Bitte kein rosa Puscheldesign!

So können Frauen auch aussehen: Das Projekt "Image Hack" von Mindshare.
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In Köln hat eine Premiere stattgefunden: Das erste Mal wurde im Museum für Angewandte Kunst in der Domstadt ein ebenso neuer wie notweniger Award verliehen: iphiGenia, eine Auszeichnung für besonders gelungenes Gender-Design. Warum braucht es die? Weil auch im Jahr 2017 selbst Gebrauchsgegenstände, die vor allem Frauen verwenden, von Männern designt werden. Und die machen dann „aus jeder Waschmaschine einen Porsche“, sagt Uta Brandes. Uta Brandes war Professorin für Gender und Design an der Köln International School of Design (KISD) und hat vor vier Jahren das „International Gender Design Network“ mitgegründet, das den Award verleiht. Die beiden ausgezeichneten Projekte kommen aus New York und aus Kopenhagen: „Thinx“ hat „Menstruations-Slips“ entwickelt: Unterhosen, die das Blut einfach aufsaugen. Und die Agentur „Mindshare“ hat in Kooperation mit Dove die Fotoplattform „Shutterstock“ gehackt: Sie haben Stockfotografien von Rollenbrecherinnen auf die Plattform geschleust (Foto). Und jede kann es nachmachen.

Uta Brandes, Sie haben das „International Gender Design Network“ gegründet. Worum geht es dabei?
Wir wollen Designerinnen sichtbarer machen und sie stärker in internationalen Projekten vernetzen. Und Geschlechterstereotype im Design bewusst machen, um besser zu gestalten.

Sie waren lange Professorin für Gender und Design an der Köln International School of Design.
Ja. Ich komme aber aus der Soziologie und bin seit Urzeiten Frauenforscherin. Das Design war lange eine rein männlich besetzte Disziplin. Nehmen Sie die Bauhaus-Bewegung. Die wollten gar keine Frauen dabei haben und verbannten alle ins Textile. Industriedesign ist bis heute vor allem eine Männerdomäne.

Uta Brandes, Expertin für Gender-Design, hat den Preis inittiert.
Uta Brandes, Expertin für Gender-Design, hat den Preis inittiert.

Gibt es so etwas wie „weibliches Design“?
Ich würde es andersrum formulieren: Sowohl auf der Seite der Gestaltenden als auch auf der Seite der NutzerInnen gibt es Gründe, warum und wie ich etwas gestalte. Oder warum und wie ich etwas benutze. Und diese Gründe sind natürlich genderspezifisch. Außerdem kommen wir aus der Geschlechterfrage sowieso nicht raus. Selbst wenn ich sage, ich will aber nicht so ein pinkes, niedliches Mädchen sein und ziehe mich lieber an wie ein Junge, verhalte ich mich in Relation dazu. Und diese Pinkisierung, die ist ja echt schlimm geworden. In meiner Kindheit war das nicht so!

Und wie war es?
Nehmen Sie Lego. Das war mal ein neutrales Spielzeug, damals, als es nur die bunten Klötzchen gab. Heute gibt es die rosa Lego-Friends-Serie für Mädchen. Die Industrie hat eine neue Zielgruppe entdeckt. Jeder Marketing-Fuzzi sagt sich heute: Frauen ticken ja ganz anders als Männer.

Wieso springen Mädchen darauf an?
Weil sie so erzogen sind. Kein Elternteil kann mir erzählen: Ich weiß gar nicht, wie die Kleine darauf kommt, ich hab ihr doch noch nie was Pinkes gegeben.

Und Erwachsene?
Genau das gleiche Problem. Das Einkaufsverhalten von Männern und Frauen ist unterschiedlich. Frauen kaufen bei den alltäglichen Dingen viel routinierter ein. Sie greifen eher auf No-Name-Produkte zurück. Männer gucken sich die Verpackung ganz genau an, lesen die Beschreibung – und entscheiden sich am Schluss für Persil, denn was Mutti genommen hat, kann ja nicht schlecht sein.

Und auf Designerinnen-Seite?
Während des Studiums gibt es meistens noch ein 50/50-Verhältnis in allen Bereichen. Dann bricht das auf. Frauen gehen eher ins Grafik-Design, beschäftigen sich mit Zweidimensionalem, wie zum Beispiel der Typografie. Sie verschwinden auch öfter in großen Teams. Und wenn es bei einem Autohersteller doch mal eine Frau ins Design-Team schafft, wofür denken Sie, ist die wohl zuständig?

