In der aktuellen EMMA

Die Kämpferische Deutsch-Türkin

Foto: Bettina Flitner
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Vier von fünf Frauen, die heute in Deutschland Zuflucht in Frauenhäusern suchen, kommen aus dem muslimischen Kulturkreis. Ist das ein Thema, wenn die Bundesfrauenministerin am „Internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen“ bei ihrer jähr­lichen Pressekonferenz die neuesten Zahlen der geschlagenen und ermordeten Frauen vorstellt? Nein, ist es nicht.

Necla Kelek will, dass sich das ändert. Deshalb hat sie ihr neues Buch einem Thema gewidmet, das sie seit ihrer ersten Veröffentlichung im Jahr 2005 umtreibt: die Entrechtung von Frauen und Mädchen in streng muslimischen Familien.

Necla Kelek weiß, wovon sie spricht. 1957 in Istanbul geboren, erlebte sie, wie der Vater als unangefochtenes Familienoberhaupt die Mutter schlug und die beiden Töchter nicht aus dem Haus ließ. Dass die Mädchen frühestmöglich verheiratet werden sollen, ist selbstverständlich, auch im damals noch liberalen, säkularen Istanbul.

1966 zieht die Familie nach Deutschland. Bald haben die beiden Brüder deutsche Freunde, was Necla untersagt ist. Mit 13 meldet der Vater die Tochter vom Sportunterricht ab. Die deutschen Lehrer akzeptieren das, niemand fragt nach.

Necla Kelek bricht schließlich aus, studiert und promoviert in Sozialwissenschaften. 2005 erscheint ihr bahnbrechendes Buch „Die fremde Braut“. Sie bricht ein Tabu: Als erster Mensch mit Migrationshintergrund prangert sie die bedrückende Lage so vieler muslimischer Frauen und Mädchen mitten in Deutschland an. Ein Jahr später plädiert die Mutter eines Sohnes mit „Die verlorenen Söhne“ für die „Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes“.

Jetzt legt Necla Kelek also noch ­einmal den Finger in die Wunde. Sie beschreibt, wie der lange Arm Erdo­ğans über die Freitagsgebete bis in die Familien reicht. Sie interviewt geflüchtete Frauen und Männer, deren Geschichten die gewaltige Kluft zwischen den hiesigen Werten und Normen und denen ihrer Heimatländer offenbaren.

Das Private ist bekanntlich politisch. Kelek analysiert, wie die autoritären Familienstrukturen mit dem strafenden Vater als Oberhaupt und Kindern, von denen bedingungsloser Gehorsam gefordert wird, den Boden bereiten für die Hinwendung zu einem autoritären Gesellschafts- und Glaubenssystem. „Ohne die autoritären Familienstrukturen könnte der Islam, und ganz besonders der politische Islam, in dieser Form nicht fortbestehen.“

Und was ist eigentlich mit der Forschung? „Die Familie in der orientalischen Gesellschaft ist ein weißer Fleck auf der Forschungslandkarte“, klagt die Sozialwissenschaftlerin. Über so wichtige Themen wie Heiratsmigration, Genitalverstümmelung oder Verwandtenehen werde nicht geforscht, obwohl sie „danach schreien, empirisch untersucht zu werden“. Denn: „Wir brauchen Zahlen und Zusammenhänge, um Strategien zu entwickeln, wie die Lage und die Zukunftsperspektiven der Frauen und Mädchen verbessert werden können.“

Ein paar Maßnahmen schlägt Kelek im letzten Teil des Buches selbst vor: Das Verbot des Kinderkopftuchs! Einen eigenen Aufenthaltsstatus für geflüchtete Frauen! Sowie eine Ergänzung von Art. 6 des Grundgesetzes („Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung“) durch einen einzigen, aber wichtigen Satz: „Grundrechte von Einzelnen, das Prinzip der Gleichberechtigung und der Schutz des Kindes dürfen durch die Familie nicht eingeschränkt oder außer Kraft gesetzt werden.“

WEITERLESEN Necla Kelek: Die unheilige Familie (Droemer, 19.99 €)

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