In der aktuellen EMMA

Fußball-WM: Katar & die Kickerinnen

Foto: Karim Sahib/AFP/Getty Images
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In einer Shoppingmall von Doha, der Hauptstadt von Katar, betreibt Fatma ein Studio für Kampfsportarten. Die Spiegel an der Wand sind frisch geputzt, die Matten auf dem Boden riechen noch neu. Fatma wischt sich den Schweiß von der Stirn. Gerade hat sie drei Freundinnen zu Höchstleistungen getrieben. „Durch den Sport kann ich an körperliche Grenzen gehen“, sagt Fatma. „Das gibt mir auch Sicherheit in anderen Lebensbereichen. Meine Noten in der Uni sind besser geworden.“

Fatma ist Anfang zwanzig, ihren richtigen Namen möchte sie nicht nennen. Sie spricht gern über ihre Sportarten, über „Muskelgruppen“ und „Körperintervalle“. Mit ihren Händen beschreibt sie ihre Kampftechniken. Doch ihre Leidenschaft kann schnell umschlagen, in Frust, manchmal in Resignation. Fatma ist die Leiterin des Sportstudios – inoffiziell. Ein Foto von ihr darf nicht auftauchen, nicht im Eingangsbereich, nicht im Internet.

„Mein Vater und meine Brüder wollen nicht, dass ich beim Sport fotografiert oder gefilmt werde“, erzählt Fatma. Die junge Frau hatte als Kind gern Fußball gespielt, sie gehörte zu den größten Talenten des Landes. Mehrfach hat sie eine Anfrage für das katarische Nationalteam der Frauen erhalten. Immer wieder musste sie ablehnen, denn beim Nationalteam sind Kameras nicht verboten.

In Katar findet vom 21. November bis 18. Dezember die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer statt. Seit der Vergabe im Jahr 2010 ist diese Entscheidung in der westlichen Welt umstritten.

Der Alltag der Einheimischen wird durch den Wahhabismus geprägt, eine traditionalistische Auslegung des sunnitischen Islam. Fatma bekommt das schon in ihrer Kindheit zu spüren. Als Jugendliche darf sie ihr Handy nur zum Telefonieren nutzen, die Apps sind gesperrt. Ihre Brüder achten auf ihre Kleidung, begutachten ihre Freundinnen. „Ich fühlte mich in jeder Hinsicht unterdrückt“, sagt Fatma. „Ich habe das Gefühl, dass meine Kindheit gerade erst zu Ende gegangen ist.“ Fatma entwickelt Essstörungen, leidet unter Depressionen.

Doch dann beginnt sie ihr Studium an einer amerikanischen Universität, die in Doha eine Außenstelle unterhält. In der Mensa kommt sie mit Studierenden aus allen Kontinenten ins Gespräch. Viele katarische Frauen verzichten hier auf das Tragen der Abaya, der langen schwarzen Bekleidung, die auch das Haar bedeckt. Fatma nutzt das Sportangebot der Uni. Sie gehört zu den Besten im Basketball und Fußball. Doch eine Karriere als Profisportlerin bleibt ihr versperrt. „Meist verhindern Eltern schon sehr früh, dass ihre Töchter regelmäßig trainieren.“

Der Sport spiegelt in Katar die Stellung der Frauen in der Gesellschaft. Für vieles müssen sie die Erlaubnis eines männlichen Vormunds einholen. Zum Beispiel, wenn sie heiraten oder berufstätig sein wollen. Frauen müssen auch ihren Ehestatus nachweisen, um sich gynäkologisch untersuchen zu lassen. „Viele Menschen befürchten die Erosion dieser traditionellen Identitätsmuster“, erklärt Anna Reuß, die an der Universität der Bundeswehr in München zur Außenpolitik der Golfstaaten forscht. Sportlerinnen gelten in Katar mitunter als „starke Frauen im negativen Sinne“. Aus Angst davor, als maskulin oder gar lesbisch wahrgenommen zu werden, blieben viele dem Sport fern. Jahrzehnte lang existierten kaum Räume, in denen Frauen sich ohne traditionelle Bekleidung verausgaben konnten, auch deshalb leiden sie häufig an Übergewicht, Diabetes und Depressionen, erklärt Forscherin Reuß.

Im geopolitischen Wettstreit mit den Nachbarn Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten ist Katar auf Netzwerke mit den USA und Europa angewiesen. Daher pflegt das Regime jetzt das Narrativ der „starken Frau“ und verweist auf weibliche Führungskräfte in Verwaltung und Kultur. „Bilder von schwitzenden Fußballerinnen mit Pferdeschwanz, die sich nach einem Tor in den Armen liegen, können dabei helfen“, sagt Anna Reuß. Bilder, die um die Welt gehen. Auch aus diesem Grund organisiert das autoritär regierte Katar ein Sportereignis nach dem nächsten, zum Beispiel die Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Doha 2019. Erst spät, ab den 1990er Jahren wollte sich das einst verschlafene Katar aus der wirtschaftlichen und militärischen Abhängigkeit des Nachbarn Saudi-Arabien lösen. Das Emirat öffnete sich für Investoren und bemühte sich um Sportereignisse. Anfang des Jahrtausends brachte Musa bint Nasser al-Missned, die zweite Ehefrau des damaligen Emirs, die Gründung des Frauen-Sportkomitees auf den Weg. Diese Organisation sollte sich „für die Gleichstellung der Geschlechter im Sport“ einsetzen. Angeblich.

