Feministisches Entenhausen

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Wenn man drei Töchter hat, denen man nur das Beste für ihre Zukunft wünscht, kommt man nicht darum herum, über die Machtverhältnisse zwischen Frauen und Männern nachzudenken. Man wird deswegen noch lange nicht zum Feministen. Auch wenn sich heutzutage von Justin Trudeau, über Ulf Poschardt bis Thomas Meinecke viele so nennen, habe ich ein Problem damit, dass Männer sich als Feminist etikettieren – so wie ich es seltsam finde, wenn Milliardäre, die in ihren Fabriken Kinderarbeiter beschäftigen, sich Sozialist nennen, oder wenn Heterosexuelle sich als Queer-­Aktivisten bezeichnen.

Und ich will eigentlich auch nicht, dass meine Töchter Feministinnen werden. Jedenfalls nicht, wenn Feminismus das ist, wofür Laurie Penny oder Margarete Stokowski stehen – also ­zuerst irgendwas typisch Weibliches, Windelweiches, Geisteswissenschaftliches studieren und dann „was mit Medien“ machen. Während die Männer weiter ungestört aus den Quellen patriarchalischer Macht schöpfen.

Ich glaube, dass Soldatinnen, Bankerinnen, Ingenieurinnen und Chemikerinnen mehr für die Rechte der Frau bewirken. Ich wünsche mir für meine Töchter, dass sie notfalls mal böse Männer mit einem Schuss aus einer Kanone ihres Panzers töten können. Oder blöden Männern das Geld aus der Tasche ziehen. Oder die Kanone konstruieren und den Granatensprengstoff mischen, mit denen ihre Schwester kämpft.

Um so etwas zu werden, müssen meine Töchter aber erst mal von der Existenz solcher Berufe und Daseinsoptionen erfahren. Und das ist heutzutage schwieriger denn je. Deshalb bin ich froh, dass es seit 50 Jahren die „Lustigen Taschenbücher“ (LTB) mit den Geschichten von Donald Duck gibt.

Wenn meine zehnjährige Tochter weiß, was ein Ingenieur ist, wenn sie weiß, was Zinsen sind und dass im Kapitalismus derjenige die Macht hat, der die Produktionsmittel besitzt; wenn sie weiß, dass man arbeiten muss, um zu leben, und dass dabei ziemlich viel schiefgehen kann, dann weiß sie das aus den „Lustigen Taschenbüchern“. Handwerker, Polizisten, Bettler, Verbrecher, Politiker, Postboten und Computerprogrammierer kommen in ihren kindlichen Fantasiewelten sonst nicht vor. Die Duck-Geschichten sind eine der letzten Inseln realistischer Literatur in einem Meer von rosa Zuckerwatte, mit dem Mädchen heute mehr verblödet werden als zu Kaisers „Nesthäkchen“-Zeiten.

Dahinter steckt ausnahmsweise mal keine patriarchalische Weltverschwörung. Schuld ist die Zielgruppenoptimierung der Jugendmedien in den letzten 30 Jahren. Ihre unsichtbare Hand hat dafür gesorgt, dass kleine Mädchen heute genau das bekommen, was sie wollen. Oder zumindest das, was sie glauben zu wollen. Und von dem schlimmstenfalls auch noch ihre Eltern denken, es entspräche den natürlichen Wünschen kleiner Mädchen.

Obendrein bekommen sie es auch noch rund um die Uhr. Früher (ja, ja, ein gefährliches Wort!) lief im Fernsehen nachmittags eine „Kinderstunde“ mit Serien, die noch nicht konsumgegendert waren. Danach musste ein vernachlässigtes Kind, wie ich es war, einfach Erwachsenenfernsehen schauen, wenn es weiter­glotzen wollte. Und das war auch halb so schlimm, weil man vor 22 Uhr bestenfalls bei Professor Grzimek oder dem „Länderspiegel“ landete, schlimmstenfalls im Mekongdelta oder bei den beruhigend bräsigen Morden des „Kommissars“. Es ging gar nicht anders, man lernte etwas über die Nahrungspyramide in der Serengeti, die Gesundheitspolitik des Saarlandes oder den Vietnamkrieg.

