In der aktuellen EMMA

Es beginnt mit dem Kopftuch

Islamismus-Expertin Saida Keller-Messahli setzt sich für einen säkularen, liberalen Islam ein. © Sedrik Nemeth
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Frau Keller-Messahli, die Bevölkerung Kosovos ist zu 95 Prozent muslimisch, dennoch stützt das Oberste Gericht ein Kopftuchverbot an Schulen. Was sagen Sie dazu?
Das ist spektakulär. Offenbar kommt man in Kosovo immer mehr zur Einsicht, dass der importierte Islam aus den Golfstaaten weder zu einer modernen Gesellschaft noch zur Kultur des Balkans passt. Und schon gar nicht zu einer Gesellschaft, die die Gleichberechtigung der Geschlechter hochhält.

Importiert? Kosovo war doch schon immer muslimisch.
Ja, gemessen an der Bevölkerung hatte Kosovo sogar die höchste Rate an Dschihadisten, die von Europa aus in den Krieg in Syrien und dem Irak zogen. Das war ein Symptom dafür, wie sehr das Land nach der Unabhängigkeit 1999 vom radikalen Islam aus Saudi-Arabien, Katar und Kuwait beeinflusst wurde. Diese Länder finanzierten mit viel Geld den Moscheebau in Kosovo, obwohl man dort traditionell einen liberalen Islam lebte. Seit bald dreißig Jahren ist da nun eine Radikalisierung im Gange.

Wie zeigt sich diese Einflussnahme?
Indem zum Beispiel junge Männer aus dem Balkan in Mekka oder Medina zu Imamen ausgebildet wurden und dann diese radikale Ideologie nach Hause brachten. Aber dieser importierte Islam ist neu für Kosovo und nicht mit seiner Kultur verbunden. Vorschriften wie das Kopftuch für Frauen sind auch neu.

Tatsächlich bedauerte im kosovarischen Fernsehen ein Imam, dass in Kosovo weniger Frauen ein Kopftuch trügen als in der Schweiz.
Der Satz sagt eigentlich alles: Der von Ihnen erwähnte Fadil Musliu ist ein radikaler Prediger, der regelmäßig in Schweizer Moscheen auftritt. Er wertet es als Erfolg, wenn viele Frauen Kopftuch tragen. Er macht damit deutlich, dass der radikale Islam darauf hinarbeitet, dass sich möglichst viele Mädchen und Frauen verschleiern. Es geht den Herren immer um den Körper der Frau, sie sind besessen davon. Vielleicht war das ebenfalls ein Grund für dieses Urteil: Das Gericht war sich offenbar bewusst, dass die Islamisierung auch in anderen Ländern mit dem Kopftuch anfing.

Das Kopftuch als Symbol für den Niedergang der Frauen­rechte?
Absolut. Kosovo ist gemäß seiner Verfassung laizistisch. In den meisten arabischen Ländern hingegen ist der Islam Staatsreligion, obwohl es früher etwa in Syrien, dem Irak, Algerien oder Tunesien Reformen gab, um den Einfluss der Religion auf die Politik zu reduzieren. Aber mit dem Durchbruch des politischen Islam 1979, als Khomeini im Iran den Schah stürzte und ein Mullah-Regime errichtete, errang die islamistische Muslimbruderschaft einen großen Sieg. Ihre Ideologie sprang auf andere Länder über – auf einmal trugen Frauen dort ebenfalls viel öfter Kopftuch. Die Ideologie der Muslimbruderschaft und ihre Auslegung eines „reinen“ und politischen Islam haben diese Gesellschaften vollkommen verändert.

Dennoch gibt es Musliminnen, die es sich verbitten, dass man sie als Opfer sieht, da sie das Kopftuch freiwillig trügen. Muss man das nicht respektieren?
Wer Wahlfreiheit nie kannte, hält womöglich das Einhalten von patriarchalen Vorschriften für Freiheit. Es grenzt an Missbrauch des Wortes Freiheit, wenn man sich nur frei fühlt, wenn man gewisse Erwartungen erfüllt – und seinen Körper versteckt, weil er angeblich sündig sein soll. Freiheit bedeutet Selbstbestimmung. Schauen Sie mal genau hin: Die meisten Frauen mit Kopftuch tragen eine Kappe, die den Haaransatz verdeckt, und darüber ein Tuch, das diese Kappe verdeckt. Das sei die Scharia-konforme Variante, heißt es – und diese ist üblich geworden. Frauen können nach dieser Ideologie nicht selbst über ihren Körper bestimmen, das übernehmen die Männer.

Wie funktioniert das genau?
Mädchen und Frauen sind von Anfang an fremdbestimmt, weil man ihnen sagt, dass sie etwas verstecken sollen, dass sie sich für ihren Körper und ihre Haare schämen sollen. Aber was bedeutet es, wenn kleine Mädchen ihre Haare bedecken sollen? Sie werden sexualisiert. Denn beim Kopftuch geht es letztlich um Sexualität. Der weib­liche Körper muss unter Kontrolle gebracht werden, weil da immer diese Panik ist, Frauen könnten ihre Sexualität ausleben. Sie sollen ihr Haar verstecken, weil diese Haare eine Quelle der Sünde sind und Männer in Versuchung bringen könnten.

Der Schweizer Bundesrat argumentiert, dass ein Verbot die Religionsfreiheit verletzen würde.
Ich befürchte, der Bundesrat hat nicht verstanden, was das Kopftuch bedeutet. Aber er lässt sich auch von einem Gremium beraten, das einen konservativen Islam vertritt. Das „Schweizerische Zentrum für Islam und Gesellschaft“ in Freiburg (Schweiz) ist nicht neu­tral, denn es vertritt nicht die Mehrheit der Muslime in der Schweiz, die liberal eingestellt ist – sondern die Moscheen, und das sind meist erzkonservative Herren. Weil er auf diese Leute hört, denkt der Bundesrat vermutlich, dass es beim Kopftuch um Religion geht. Das ist aber nicht so, deshalb verstößt ein Verbot auch nicht gegen die Religionsfreiheit.

Warum?
Nirgends im Koran steht, dass Frauen ihre Haare bedecken sollen. Es gibt Millionen von Musliminnen, die religiös sind, aber kein Kopftuch tragen. Einer der führenden tunesischen Islamwissenschaftler, Mohamed Talbi, schrieb einst, im ganzen Koran komme das Wort Haar kein einziges Mal vor. Es ist auch nicht spezifisch muslimisch, dass Frauen ihr Haar bedecken sollen, die beiden anderen monotheistischen Religionen, das Christentum und das Judentum, kennen das ebenfalls. Aber auch dort ist es nicht religiös bedingt. Dass Frauen ihre Haare bedecken sollen, ist nichts anderes als eine Erfindung des Patriarchats.

Sie sind die prominenteste Islamismus-Expertin der Schweiz, selber Muslimin – und eine Frau. Hat das Justiz­departement von Beat Jans Sie bei der Kopftuch-Frage um Rat gefragt?
Nein.   

Das Gespräch ist zuerst im Schweizer Tages-Anzeiger erschienen.

 

 

 

 

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