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Dagmar Manzel: Ist besonders

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Mühsam zieht sich die Frau am Treppengeländer hoch, robbt ins Bad, hievt ihren Körper wie eine Last durch die Wohnung. Multiple Sklerose kann grausam sein. Dagmar Manzel hat  das aus nächster Nähe erlebt. Zwanzig Jahre lang begleitete sie einen ihrer besten Freunde, der an MS erkrankt war. „Ich musste nur die Augen schließen und mich erinnern“, sagt sie auf die Frage, wie sie sich der Rolle der MS-kranken Juditha angenähert habe.

„Du musst bereit sein, dich mit Körper und Seele auszuliefern“, sagt Dagmar Manzel. Mit dieser Unbedingtheit spielt sie Juditha als eine Frau, die sich weigert, der Krankheit den Vortritt zu lassen. Doch unter der Härte schimmern andere Facetten durch – Verzweiflung,  Verletzlichkeit, Humor und Herzenswärme.

Seit Jahrzehnten gehört die 1958 geborene Berlinerin zu den ganz Großen ihres Metiers. Sie kann alles, heißt es über sie. Doch die Rollen, die sie jetzt annimmt, müssen „notwendig“ sein, sagt sie. So wie Juditha in Wendla Nölles Film „Ein großes Versprechen“, der jetzt in die Kinos kommt: „Juditha ist für mich eine selbstbewusste, kraftvolle Frau – auch wenn sie sich erst einmal weigert, die Krankheit anzunehmen. Erst dieser Kampf führt sie in die Einsicht, ihre Krankheit zu akzeptieren. Darin zeigt sich ihre eigentliche Stärke.“

Die feinen Nuancen des scheinbar Paradoxen bringt Dagmar Manzel in ihrem Spiel zum Leuchten. Immer haben ihre Figuren einen emotionalen Reichtum, der sie lebendig erscheinen lässt, selbst in Momenten tiefster Verlorenheit. Etwa wenn sie im Deutschen Theater Berlin im Zwei-Personen-Stück „Gift“ eine Mutter spielt, die ihr einziges Kind verloren hat. Oder Sie gehört zu den ganz Großen ihres Metiers: ob als Tatort-Kommissarin Paula Ringelhahn oder Petra Kelly. In ihrem neuen Film spielt sie eine MS-kranke Frau, die lernen muss, ihre Schwäche zu akzeptieren. „Ein großes Versprechen“ startet am 2. Juni in den Kinos. wenn sie in der Komischen Oper Berlin einen Abend ganz alleine bestreitet, mit Arnold Schönbergs „Pierrot Lunaire“.

Dagmar Manzel ist eine vielseitige Ausnahmeschauspielerin, die niemals Rollen-Schubfächer aufzieht. Das gilt auch für ihre Kommissarin Paula Ringelhahn, die sie im Franken-Tatort spielt. Ihre Bedingung: Sie wird keine Waffe tragen. „Ich finde es dämlich, wenn alle mit Knarre herumlaufen, es wird ja schon genug geschossen.“

So unprätentiös, wie sie spricht, begegnet sie ihrem Gegenüber in Interviews. Zurückhaltend, fast schüchtern zunächst. Wenn sie sich wohl fühlt, zeigt sie ihre komische Seite und erzählt Geschichten, in denen sie sich keineswegs auf ein Podest stellt. Als junge Schauspielerin konnte sie im ehrwürdigen Deutschen Theater in Ost-Berlin nicht immer ernst bleiben, etwa wenn sie als Rosaura in „Das Leben ist ein Traum“ von Calderón am Ende tot auf der Bühne lag. „Als Leiche habe ich immer viel gelacht“, gesteht sie, und auch von der Scham danach erzählt sie, von den Tränen in der Garderobe.

„Sie ist ein Theaterkind, das an keinem Ort der Welt lieber sein will als auf der Bühne“, sagt Barrie Kosky über sie, der Intendant der Komischen Oper Berlin. La Manzel ist sein Star, eine „fantastische Rampensau“ in den wiederentdeckten Operetten der Zwanziger Jahre. Jede Vorstellung ist ausverkauft.

Ja, singen kann sie auch. Angefangen hat sie damit in einem Alter, in dem andere Sängerinnen ans Aufhören denken, mit 45 Jahren. Ihre Stimme erstreckt sich über drei Oktaven, kann schnarren, säuseln, nölen, vor allem aber verführen.

In ihrer Autobiographie „Menschenskind“ erzählt sie von ihrer Kindheit in einer harmonischen Familie. Ihre Eltern, beide Lehrer, freuten sich über die frühen Erfolge ihrer Tochter nach deren Studium an der Ernst-Busch-Schauspielschule in Ost-Berlin. Ihre in der DDR begonnene Laufbahn erlitt durch den Mauerfall keinen Bruch. Vor einigen Jahren erkrankte die Mutter zweier Kinder an Krebs. Erst als es vorbei war, sprach sie über diese Zeit und von ihrer „unbändigen Sehnsucht, leben zu wollen“.

Die ihr eigene Melancholie steht nicht im Widerspruch dazu. Eines ihrer liebsten Lieder handelt von der Gleichzeitigkeit von Trauer und Heiterkeit. „Wenn ich mir was wünschen dürfte“ von Friedrich Hollaender. Wenn Dagmar Manzel diese Zeilen singend spricht und sprechend singt, schwingen Helles und Dunkles mit, Kindheit und Alter, Komik und Drama. Gänsehaut.

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