Nobelpreis für Emmanuelle Charpentier

Durchblick in der Genforschung: Emmanuelle Charpentier bei der Arbeit. Foto: Fondation L'Oréal.
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Dass Frauen einen Nobelpreis bekommen, ist schon selten genug, einen für Chemie noch seltener. Die Forscherinnen Emmanuelle Charpentier und Jennifer A. Doudna haben es dennoch geschafft. Sie entdeckten unabhängig voneinander, dass sich bestimmte bakterielle Gene eignen, um daraus Werkzeuge zur Genmanipulation herzustellen. Die Genschere Crispr-Cas9 wird seit ihrer Entdeckung vor acht Jahren als eine Art Wunderwaffe eingesetzt, um fehlerhafte Bereiche in der DNA - sogenannte Mutationen - zu korrigieren. Damals waren sie knapp am Nobelpreis für Medizin vorbeigeschrammt.

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Das "Time Magazine" setzte Charpentier 2015 auf die Liste der weltweit einflussreichsten Persönlichkeiten. Die Französin arbeitet als Direktorin der Max-Planck-Forschungsstelle für die Wissenschaft der Pathogene in Berlin. Zuvor forschte sie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Zu ihrer Auszeichnung sagte Charpentier: "Mein Wunsch ist es, dass dies eine Botschaft an junge Mädchen sendet, die den Pfad der Wissenschaft beschreiten wollen, und ihnen zeigt, dass auch Frauen in der Wissenschaft durch ihre Forschungen Einfluss haben können." Ihr eigener Weg war kein leichter.

Beharrlichkeit zeichnet sie aus, manche nennen sie auch stur.

Müsste ein einziger Buchstabe genügen, um das Leben und die Karriere von Emmanuelle Charpentier symbolisch zu beschreiben, wäre das B am besten geeignet. Stellvertretend für: Ballett, denn die Französin tanzte in ihrer Kindheit über Jahre hinweg, oder für Biochemie, die sie in Paris studierte, neben (Mikro)Biologie und Genetik. Nach Forschungsaufenthalten in den USA, Österreich und Schweden, ist Charpentier heute Direktorin am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin (das vierte B) und widmet sich Bakterien (das fünfte). Immer wieder kommt dem „B“ eine besondere Rolle zu, auch bei ihrem Hadern mit der deutschen Bürokratie, die vieles lahmlegte, als sie mit ihrem Labor von Braunschweig nach Berlin umzog. Und die von ihr gegründete Firma CRISPR Therapeutics hat ihren Hauptsitz in Basel. Beharrlichkeit zeichnet die Mikrobiologin aus, Neugier, Fleiß, Leidenschaft und Disziplin. Manche nennen sie auch stur.

Natürlich erzählt das noch nicht die ganze Geschichte, warum Emmanuelle Charpentier mit ihrer amerikanischen Kollegin Jennifer Doudna eine wissenschaftliche Auszeichnung nach der anderen erhält. Und warum die beiden weltweit begehrte Rednerinnen sind, wenn es um die Genomchirurgie geht, von der man sich enorme Fortschritte für die Medizin und Pflanzenzüchtung erhofft – begleitet von heftigen ethischen Debatten, denn auch der Eingriff in die menschliche Keimbahn scheint nun leicht möglich.

Die Wissenschaftlerinnen haben eine Art molekulare Schere für Erbinformationen entdeckt: Was Bakterien als Abwehrmechanismus nutzen, um sich vor Viren zu schützen, wurde zu einem universellen Laborwerkzeug weiterentwickelt. „Das Erbgut von Bakterien, Pflanzen, Tieren und menschlichen Zellen lässt sich damit verändern, indem man etwa einzelne Teile herausschneidet“, erklärt Charpentier, als wir uns in einem Café treffen. Charpentier mag zierlich sein, ihr Händedruck überraschend leicht, aber ihre Körperspannung spricht eine andere Sprache. Die verrät, dass diese Frau sich nicht so schnell unterkriegen lässt.

Wenn die Französin jetzt als internationales Rollenmodell gilt – eine attraktive und erfolgreiche Frau in der entbehrungsvollen Welt der Wissenschaft – ist zu bedenken, dass ihre Karriere keineswegs geradlinig verlief. Erst mit Mitte 40 hatte sie eigene Technische Assistenten, eine Professur ließ auf sich warten. „Natürlich hätte ich scheitern können. Aber ich habe das Risiko auf mich genommen, habe hart gearbeitet und immer daran geglaubt, dass alles einmal einen Sinn ergibt, wenn andere fragten, warum ich so unterschiedliche Projekte anfing“, sagt Charpentier.