Heute kann ein Mädchen, wenn es seine Filly-Pferde oder Lego Friends aus der Hand legt, in ein Prinzessin-Lillifee-Heft schauen und danach bis zum Einschlafen zwischen Emily Erdbeer, Barbie, Einhörnern und Meerjungfrauen hin und her zappen oder klicken. Niemals muss es dabei die bonbonfarbenen Fantasywelten verlassen, in denen ihm von Prinzessinnen und Elfen ununterbrochen sein Gehirn gewaschen wird.

Verglichen mit einer Welt, in der eine Fee mit Mäusen und einem Schwein namens Pupsi zusammenlebt, ist Entenhausen ein Ort brutalstmöglicher Wirklichkeitserfahrung. Man könnte einwenden, dass in Entenhausen ja auch Enten mit Mäusen und Schweinen zusammenleben. Aber in Entenhausen ist die Ente niemals entisch (Donald und seine Neffen essen sogar gebratenes Geflügel), die Maus niemals mäusisch, sondern sie sind menschliche Abenteurer mit der Physiognomie eines Tieres, und das Schwein ist immer die bloße Charaktermaske eines Politikers oder eines besonders fiesen Milliardärskonkurrenten von Dagobert Duck.

Die Geschichten sind noch nicht einmal Fabeln, wie es noch George Orwells „Farm der Tiere“ war, denn dort bewahrten die Schweine ja etwas von ihrer ursprünglichen Bauernhofexistenz, inklusive der Gefahr des Geschlachtetwerdens. Solche Schweine gibt es in Entenhausen nicht, und wenn, dann eben nur als Schweine, die nicht über ihr konkretes Schweinsein hinausweisen und die von Bürgermeister- und Milliardärsschweinen gar nicht als ihresgleichen erkannt werden.

Ich weiß, es gibt zwischen der rosa Hölle und Entenhausen noch ein Zwischenreich. Engagierte Kinderbuchautoren mühen sich um zugleich wahrhaftige und kindgerechte Erzählungen. Aber dabei kommen dann allzu oft Bücher heraus, in denen alleinerziehende Mütter mit schwulen Paaren, behinderten Kindern (selbstverständlich inkludiert), dementen Omas, lieben Migrationshintergründlern und rohen Nazis in Häusern leben, die gar keine Häuser sind, sondern gewaltige Zaunpfähle, die bedrohlich aufklärend winken. So etwas nervt meine Tochter genauso, wie mich früher die 68er-Kinderkultur mit „Birne“ und „Rappelkiste“ genervt hat.

Ich gestehe, ich hatte lange Schwierigkeiten mit den „Lustigen Taschenbüchern“. Als 1967 der erste Band, „Der Kolumbusfalter“, auf Deutsch erschien, stapelten sich in unseren Kinderzimmern noch die dünnen, wöchentlich erscheinenden Mickymaus-Hefte aus den frühen Sechzigerjahren, die uns ältere Geschwister hinterlassen hatten. Selbst Siebenjährige merkten, dass es darin Geschichten von besonders herausragender Qualität gab. Die Zeit um 1960 war die kreativste Periode des genialen Zeichners und Autors Carl Barks gewesen, der das ganze Entenhausen erst geschaffen hat.

Verglichen mit den Storys des ausgebeuteten anonymen Amerikaners Barks wirkten die Geschichten der ausgebeuteten anonymen Italiener in den „Lustigen Taschenbüchern“ krude und billig. Die spätere „Asterix“-Übersetzerin Gudrun Penndorf, die 200 „LTB“-Bände ins Deutsche übertrug, hat mir mal erzählt, dass sie und die legendäre Chef-Übersetzerin Erika Fuchs die oft widersprüchlichen und unlogischen Geschichten manchmal erst in eine halbwegs konsistente Form bringen mussten.

