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Wenn die beste Freundin...

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"Zur Beachtung! Durch die Herausgabe der Freundin mit dem Sonderteil für Transvestiten sind dem Verlag und der Redaktion zahlreiche Anerkennungsschreiben zugegangen. Alle Briefeschreiberinnen äußerten den Wunsch, Die Freundin möge als selbständige Frauenzeitung erscheinen. Der Verlag wagt es daher, trotz der schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse, Die Freundin als selbständiges Blatt herauszubringen. Die Freundin wird eintreten für die Gleichberechtigung der Frauen im gesellschaftlichen Leben. Die Freundin wird zur Pflege der idealen Frauenfreundschaft beitragen.“

Berlin, 15. September 1924. Als der Friedrich-Radszuweit-Verlag diese Zeilen in seiner dritten Ausgabe der Freundin abdruckt, sind die ersten beiden schon vergriffen. Berlins Damen – ganz gewisse Damen, zum Beispiel solche, die in Clubs namens „Violetta“ oder „Monbijou“ verkehren – reißen Straßenverkäufern und Kioskbesitzern das neue Blatt förmlich aus den Händen.

Allerdings kaufen die meisten von ihnen es dort, wo man sie nicht kennt, und stecken das Heft hastig unter den Mantel. „Und dann kamst du dir vor, als hättest du eine Bombe in der Tasche“, erzählt Zeitzeugin „Branda“ auch Jahrzehnte später nur unter Pseudonym. „Und dann habe ich sie sonstwo gelesen. Auf dem Klo! Da, wo dich keiner gestört hat. Wir mussten sie ja immer alle verstecken.“

Die Freundin ist die erste Zeitschrift für homosexuelle Frauen im deutschsprachigen Raum. Die erste Ausgabe erschien am 8. August 1924. Bald darauf hat sie eine Auflage von rund 10.000 Abonnentinnen in ganz Deutschland, in Österreich und der Schweiz, und gilt als größte und bekannteste Zeitschrift für lesbische Frauen der Weimarer Republik.

Eine schicke Garçonne mit Hut und Bubikopf, ein Frauenpaar, gelegentlich aber auch Frivoles wie „Marona“, eine barbusige „orientalische Tänzerin“, zieren die Titel des acht Seiten dünnen Blattes, das es alle zwei Wochen für 20 Pfennig zu kaufen gibt.

Im Innern findet die geneigte Leserin vor allem Erbauliches zu ihrer Unterhaltung: Kurzgeschichten, Fortsetzungsromane und Gedichte, Titel: „Die Freundin der Olga Diers“ oder „Marja – die Symphonie einer Liebe“. Sie enden nach dramatischen Verwicklungen mit der romantischen Vereinigung der Heldinnen – oft aber auch mit  dem Selbstmord einer Protagonistin, die ob ihrer „Veranlagung“ von der feindseligen Umwelt in den Tod getrieben wird.

Meist sind die Geschichten von den Leserinnen selbst verfasst, denn die Redaktion bittet „alle Frauen, die sich dazu berufen fühlen, uns entsprechende Arbeiten und Artikel einzusenden“. So wird in der Rubrik „Meinungsaustausch über Tagesfragen“ die Streitfrage „Für oder gegen den Bubikopf“ erläutert, von Diskriminierungen in Familie und Beruf berichtet oder auch vom letzten Theaterbesuch: „Wie wurde mit einem Mal mein ganzes Herz ergriffen, und wie begannen meine Pulse zu klopfen“, schreibt in heller Aufregung eine Leserin aus Leipzig, nachdem sie dort die Aufführung des Stücks „Ritter Nerestan“ genossen hat.

Das Werk der Autorin Christa Winsloe über die Internatsschülerin Manuela von Meinhardis, die sich leidenschaftlich in ihre Lehrerin verliebt, ist heute besser bekannt unter dem Titel „Mädchen in Uniform“, die 50er-Jahre-Verfilmung mit Romy Schneider und Lilli Palmer Kult. 75 Jahre früher kann es die Schreiberin aus Leipzig kaum fassen. „Das ist doch – das ist doch unser Schicksal, das ist doch unser Leben, was sich hier abrollt, das behandelt ja das Gebiet der lesbischen Liebe. Meine Damen! Sie alle müssen sich dieses Stück ansehen!“

Vom gesellschaftlichen Leben auf dem „Gebiet der lesbischen Liebe“ zeugt auch der stolze zwei Seiten umfassende Annoncenteil in der Freundin: „Das Café Dorian Gray ist und bleibt der intime Treffpunkt der vornehmen Damenwelt“, der „Damenclub Tatjana“ lädt montags und freitags ins Alexander-Palais mit „Stimmungskapelle“ („Jede Dame erhält ein Geschenk“), „Nur für Damen sind die Tanzveranstaltungen im Damenclub Harmonie“, die Damenabteilung des „Bundes für Menschenrecht“ lädt zur „Lila Nacht“ („Nur für einwandfreie Damen“). Auch nächtliche „Mondscheindampferfahrten“ erfreuen sich großer Beliebtheit.