Ich habe immer daran geglaubt, dass alles einmal einen Sinn ergibt

Der präzise Eingriff ins Erbgut gelingt nicht zum ersten Mal, aber einfacher als je zuvor, ohne Spuren zu hinterlassen. Auf der ganzen Welt wird nun „ge-crisp(e)r-t, was irgendwie nach Frühstück klingt, jedoch etwas völlig anderes meint. Das Akronym CRISPR steht für „Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats“: Es sind sich wiederholende DNA-Abschnitte im Erbgut von Bakterien, die dort nach einer Infektion wie Erinnerungen abgelegt werden, um Viren von einer erneuten Attacke abhalten zu können. Den Wiederholungen entsprechend werden Kopien in Form von RNA-Molekülen erstellt, die in Kombination mit bestimmten Proteinen effektive Abwehreinheiten bilden und dafür sorgen, dass virales Genmaterial zerschnitten wird. Seit den 1990er Jahren wurde auf diesem Gebiet der Mikrobiologie Pionierarbeit geleistet, aber der Mechanismus blieb lange rätselhaft.

In Berlin hat die Mikrobiologin mit dem charakteristischen Wuschelkopf nicht nur ihren 13. Schreibtisch bezogen, sondern zugleich ihre 13. Wohnung. Sie lebt allein. Ein Solitär, der gut für sich allein stehen kann, schnörkellos und stark.

Ihren Lebensstil hinterfragt Charpentier nicht; sie genoss es schon immer, in Ruhe studieren zu können, und daran hat sich nichts geändert: „Ich komme heim und setze mich an den Schreibtisch“, sagt sie, die ein Faible für Minimalismus und funktionelles Design hat. Deshalb schätzt sie auch das bakterielle Abwehrsystem, das nur aus zwei RNA-Molekülen und einem Protein besteht, inzwischen bekannt als „Crispr-Cas9“. Und den Nobelpreis, den schätzt sie nun auch.

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„Marie Curie war mein Vorbild!“

Rosamund Pike als Marie Curie.
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„Ich werde für Veränderung sorgen, wie es Newton getan hat!“ Die junge, stolze, aus Polen eingewanderte Physikerin an der Pariser Sorbonne weiß, was sie kann und was sie will. Und dank des Films von Marjane Satrapi weiß die Zuschauerin es bald auch.

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Die exil-iranische Filmemacherin und Cartoonistin („Persepolis“) wirft mit ihrer aufwändigen Verfilmung einen sehr genauen Blick auf das Leben von Marie Curie (eindringlich: Rosamund Pike), die 1867 als Maria Sklodowkska in Warschau geboren wurde. Obwohl sie mit 15 ein glänzendes Abitur hinlegt, wird sie als Mädchen nicht zum Studium zugelassen und geht deshalb nach Frankreich. Dort entdeckt sie schließlich die Radioaktivität.

Wir erleben die Genialität der zweifachen Nobelpreisträgerin (1903: Physik, 1911: Chemie), ihre Liebes- und Arbeitsbeziehung mit Pierre Curie – und ihren lebenslangen Kampf um Anerkennung in einer Männerwelt.

Marjane Satrapi - Foto: imago images/Stargate
Marjane Satrapi - Foto: imago images/Stargate

„Ich bin quasi mit Marie Curie aufgewachsen“, erklärt Filmemacherin Satrapi, die 1984 vor den Gotteskriegern im Iran floh und heute, wie einst Curie, in Paris lebt. „Meine Mutter hat ständig Madame Curie zitiert, als Vorbild, damit ich eine unabhängige Frau werde.“ Dennoch sei auch ihr einiges über ihr Rolemodel nicht bekannt gewesen. Zum Beispiel, dass die Wissenschaftlerin im Ersten Weltkrieg mobile Röntgenstationen entwickelte und so Tausenden Soldaten die Amputation ihrer Gliedmaßen ersparte.  

Dass Curie als „arrogant“ galt, findet Marjane Satrapi „lächerlich, wenn man bedenkt, was sie erreicht hat. Picasso soll angeblich ein Arschloch gewesen sein, aber als Mann verzeiht man ihm das, weil er ein Genie war. Wenn eine Frau Außergewöhnliches leistet, erwarten die Leute, dass sie ein bescheidenes, süßes Mäuschen bleibt. Wir sollten damit aufhören.“

Was Marie und Marjane gemeinsam haben? "Sie war viel intelligenter, als ich jemals sein werde", findet die Regisseurin. "Aber was wir vielleicht gemeinsam haben, ist die Sturheit. Ich mache auch mein Ding und will micht nicht ständig rechtfertigen."

Marie Curie – Elemente des Lebens, jetzt im Kino

Graphic Novel: Anna Blaszcyk, Frances A. Osterfelt, Anja C. Andersen: Marie Curie - Licht im Dunkeln (Knesebeck, 22 €)

 

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