als auch ihr Vater haben bei einer internationalen Wirtschaftsprüfungsfirma Karriere gemacht und sind angesehene Finanzexperten.

Ihr Bruder soll ihr auch zugeraten haben, hartnäckig zu bleiben. Die Verteidigungslinie der Cum-Ex-Beschuldigten, sie hätten lediglich ein legales Schlupfloch ausgenutzt, könne so nicht stimmen. Für Brorhilker kam der Durchbruch, als sie im Zuge der Ermittlungen Insider aus den beschuldigten Steuerkanzleien zum Reden brachte.

Sehr oft enden Finanzstrafsachen in Deutscland mit Deals, bei denen die Beschuldigten eine hohe Strafe gegen Einstellung des Verfahrens zahlen. Brorhilker hat sich in keinem ihrer Verfahren darauf eingelassen, was ihr viel Kritik eingetragen hat. Für die einen ist Anne Brorhilker eine „verbissene Beamtin, die Maß und Mitte verloren hat“, für die anderen ist sie eine „moderne Jeanne dʼArc, die es wagt, eine der mächtigsten Branchen der Welt zur Rechenschaft zu ziehen“.

In der Justiz gibt es inzwischen Widerstand gegen Brorhilker. Angeblich, um die Verfahren zu beschleunigen, sollte ihr ein zweiter Chef zur Seite gestellt werden. Nach einem öffentlichen Aufschrei zog der verantwortliche Justizminister in Nordrhein-Westfalen dieses Ansinnen jedoch zurück. Der Kölner Stadt-Anzeiger giftete trotzdem weiter in seiner Berichterstattung: Brorhilker sei ein „Kontrollfreak“, habe alle Verfahren auf sich zugeschnitten und verfolge „stur“ ihre Linie. Anne Brorhilker hält Kurs.

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