In den Kleinstädten und Dörfern sah es schlechter aus für Anhängerinnen der „idealen Frauenfreundschaft“, deren Förderung sich die Freundin auf die Fahnen geschrieben hatte. „Was beneiden wir unsere Artgenossinnen in der Großstadt, was müssen wir ihnen gegenüber entbehren und zurückstellen! Eine Freundin zu finden ist furchtbar schwer, Vorsicht ist dringend am Platze“, klagt Leserin Irmgard Markus über ihr Leben in der Provinz.

In Berlin pulsierte dagegen das lesbische Leben. In rund 50 sogenannten Damenclubs konnten sich die „Freundinnen“ Mitte der Zwanziger Jahre in Berlin vergnügen. Einige waren klassische Damenlokale, andere tarnten ihre Zusammenkünfte als Skat- oder Wandertreff, wiederum andere verstanden sich als politische Clubs. Wie der „Damenclub Violetta“, mit rund 400 Mitgliedern der größte seiner Art. Die Journalistin Ruth Margarete Roellig schreibt in ihrem 1928 erschienenen Szeneführer „Berlins lesbische Frauen“: „Hier wird nicht nur ausschließlich der Tanz gepflegt, man veranstaltet auch aufklärende und bildende Vorträge, macht gemeinsame Ausflüge und ist in jeder Weise bemüht, den an sich nicht auf Rosen gebetteten lesbischen Frauen ein wenig Frohsinn in das Dasein zu tragen. Vor allen Dingen hat es sich dieser Club zum anerkennenswerten Ziel gesetzt, geschlossen gegen die noch herrschende Ächtung der andersgearteten Frau anzukämpfen.“

Diesen Kampf führten die Violettas mit Hilfe des „Bundes für Menschenrecht“. Sie waren die „Damenabteilung“ des BfM, der mit Abstand größten Homosexuellen-Organisation Deutschlands, der stolze 48.000 Mitglieder zählte. Der BfM-Vorsitzende Friedrich Radszuweit gab in seinem gleichnamigen Verlag das Verbandsorgan Blätter für Menschenrecht und eben auch Die Freundin heraus, zusammen mit den zahlreichen Büchern einschlägigen Inhalts erreichten die Publikationen des Radszuweit-Verlags Millionenhöhe.

So war Die Freundin praktisch das Verbandsorgan des BfM, das auch die Verbandsmitteilungen abdruckte; die Schriftleiterinnen Anne Weber und später Lotte Hahm waren gleichzeitig Vorsitzende der BfM-Damenabteilung und hielten im Club „Violetta“ Vorträge wie „Die homosexuelle Frau und die Reichstagswahl“ oder „Die Notwendigkeit der homosexuellen Aufklärung“. Die Freundin-Leitartikel zu politischen Tagesfragen wurden aber durchweg von den (männlichen) BfM-Funktionären verfasst.

Die nur 1.500 Damen waren im „Bund für Menschenrecht“ deutlich in der Minderheit. Zwar gab es immer wieder Versuche, einen eigenen Frauenverband zu gründen, aber der „Bund für Frauenrecht“ und der „Bund für ideale Frauenfreundschaft“ lösten sich bald nach ihrer Gründung wieder auf – nicht zuletzt wegen des dürftigen politischen Engagements der Damen. „Nicht nur Tanz und gesellige Veranstaltungen können euch Gleichberechtigung bringen, sondern auch Kampf ist nötig, wenn ihr Ansehen und Achtung haben wollt“, schimpft Redakteurin Irene von Behlau 1929 in der Freundin. „Zeigt, dass ihr kämpfen könnt, nicht nur tanzen und euch amüsieren. Seht euch eure männlichen Leidensgenossen an, die der Paragraph zu Boden drückt. Sie tanzen auch, aber sie haben auch Interesse an tiefen Dingen.“

Es gilt noch der berüchtigte § 175, der homosexuelle Handlungen zwischen Männern als „widernatürliche Unzucht“ unter Strafe stellte. Frauen fielen nicht unter das Gesetz, obwohl die Parteien des rechten Spektrums immer wieder den Versuch unternahmen, das Gesetz auf lesbische Liebe auszudehnen.

Die ersten Vorstöße unternahmen die Verteidiger des „gesunden Volksempfindens“ nicht zufällig auf dem Höhepunkt der Ersten Frauenbewegung und der rapiden Geburtenrückgänge. Die lesbische Liebe finde sich „vornehmlich bei Frauen, deren Gehirntätigkeit über das für Weiber zulässige Maß in Anspruch genommen wird“, konstatiert die Zeitschrift Zur Psychologie unserer Zeit im Jahr 1907. „Die Bestrebungen der Frauenrechtlerinnen, auf öffentlichem Gebiet volle Gleichberechtigung mit dem Mann zu erlangen, sind pervers, ein Symptom krankhaften Mannweibtums“, wettert der „Bund gegen die Frauenemanzipation“.