Das große Ziel Katars war schon damals die Ausrichtung der Fußball-WM der Männer. Doch für einen Zuschlag des Weltverbandes Fifa mussten Bewerber die Förderung von Mädchen und Frauen nachweisen. So wurde 2009 in Katar eine Fußball-Auswahl der Frauen gegründet. Im Oktober 2010 bestritt sie ihr erstes Länderspiel. In Doha befindet sich die „Aspire Academy“, eine der modernsten Sportakademien der Welt, mit einem Fokus auf männliche Talente. Das Frauen-Sportkomitee ist außerhalb der Akademie untergebracht, in einer ehemaligen Schule. An den Wänden hängen Fotos von Sportlerinnen, in Vitrinen sind Pokale und Medaillen ausgestellt. Doch wie ernsthaft ist die Förderung? Das Fußball-Nationalteam der Frauen war lange Zeit kaum aktiv und wurde auch nicht in der Weltrangliste der Fifa geführt. Die Frauenliga ist nicht dem Fußballverband unterstellt, sondern dem Frauen-Sportkomitee – eine ungewöhnliche Konstellation. Amna Al Qassimi, Geschäftsführerin des Frauen-Sportkomitees, möchte die männlichen Entscheidungsträger nicht kritisieren, sie sagt: „Unsere Sportlerinnen möchten Erfahrungen sammeln.“ Regelmäßig reisen etwa die Fußballerinnen des FC Bayern nach Doha und bestreiten mit den katarischen Spielerinnen gemeinsame Trainingseinheiten. Aber ein Spielbetrieb mit Jugendförderung für Mädchen und Frauen mit Sponsoren und lokalen Medien existiert noch nicht.

Umso wichtiger ist die „Education City“. Dieser Campus westlicher Universitäten wurde Ende der Neunziger Jahre von Musa bint Nasser al-Missned initiiert, der Mutter des heutigen Emirs. Viele Eltern wollten ihre Töchter nicht im Ausland studieren lassen, aber mit einer Ausbildung im eigenen Land konnten sie sich abfinden. Inzwischen sind mehr als siebzig Prozent der Studierenden in der „Education City“ Frauen.

Doch außerhalb des Campus sieht es ganz anders aus. Die katarischen Männer sind zu 70 Prozent erwerbstätig, die Frauen nur zu 37 Prozent. Von 153 bewerteten Staaten liegt Katar laut „Gender Gap Index“ des Weltwirtschaftsforums in der Frauen-Bildung auf Platz 83. In der weiblichen Gesundheit belegt Katar Platz 142, im politischen Engagement: 143.
Nach Maßstäben der Golfregion gilt Katar dennoch als Fortschrittsmodell, denn in Saudi-Arabien oder im Iran wird die Teilhabe von Frauen noch stärker eingeschränkt.

„Als ich 2008 zum ersten Mal nach Katar kam, war die häufigste sportliche Betätigung für Frauen das Gehen von A nach B“, erzählt die Kommunikationswissenschaftlerin Susan Dun von der US-Universität Northwestern in Doha. „Inzwischen haben viele Fitnessstudios für Frauen geöffnet. Es werden Radwege gebaut, und für weibliche Sportkleidung gibt es auch einen Markt.“

Wenige Monate bleiben noch bis zur Fußball-WM Ende 2022. Wie könnten Fans aus Westeuropa die Frauenrechte in Katar auf die Agenda bringen? „Man könnte Solidaritätskampagnen starten und offene Briefe an die FIFA schreiben“, sagt die österreichische Politikwissenschaftlerin Tina Sanders, die zu Fußballerinnen im Nahen Osten forscht. „Man könnte Vorträge organisieren und Banner in Stadien zeigen.“

Seit Jahren nutzen europäische Frauenrechtsgruppen den Fußball zur Stärkung von Frauenrechten im Nahen Osten, sie heißen „Discover Football” oder „Right To Play”. Gern würden diese Gruppen auch in Katar Netzwerke knüpfen. Doch das Herrscherhaus duldet keine kritische Zivilgesellschaft. Frauenrechtsorganisationen in Doha? Sind noch pure Utopie.

RONNY BLASCHKE

WEITERLESEN: Ronny Blaschke: Machtspieler. Fußball in Propaganda, Krieg und Revolution (Die Werkstatt)

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