Der Prinz von Theben

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Sie war Anfang vierzig, ihre Ehe mit Herwarth Walden ging gerade in die Brüche, da hatte Else Lasker-Schüler eine kühne Idee. Deren Tragweite kann ihr nicht bewusst gewesen sein, ihre Bedeutung vielleicht schon. Denn sie erfand sich eine Figur, in die sie hineinschlüpfen konnte wie in eine andere Haut. Sie nannte sich „Jussuf“, gab sich also einen männlichen Namen, und betonte die androgynen Züge ihrer Gestalt. Jussuf konnte alles Mögliche sein: Traumdeuter und Pharao, Bruder und Freund, und vor allem war er immer wieder der „Prinz von Theben“.

Der männliche Selbstentwurf gab ihr Halt, aber er war weit mehr als eine Maske. Die Jussuf-Figuration war wandelbar. Sie kam aus einem Zwischenreich, gehörte der Realität ebenso an wie der Phantasie. Sie war wie ein Schutzanzug, mit dem sie jederzeit die Sphären wechseln konnte, raus aus dem Leben, das ihr zusetzte, hinein in eine Welt, die ihr besser gefiel und in der sie die Regeln erfand.

Es hat eine Zeitlang gedauert, bis sich Jussuf so weit entwickelt hatte, dass er stabil und formbar genug war, um ein Leben lang für Else Lasker-Schüler da zu sein. In ihrem frühen Prosawerk „Die Nächte Tino von Bagdads“ (1907) zog er eine erste Spur. Zunächst tauchte er nur sporadisch als Unterzeichner privater Briefe auf. Seit Herbst 1912 unterschrieb sie fast alle Briefe innerhalb der Jussuf-­Figuration. Er wird zum großen Joker.

Mit Jussuf war sie stark. Mit Jussuf konnte sie Ansprüche stellen. Als Jussuf konnte sie flirten, dass sich die Balken biegen. Und wenn es dem Umworbenen zu viel wurde, verwies sie empört darauf, es ginge nur um Freundschaft. Jussuf sei doch ein Knabe, ein Prinz, ein Kämpfer für die Poesie – wer das nicht merke, der könne ihr den Buckel runterrutschen!

Die ungeheure Kraft und der enorme Eigensinn dieser Frau verkörpern sich in Jussuf, aber auch die lebenslange Sehnsucht nach Liebe und ihre Zartheit. Er wurde ein Teil von ihr, und sie wurde ein Teil von ihm. Sie gehören zusammen. Wer ihren Namen nennt, der kommt ziemlich rasch auf ihn zu sprechen.

Die erste Anverwandlung unternahm sie bereits 1910. Damals war es bloß eine Rolle für ein Varietéprojekt, das nicht zustande kam. Aber das Foto, das dafür werben sollte und auf dem sie den Prinzen von Theben darstellte, wurde berühmt. Es zeigt Else Lasker-Schüler mit Pagenkopf, schwarzer Pluderhose und Dolch am Gürtel, eine Flöte am Mund und die Füße in jener Stellung, die als „Stand-Schreit-Figur“ aus der Ikonographie altägyptischer Darstellungen bekannt ist.

Bis 1911 ließ sie sich gern „Tino von Bagdad“ nennen oder „Prinzessin Tino“. Tino war der Name, den ihr Peter Hille, der väterliche Freund aus der Zeit der „Neuen Gemeinschaft“, gegeben hatte. Doch mit dem Prinzessinnenhaften war es nun vorbei. Wenn man zwei ihrer Zeichnungen vergleicht, zwischen deren Entstehung nur wenige Jahre liegen dürften, dann sieht man bei aller Ähnlichkeit die Verwandlung.

Die eine zeigt ein Selbstbildnis, das trotz der androgynen Züge eher weiblich anmutet: Zart und elegant balanciert die schwebende Figur eine kleine orientalische Stadt auf dem Arm. Diese Zeichnung wird das Titelbild ihres vierten Gedichtbands „Hebräische Balladen“.
Die andere stellt Jussuf dar. Der breitbeinige Jussuf mit dem vorgeschobenen Kinn strahlt Kampfgeist aus. Alles an ihm verkörpert Stärke. Und Stärke war tatsächlich eine der hervorstechendsten Eigenschaften Else Lasker-Schülers.

Posthum wurde sie vor allem als Lyrikerin wahrgenommen. Dabei brillierte sie schon früh in allen Gattungen. Sie war Dichterin, Dramatikerin und Prosaschriftstellerin. Sie schrieb lyrische Kurzprosa und Romane, Essays und glänzende Porträts. Und sie war eine Doppelbegabung. Als Zeichnerin schuf sie ein eigenständiges Werk, dessen Ästhetik eng mit ihrem Schreiben verbunden war. Doch am Ende ist es Jussuf, dieser aus den Strömungen der Zeit herausgefilterte Grenz­gänger, der ihrem Lebenswerk seine besondere Signatur verleiht.

So unbeirrt wie Else Lasker-Schüler hat keiner mit der Idee Ernst gemacht, Kunst und Leben zu vereinen. Sie war eingebunden in die Avantgardebewegungen ihrer Zeit. Expressionismus, Futurismus, Kubismus, Dadaismus, Surrealismus waren ihr Fluidum. Sie verkehrte sowohl in der literarischen als auch in der künstlerischen Szene, die sich nicht zuletzt in ihrer Person überschnitten.

Sie und ihr Mann Herwarth Walden markierten in Berlin mit dem Sturm das turbulente Zentrum. Man kannte und verehrte sie. Manche fürchteten ihre Spleens und verbalen Attacken – wie Franz Kafka, der sie als Kaffeehausliteratin verspottete. Aber keiner der Kollegen, die ungefähr zur gleichen Zeit eine Spielfigur erfanden, mit der sie eine zweite Existenz führen konnten, setzte sein Anliegen so ausdauernd um wie sie.

Weiterlesen:
Meike Feßmann: Else Lasker-Schüler. Leben in Bildern (Deutscher Kunstverlag, 22 €) – Gesamtwerk Else Lasker-Schüler im Jüdischen Verlag (im Suhrkamp Verlag).

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