Die Frauenrechtlerinnen, allen voran die heterosexuell lebende und 1943 im New Yorker Exil gestorbene Sexualreformerin Helene Stöcker, protestierten, doch wagten nur wenige eine offene Parteinahme für die Frauenliebe.

Die Furcht der Frauenrechtlerinnen, „die Bewegung könne sich durch die energische Vertretung des Menschenrechts der Uranier in den Augen der blinden und unwissenden Menge schaden“, erkennt Anna Rühling anno 1904 als „durchaus einwandfreie Entschuldigung“ an. Dennoch wünscht sich die offen lesbische Aktivistin des „Wissenschaftlich humanitären Komitees“, dass die Radikalen „endlich den Bann brechen und offen und ehrlich bekennen: Ja, es gibt eine große Anzahl Urninden unter uns, und wir verdanken ihnen eine Fülle von Mühe und Arbeit und so manchen schönen Erfolg.“

In der Tat: Zu der „großen Anzahl Urninden“ gehörten zum Beispiel die Lebens- und Arbeitsduos Anita Augspurg & Lida Gustava Heymann, Käthe Schirmacher & Klara Schleker, die ersten Berliner Ärztinnen Franziska Tiburtius & Emilie Lehmus sowie die politisch gemäßigten Reformlehrerinnen Helene Lange & Gertrud Bäumer. Sie alle zogen es vor, sich angesichts der scharfen Attacken auf das „perverse Mannweibtum“ der Frauenrechtlerinnen offiziell bedeckt zu halten.

Dass lesbische Sexualität in Deutschland nie unter Strafe gestellt wurde, ist letztlich ihrer Missachtung zu „verdanken“. Viele Psychiater und Gerichtsmediziner waren gegen eine Bestrafung, weil sie befanden, dass es sich bei der Sexualität zwischen Frauen allenfalls um „unzüchtige Spielereien“ oder „bloße Masturbation“ handele, sprich: keine ernstzunehmende Sexualität.

So feierten die schwulen Leidensgenossen – härter verfolgt, aber eben auch ernster genommen – schon Anfang des Jahrhunderts ihre „Urningsbälle“ und nahmen den Kampf gegen den § 175 auf, während sich die lesbischen Frauen erst sehr viel später auf der politischen Bühne öffentlich zu Wort meldeten.

1928 wird Die Freundin Opfer des „Gesetzes gegen Schund- und Schmutzliteratur“. Ein Jahr lang darf sie nicht offen verkauft werden. Als sie 1929 wieder erscheint, dauert es nur noch wenige Monate bis zum ersten großen Wahlsieg der Nationalsozialisten, die im September 1930 knapp 20 Prozent der Wählerstimmen erhalten.

Nun halten Professoren an den Universitäten Vorträge über „Die Gefahren der Homosexualität für den Einzelnen und die Nation“, in der Nazi-Presse ist die Rede von „Sittenfäulnis“. Die Gefahr, die da auf sie zurollte, erkannten die Freundinnen offenbar nicht – nicht ein Wort über Hitler und die NSDAP im Blatt. Im Gegenteil. Hoffnungsvoll schreibt Die Freundin noch Anfang 1933 in ihrem Jahresrückblick: „Wir müssen voller Erwartung auf das kommende Jahr blicken, das hoffentlich für uns alle endlich die ersehnte Freiheit, den Frieden und die Gleichberechtigung bringen möge, nach der wir in all den Jahren bisher vergeblich gestrebt haben.“

Nur neun Wochen später, am 8. März 1933, wurde Die Freundin, ebenso wie alle anderen Zeitschriften und Bücher des Friedrich-Radszuweit- Verlages, von den Nationalsozialisten verboten. Die Pionierinnen der Ersten Frauenbewegung – wie Lida Gustava Heymann und Anita Augspurg oder Helene Stöcker – fliehen ins Exil. Lotte Hahm, die rührige Leiterin des „Damenclubs Violetta“ und Elsa Conrad vom Damenclub „Monbijou“ werden schon bald nach der Machtergreifung in das KZ Moringen bei Göttingen verschleppt. Für die „Freundinnen“ beginnt eine dunkle Zeit.

Es sollte 38 Jahre dauern, bis deutsche Frauenrechtlerinnen wieder öffentlich auftraten – und 40 Jahre, bis wieder eine deutschsprachige Zeitschrift für „gewisse Damen“ erschien – ebenfalls in Berlin: Unsere kleine Zeitung.

CHANTAL LOUIS

 

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