Botschafter einer besseren Welt

Foto: Bettina Flitner
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Wie kommt es, dass Schweden einen „Sonderbotschafter für die Bekämpfung des Menschenhandels“ hat?
Per-Anders Sunesson Als ich im Mai 2016 angefangen habe, kam ich auf eine ganz neue Position, die es vorher so noch nicht gegeben hatte. Der Hauptgrund, diesen Posten des Sonderbotschafters einzurichten, war, dass die Zahl der Opfer von Menschenhandel weltweit steigt und Schweden einen Beitrag dazu leisten will, das zu bekämpfen. Ein weiterer Grund war, dass es weltweit eine starke Lobby gibt, die Prostitution als normalen Job propagiert. Und diese Lobby behauptet, dass unser Sexkaufverbot angeblich nicht funktioniert und schlimme Folgen für die Frauen in der Prostitution hat. Also hat die schwedische Regierung gesagt: Wir brauchen jemanden, der den Leuten erklärt, wie das Gesetz funktioniert und was die Fakten sind. 

Wie arbeiten Sie?
Ich reise in andere Länder, erkläre den Zusammenhang zwischen Prostitution und Menschenhandel, und dass wir in Schweden heute sehr wenig Prostitution und Menschenhandel haben. Zum Beispiel kann mich meine eigene Botschaft in jedem Land einladen und eine Veranstaltung oder ein Round-Table-Gespräch organisieren. An diesem Tisch können dann Vertreter der jeweiligen Regierung sitzen. Ich kann auch von NGOs eingeladen werden, wie es zum Beispiel im April 2019 beim „Weltkongress gegen sexuelle Ausbeutung“ in Mainz der Fall war (EMMA 3/19). Und ich sitze in Gremien der UN und der EU und nehme dort an Debatten über Prostitution und Menschenhandel teil.

Haben Sie denn Erfolg mit ihrer Überzeugungsarbeit?
Ich will nicht behaupten, dass es eine direkte Folge des schwedischen Einflusses war, aber: Israel hat im Januar 2019 die Freierbestrafung eingeführt. Vor ein paar Monaten hat der spanische Ministerpräsident angekündigt, dass er ein ähn­liches Gesetz auch für sein Land plant. Und wir sind gerade im Gespräch mit Griechenland, Italien und Malta. Aber auch mit anderen Ländern wie Südafrika oder der Mongolei. Und manchmal kommen die Menschen auch zu uns. Kürzlich war eine Delegation Abgeordnete aus Großbritannien in Schweden, um sich über unser Gesetz zu informieren.

Ist die Resonanz immer positiv?
Nein. Einmal habe ich zum Beispiel in Griechenland erklärt, dass ich stolz bin, in einem Land mit einer feministischen Regierung zu leben, in dem es verboten ist, einen Menschen für Sex zu kaufen. Ein griechischer Staatsanwalt antwortete: „Und ich bin froh, in einem Land zu leben, in dem sich die Regierung nicht in alles einmischt, und ich mir einen Blowjob kaufen kann, wann immer ich will.“

Sind Sie auch schon von Deutschland eingeladen worden?
Unsere Botschaft in Berlin war einmal in den Bundestag eingeladen, um dort über das Schwedische Modell zu informieren. Das war’s.

Vielleicht ändert sich das ja in Zukunft. Schweden war 1999 das erste Land der Welt, das ein Sexkaufverbot eingeführt hat. Wie ist das Gesetz damals eigentlich zustande gekommen?
Damals drängte die schwedische Frauenbewegung die Regierung, etwas gegen Gewalt gegen Frauen zu tun und die Gleichberechtigung stärker voranzubringen. Und so kam die Prostitution in den Fokus. Denn erstens gibt es in der Prostitution eine Menge Gewalt gegen Frauen. Zweitens stellte sich die Frage, wie gleichberechtigt eine Gesellschaft sein kann, in der Männer ihre finanzielle Stärke dazu benutzen, sich den Zugang zu Frauenkörpern zu kaufen. Die Regierung gab dann eine Untersuchung in Auftrag. Es wurden viele Frauen und Männer in der Prostitution befragt, ebenso die Freier. Das Ergebnis: Fast alle Prostituierten hatten eine Missbrauchs-Geschichte. Es war also offensichtlich, dass das keine selbstbestimmten Unternehmerinnen waren, sondern Gewaltopfer mit sehr geringem Selbstwertgefühl. Die Freier hingegen erklärten, es sei ihr Recht als Mann, sich Frauen zu kaufen. Sie hätten schließlich sexuelle Bedürfnisse, die irgendjemand befriedigen müsse. Diese Untersuchung trat in der schwedischen Gesellschaft eine riesige Debatte über Prostitution los. Und am Ende stimmte die Regierung aus Sozialdemokraten und Grünen für das Gesetz. Und bald darauf waren auch die Konservativen dafür.

