Unerschrocken: Christine Linnartz

Christine Linnartz: "Ich fühle mich nicht behindert." Foto: Bettina Flitner
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Als Kind wollte Christine Linnartz Kapitänin werden und befehligte ihr Schiff – ein umgedrehter Tisch, den sie auf das Sofa bugsiert hatte – mit großer Begeisterung. In ihrer Phantasie rettete sie Menschen in Seenot, wie sie es im Fernsehen gesehen hatte. Eines allerdings funktionierte nicht wie auf dem Bildschirm: Aus ihrem Funkgerät kamen keine Antworten. Bald darauf begriff die Fünfjährige, woran das lag.

Christine saß auf dem Schoß ihrer Mutter, als ihre Großmutter in die Küche ging. Die Mutter redete weiter. Die irritierte Christine zupfte die Mutter am Ärmel und fragte sie, was das solle. Die Oma könne die Mutter doch gar nicht verstehen, wenn sie deren Mund nicht sehe. Da erklärte die Mutter ihrer Tochter, was die bis dahin noch gar nicht begriffen hatte: „Wir können hören – und du nicht.“

Ziemlich genau 50 Jahre später erzählt Christine Linnartz diese Geschichte, während sie in der Kölner EUTB-Beratungsstelle „DeafGuideDeaf“ (Taube beraten Taube) sitzt, die sie seit September 2018 leitet. Sie erzählt sie mit ihren Händen, während ein Dolmetscher für Gebärdensprache für mich übersetzt. Ihre Finger wuseln blitzschnell, formen Gebärden, auch Gesicht und Arme sind ständig in Bewegung. Hörende Menschen werden laut, wenn sie etwas besonders Aufregendes erzählen. Christine Linnartz reißt stattdessen die Augen auf, runzelt die Stirn, schlägt sich auf die Hand.

Sie ist eine von rund 140.000 Gehörlosen in Deutschland und gehört zu denjenigen, die auch „normal“, also in Lautsprache verständlich sprechen könnten. Mutter und Oma – der Vater hatte die Familie früh verlassen – haben das damals mit ihr geübt. Aber wer nicht hört, was er sagt, bevorzugt natürlich eine Sprache, die unabhängig vom Gehör funktioniert.

Und so ballt Christine Linnartz die Fäuste zur Siegerpose, wenn sie erzählt, wie sie sich damals erkämpft hat, das Abitur zu machen – obwohl ihr die Lehrer erklärt hatten, sie als Gehörlose könne das gar nicht schaffen. Sie zog dafür schon mit 17 von Trier nach Essen – und schaffte es. Mit 18 ging Christine nach Washington auf die damals weltweit einzige Uni für Gehörgeschädigte. Zurück in Deutschland, erstritt sie sich das Recht auf einen Gebärdensprachdolmetscher, um Sozialarbeit studieren zu können. Sie wurde Umweltaktivistin und engagierte sich bei den Grünen.

Es scheint, als hätte die späte Offenbarung ihrer Mutter an Christines ausgeprägten Kampfgeist einen nicht unerheblichen Anteil. So wuchs das gehörlos geborene Mädchen in ihren ersten Lebensjahren unbehelligt von der Vorstellung auf, dass sie „behindert“ sein könnte. Auch heute erklärt die 55-jährige Sozialarbeiterin und Mutter zweier Töchter: „Ich fühle mich nicht behindert. Ich werde behindert.“

Weil sie das ändern will, ist sie eine von vier Protagonistinnen der Kampagne, die Fotografin Bettina Flitner im Auftrag des „Kompetenzzentrum Selbstbestimmtes Leben NRW“ konzipiert hat. Auf Postkarten fordern Linnartz und drei ihrer Kolleginnen aus anderen Beratungsstellen: „Behindert mich nicht!“

Behindert werde zum Beispiel eine gehörlose Frau, deren Mann sie schlägt, die aber für den Gang zur Polizei keinen Dolmetscher gestellt bekommt. Behindert werden gehörlose Menschen, wenn bei Pressekonferenzen mit lebenswichtigen Informationen zu Corona kein Gebärden-Dolmetscher übersetzt. Denn, erklärt Linnartz, viele Gehörlose seien „funktionale Analphabeten“. Das liegt vor allem daran, dass Gehörlose im Unterricht lange daran gehindert wurden, sich in Gebärdensprache zu verständigen.

Als Christine Linnartz Anfang der 1970er auf die Gehörlosenschule kam, schlugen die LehrerInnen den SchülerInnen noch auf die Hände, wenn sie „gebärdeten“. Folge: Bildung bestand für diese Kinder vor allem darin, die ihnen so fremde Lautsprache zu lernen. Bis heute, erklärt Linnartz, entspreche darum ein Abschluss auf der Gehörlosenschule nur dem Niveau der vierten Grundschulklasse.

Christine Linnartz hat für ihre Bildung gekämpft – und gewonnen. Und wenn man so will, ist aus ihr tatsächlich eine Kapitänin geworden. Nur, dass das Schiff unter ihrem Kommando eine Beratungsstelle für Gehörlose ist.

 

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