Doch erstens sind die Geschichten seitdem besser geworden, und man erfährt nun auch, wer sie gezeichnet und ersonnen hat. Und die realistische DNA, die erst Barks den Entenhausen-Geschichten eingepflanzt hat, konnte ihnen ohnehin der unbegabteste vom Termindruck gehetzte italienische Zeichenknecht nie ganz austreiben. Erst Barks machte Donald, der bei seinem Erfinder Walt Disney als eindimensionale Nervensäge angefangen hatte, zu einer Metapher für die Conditio humana.

Und zweitens wählt meine Tochter jetzt ja nicht mehr zwischen Barks-Geschichten (die sie dennoch gerne ab und zu beim Vater aus dem Klassikerregal zieht) und Italoschrott, sondern zwischen Prinzessin Erdbeerpupsifees Gehirnwaschmaschine und Entenhausen. Da bin ich doch immer erleichtert, wenn ich sie mit einem „Lustigen Taschenbuch“ auf dem Sofa sehe.

Gestehen wir es frei: Carl Barks hatte ganz offensichtlich ein Problem mit Frauen. Die durchschnittlichen Entenhausenerinnen sind entweder Schreckschrauben oder Dragoner. Ihr Inbegriff ist bei ihm die Furie, die mit dem Regenschirm oder Besen auf Donald eindrischt, weil der Unglücksenterich vermeintlich einem Kätzchen irgendetwas zu Leide tun wollte.

Und doch sind Barks ganz ohne missionarische Absicht die weiblichen Mitglieder der Familie Duck sämtlich zu starken Frauen geraten, die als Rollenvorbilder gar nicht so übel sind: Da ist die sträfliche unterschätzte Daisy – vordergründig der Inbegriff der Tussi mit der rosa Schleife im Haar –, die ihre beiden Verehrer Donald und Gustav immer manipuliert, gegeneinander ausspielt und sich ihnen niemals ausliefert. Da ist die landwirtschaftliche Unternehmerin Dorette Duck – neben Tick, Trick und Track das einzige nicht psychisch gestörte Mitglied der Familie –, eine reife Frau, die ihren Betrieb ohne Mann meistert und sich einen vollkommen ungeschickten, dummen und überflüssigen Knecht hält, dessen Daseinsberechtigung sich die Donaldisten nur damit erklären können, dass er wohl ihr ausgehaltener Geliebter sein müsse. Franz Gans, der etwas in die Jahre gekommenene Toy-Boy!

Und vor allem schuf Barks Gundel Gaukeley, die Hexe, von der Mädchen lernen können, wie wichtig es ist, die Elemente zu beherrschen, wenn man mit den Männern um die Macht kämpfen will – also ein Vorbild für alle, die später mal Margaret Thatcher (Chemikerin UND Politikerin!) oder Angela Merkel (Physikerin UND Politikerin!) werden wollen und nicht eine feministische Mediennudel.

Das Paradoxe darin ist, dass das Entenhausen-Universum ursprünglich von einem misogynen Spießer innerhalb der komplett männlichen Comic-Welt der Vierziger- und Fünfzigerjahre ausschließlich zur Unterhaltung und Erbauung von Jungs erschaffen wurde. Und dass die Geschichten gerade deshalb für Mädchen nicht so gehirnpinkifizierend sind wie das, was heutzutage von der Unterhaltungsindustrie nach deren Wünschen für sie maßfabriziert wird. Wenn meine älteste Tochter jetzt manchmal sagt, sie wolle Ingenieurin werden, dann liegt das an Daniel Düsentrieb; „Soy Luna“ oder „Maggie und Bianca“, die sie schaut, seit sie für Lillifee allmählich zu cool wird, werden ihr als Rollenvorbilder wieder nur Modedesignerinnen und Rollschuhfahrerinnen angeboten.

Deshalb sehe ich es lieber, wenn meine Tochter sich mit Enten abgibt statt mit Einhörnern. Sollte sie jemals einem Einhorn begegnen, wird sie hoffentlich das tun, was Dagobert und Gundel mit so einem Tier tun würden: es abknallen und sein Horn als Potenzmittel verkaufen.

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Der Autor ist Feuilleton-Redakteur der Welt.

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