In Deutschland sind es gerade die Grünen und die Sozialdemokraten, die das Schwedische Modell ablehnen.
Ja, ich weiß. Das finde ich sehr seltsam.

Welche Bilanz ziehen Sie nach 20 Jahren?
Zunächst mal hat das Gesetz stark dazu beigetragen, die Haltung der Schwedinnen und Schweden zur Gleichberechtigung zu stärken. Heut­zutage finden nur noch sehr wenige Menschen, Frauen wie Männer, dass es okay ist, sich den Zugang zum Körper eines anderen Menschen zu kaufen. Das gilt in Schweden als Stigma. Ein Mann, der das tut, verliert sein Gesicht. Die Nachfrage nach Prostituierten ist also erheblich geringer als in Ländern, in denen der Sexkauf legal ist. Deshalb haben wir in Schweden ein vergleichsweise kleines Problem mit dem organisierten Frauenhandel. Interpol erklärt, der schwedische Markt für Menschenhandel sei quasi tot.

Und welche Folgen hatte das Gesetz für die Frauen und Männer in der Prostitution?
Sie wurden durch das Gesetz völlig entkriminalisiert. Die Freier hingegen laufen Gefahr, erwischt zu werden und eventuell sogar ihren Job zu verlieren. Die Polizei erklärt, dass das den Frauen eine gewisse Macht gegeben hat, denn die Freier vermeiden, den Frauen Schaden zuzufügen. Sie wissen, dass die Frau einfach zum Telefonhörer greifen und die Polizei rufen kann. 

Die Behauptung der Pro-Prostitutions-Lobby, dass die Gewalt gegen die Frauen durch das Sexkaufverbot in der Prostitution steigt, ist also schlicht falsch?
Ja. Prostitution ist für die Frauen in Schweden sicherer geworden. Wir hatten in 20 Jahren nicht einen einzigen Mord an einer Prostituierten.

Was antworten Sie denjenigen, die fürchten, die Prostitution würde durch das Sexkaufverbot in die Illegalität abrutschen, so dass Polizei und SozialarbeiterInnen die Frauen nicht mehr erreichen könnten?
Wer sich prostituiert, muss seine Kunden wissen lassen, dass er sich prostituiert und wo. Und wenn die Kunden die Frauen finden können, kann die Polizei es auch. 

Und die SozialarbeiterInnen?
Wenn die Polizei eine Frau findet, informiert sie die SozialarbeiterInnen. Ich war einmal dabei, als die Polizei in einem Apartment eine 26-jährige Frau aus Osteuropa entdeckte. Sie behauptete, sie hätte das Apartment allein gemietet und würde auch allein dort arbeiten. Die Polizei schickte zwei Sozialarbeiterinnen hin. Beim ersten Besuch blieb die Frau bei ihrer Geschichte, beim zweiten auch. Am dritten Tag brach sie weinend zusammen und erklärte, das Apartment sei von ihrem Zuhälter gemietet, der sie zur Prostitution zwänge. Und dass sie am liebsten wieder nach Hause wolle. Die Frau hat dann im Krisenzentrum eine Therapie gemacht und ist jetzt ­wieder in Rumänien.

Auf dem „Weltkongress gegen sexuelle Ausbeutung“ in Mainz haben Sie dafür plädiert, auch Pornografie zu problematisieren.
Ja. Denn die Porno-Industrie funktioniert nach demselben zynischen System sexueller Ausbeutung wie das System Prostitution es tut. Pornografie ist heutzutage extrem hart und zeigt oft sadistische Gewalt und die verbale und physische Erniedrigung von Frauen. Untersuchungen zeigen, dass Porno-Konsum Männer sexuell aggressiver macht und die Haltung fördert, Gewalt gegen Frauen zu verharmlosen. Pornografie schädigt also diejenigen, mit denen sie produziert wird, und sie verändert den Blick junger Menschen auf Sexualität und Gleichberechtigung. Deshalb könnte Schweden noch mehr tun, um Menschen vor sexueller Ausbeutung zu schützen und eine klare Haltung zur Pornografie einnehmen, die Gewalt und Erniedrigung zeigt.

 

 

 

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