Für die Innenausstattung?
Genau! Aber noch nicht einmal für die gesamte Innenausstattung, sondern für die Stoffe der Sitzpolster und den Autohimmel. Felgen sind sowieso Männersache. So wie alles, was man am Auto von außen sehen kann.

Warum ist das heute immer noch so?
Frauen sind für das Innere des Hauses zuständig, diese Vorstellung kommt aus dem 19. Jahrhundert. Sie machen den Haushalt, Männer stehen in der Öffentlichkeit. Solche Annahmen schreiben sich fort. Und am Ende entstehen daraus kollektiv anerkannte Regeln, so wie die über die angeblichen Design-Kompetenzen der Geschlechter. Frauen können Deko, Sticken und Kissen nähen. Aber selbst Dinge, die eigentlich als frauentypisch gelten, also Küchengeräte oder Waschmaschinen, werden immer noch überwiegend von Männern entworfen. Weil auch das unter Industriedesign fällt. Ich hege die böse Vermutung, dass alle Männer lieber Porsches gestalten möchten als Waschmaschinen. Und deshalb machen sie aus jeder Waschmaschine einen kleinen Porsche. Männer sind ja mit der Handhabung von Waschmaschinen oft gar nicht vertraut, wissen also nicht, worauf es ankommt. Dafür macht die Waschmaschine aber „Wumm, Wumm!“, wie ein Auto. Ich habe eine Saftpresse, die röhrt, als ob draußen jemand die Straße aufreißt.

Sie fordern also, dass Frauensachen von Frauen designt werden?
Nein, darum geht es gar nicht! Ich will ja kein rosa Puscheldesign für Frauen und hartes Metalldesign für Männer. Es gibt stattdessen die sehr schöne Idee, gendersensibel zu gestalten. Also eine Sache so offen und so schlau zu machen, dass sie potenziell beiden Geschlechtern Spaß macht.

Und wie sieht eine gendersensible Saftpresse aus?
Das Ding besteht zum Beispiel nicht aus 17 Einzelteilen, wie meine. Wenn ich die säubern will, muss ich das alles auseinanderbauen und wieder zusammensetzen. Das dauert etwa 15 Mal so lange, wie Saft konventionell zu pressen! Die einzige Firma, die gendersensibles Design ziemlich gut hinbekommt, ist übrigens Apple.

Was macht Apple anders?
Als die Umstellung von der Schreibmaschine auf Computer kam, da standen in den Büros ja erst mal diese komplizierten, grauen Kästen rum. Frauen haben sich da oft gar nicht ran getraut, weil sie Angst hatten, etwas kaputt zu machen. Und dann kamen die Apple-Computer in leicht transparenten, hellen Farben. Mit einem intuitiven Interface. Ich musste plötzlich nicht mehr ein 500-Seiten-Handbuch auswendig lernen, um den Rechner zu bedienen. Wenn da ein kleiner Mülleimer auf meinem Desktop steht, dann weiß ich gleich, wofür der da ist. Das alles finden also beide Geschlechter schick. Frauen gelten übrigens insgesamt als die anspruchsvolleren Kunden.

Warum?
Sie haben komplexere Bedürfnisse. Das Produkt muss alltagstauglich sein. Und sie denken eher an Ökologie und Nachhaltigkeit. Und dass ein Gerät auch noch dann funktionieren muss, wenn die Kinder da sind. Ich habe mal eine Studie über reisende Geschäftsfrauen gemacht. Männer sind in einem Hotel im Schnitt drei Dinge wichtig. Frauen 35.

Wie sehen die aus?
Bei Männern: ne harte Matratze, ne harte Dusche und kostenloses W-Lan.

W-Lan stünde jetzt auch auf meiner Liste ...
Natürlich wollen auch Frauen W-Lan. Aber sie wollen außerdem, dass das  Zimmer gut riecht und dass der Service vertrauenswürdig ist, wenn sie abends alleine an der Hotel-Bar sitzen.

Wie haben sie das im Alltag an der Fachhochschule erlebt?
Vor allem Männer haben Interesse an Gender-Themen. Die Frauen haben dagegen Angst, dass sie dadurch in die Feminismus-Ecke gedrängt werden könnten. Ich glaube aber, das ist ein typisch deutsches Problem. Woanders ist man schon viel weiter.

Das Gespräch führte Alexandra Eul.

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