In der aktuellen EMMA

Bettina Limperg: Die Richterin

Bettina Limperg, Präsidentin des Bundesgerichtshofs, geht beim Thema Gleichberechtigung langsam die Geduld aus. - © Andreas Anhalt
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Bettina Limperg ist die Präsidentin des Bundesgerichtshofs. An der Spitze des höchsten Zivil- und Strafgerichts Deutschlands hatte noch nie eine Frau gestanden. Heute, vier Jahre nach Amtsantritt, stellt niemand mehr infrage, dass Limperg die richtige Frau in der richtigen Position ist: ernsthaft in der Sache, verbindlich im Ton, standhaft in schwierigen Situationen.

Limperg ist nicht die typische Alpha-Frau, eher das Gegenteil. Sie spricht leise, wägt ihre Worte. Manchmal sagt sie ganz offen, dass sie für ein Problem keine Antwort hat oder jedenfalls keine einfache. „Für mich gibt es nichts Schlimmeres als eine vorgefertigte Meinung.“ Das fällt gerade unter Spitzenjuristen besonders auf, denn die wissen meist alles und das meiste auch noch besser.

Konfrontationen meidet Limperg, wo es geht, dienstliche Entscheidungen trifft sie nicht par ordre du mufti. Mit diesem Stil ist es Limperg gelungen, den Bundesgerichtshof zu befrieden – jahrelang tobte dort ein Streit zwischen Limpergs Vorgänger Klaus Tolksdorf und dem Richter Thomas Fischer, der unbedingt Senatsvorsitzender werden wollte.

Ihre Vermittlungskünste will nun auch die Kirche für sich fruchtbar machen: Limperg ist die evangelische Präsidentin des 3. Ökumenischen Kirchentages 2021 in Frankfurt. Regelmäßig hilft Limperg nun in ihrer Gemeinde dabei, Altkleider einzusammeln. Doch das hat hauptsächlich einen wenig christlichen Grund: „Dann kann ich einen LKW fahren. Das liebe ich.“

Ihr Weg in die höchsten Ebenen der deutschen Justiz war nicht vorgezeichnet. Ihr Vater war Gymnasiallehrer in Wuppertal, und Frauenförderung war kein Thema in ihrer Familie. So kam sie zunächst ans Amtsgericht Stuttgart. Von dort ging sie ihren Weg, Stufe für Stufe.

2014 hörte man es raunen, die Frau habe nicht das Format, um den wichtigen Bundesgerichtshof zu führen, schließlich sei sie selbst nie Bundesrichterin oder Vorsitzende am Oberlandesgericht gewesen. Limperg hatte auch nie ein Parteibuch. Konservative in Berlin sehen in ihr eher eine Linke und äußern die Sorge, dass sie in Personalfragen politische Entscheidungen treffen könnte. Limperg lasse sich nicht vereinnahmen, sagen Richterkollegen, die sie schon lange kennen.

Heute zuckt die Präsidentin nur mit den Schultern. „Man kann nicht erwarten, dass alle einen toll finden“, sagt sie. Müssen Männer so was auch aushalten? Limperg selbst hat einmal gesagt, dass ihr beim Thema Gleichberechtigung langsam die Geduld ausgehe. Vor einigen Monaten hat sie beim Bundeskongress des Deutschen Juristinnenbundes klare Forderungen an Politik und Wirtschaft gestellt: Eine Frauenquote müsse her, „um die ewige Spirale männlicher Dominanz in der Führung und Kultur von Unternehmen zu durchbrechen“. Der Gesetzgeber müsse helfen, Frauen aus der „ewigen Betreuungsmisere“ herauszuholen.

In ihrer eigenen Familie hat sie sich mit ihrem Mann, einem EDV-Fachmann, die Erziehung der zwei Kinder geteilt. Das Ehegattensplitting findet sie „verfassungswidrig und ungerecht“. „Ich hatte einmal gehofft, meine Tochter und mein Sohn müssten über all die Themen nicht mehr nachdenken“, so Limperg. Mittlerweile sind ihre Kinder erwachsen.

Natürlich hat Limperg als Präsidentin einen Fahrer, der sie auch jeden Morgen abholt. Aber er wartet nicht vor ihrer Tür, sondern um die Ecke. Sie geht immer ein Stückchen zu Fuß. Einen Vorteil habe ihre Stellung doch, sagt sie: Die Menschen hören ihr zu. Das nutzt sie, um zu erklären, warum es gute Gründe dafür gibt, dass das Recht so ist, wie es ist. Zum Beispiel: Warum gilt die Unschuldsvermutung auch für Sexualstraftäter? „Jetzt stellen Sie sich mal vor, jemand beschuldigt Sie, obwohl Sie nichts gemacht haben. Dann würden Sie auch auf einem rechtsstaatlichen Verfahren bestehen.“

Manchmal allerdings ist das Recht schwer auszuhalten, denn zuweilen machen auch Gerichte Fehler. „Wir müssen lernen, Fehler zuzugeben, wenn sie passieren“, sagt Limperg. In der Vergangenheit hat sie das schon getan: Im Namen des Bundesgerichtshofs hat sie sich für das Unrecht entschuldigt, das das Gericht in den fünfziger Jahren den Sinti und Roma angetan hat.

 

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