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Große Brüste: Objekt der Begierde

Miyabi Kawai hat so einiges durch, was ihren großen Busen betrifft. - FOTO: IMAGO
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Ich liebe meinen Busen. Das kann ich aus dem Brustton der Überzeugung behaupten. Wir haben schon ne Menge gemeinsam durch.

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Als ich zwei Jahre alt war, verschüttete ich kochend heißen Tee über mein Dekolleté. Verbrühung dritten Grades bis aufs Fleisch. Mir wurde Haut vom Hintern transplantiert, wochenlang lag ich fixiert in einem Krankenhausbett. Was mir mein erstes Trauma und eine große Narbe bescherte. Diese zieht sich vom Dekolleté über meine rechte Brust bis ungefähr zur Bauchmitte.

Ich bin mit ihr aufgewachsen und kenne es nicht anders, aber in der Pubertät entwickelte ich plötzlich eine Unsicherheit, ob Jungs meine Narbe abstoßend finden könnten. Genau genommen entwickelte ich in der Zeit vielfältige Unsicherheiten. Es war eine Zeit, in der man sich plötzlich von außen betrachtete und ALLES hinterfragte. Aber eine Unsicherheit war halt diese.

Die Aufmerksamkeit, die meinen Brüsten zuteil wurde, war mir nicht immer angenehm.

Die Sorge war unbegründet. Bis heute hat kein einziger Mann meine Narbe auch nur erwähnt (außer sie kommt in einem anderen Kontext zur Sprache). Die Attraktion liegt ein paar Zentimeter darunter.

Die Aufmerksamkeit, die meinen Brüsten zuteil wurde, war mir allerdings nicht immer angenehm. Sie fingen mit neun Jahren an zuwachsen und bescherten mir eine Art Lolita-Erscheinung, die mir Begegnungen bescherte, auf die ich gern verzichtet hätte. Erwachsene Männer, die mir von der Bushaltestelle folgten, unseriöse bis schlichtweg kriminelle Angebote, die mir unterbreitet wurden. Auch ein paar sehr brenzlige Situationen, die zum Glück nicht eskalierten. Mein Körper und ich wurden sexualisiert, bevor ich überhaupt wusste, was das genau bedeutet.

Einmal sagte ein Mann um die 40 im Bus zu mir, ich solle mich nicht so aufreizend anziehen, wenn ich ihn nicht provozieren wolle mit meinen kleinen Tittchen. Ich trug ein T-Shirt mit einem Kätzchen drauf und Jeans. Ich war zehn Jahre alt.

Er sagte zu mir, ich solle mich nicht so aufreizend anziehen. Ich war zehn Jahre alt.

In meiner kindlichen Naivität suchte ich den Fehler bei mir. Ich wusste noch nicht mal, was „aufreizend“ bedeuten sollte, aber wenn ein Erwachsener mir sagte, ich mache etwas falsch, nahm ich das ernst. Ich wurde mir meiner Außenwirkung bewusst und verstand schnell, dass sie gefährlich sein konnte. Unerwünscht war. Oder zu erwünscht.

Jahre später hatte ich perfektioniert, sie einzusetzen. Ich lernte, mit ihr umzugehen und sie zu benutzen, anfangs noch ohne konkretes Ziel, einfach weil ich es konnte. Dann, um zu manipulieren. Für Aufmerksamkeit, Bestätigung, sogar Vergünstigungen oder Geschenke. Meinem Bild von Männern hat es sehr geschadet. Meine Sexualität hat es negativ beeinflusst und meine Selbstwahrnehmung kann ich bis heute schlecht vom „male gaze“ trennen. Ich brauchte Jahre, mich als etwas anderes als ein Objekt der Begierde wahrzunehmen und meinen Wert an anderen, wertvolleren Dingen festzumachen.

Einige von euch mit großem Busen erzählen mir, dass sie ihn immer versteckten, Oversize-Klamotten trugen, die Schultern nach vorn zogen und die Arme vor der Brust verschränkten. Ich ging zunächst den entgegengesetzten Weg. Mit 15 trug ich in der Schule schwarzen Spitzen-BH unter enganliegendem Mesh Top und Fetzenjeans; Doc Martens und Katzenhalsband komplettierten den Look. Meine Haltung war stolz, der Blick eher trotzig bis provokativ.

Ich ging in die Offensive, weil ich es ablehnte, mich für meinen Busen zu schämen

In der Rückschau wollte ich das eigentlich gar nicht sein, ich lehnte es nur ab, mich für meinen Körper, respektive meinen Busen, zu schämen, wie es mir unter anderem meine Biologielehrerin, Frau B., suggerieren wollte, als sie mich an die Tafel bat, um mich vor der gesamten Klasse indirekt als Nutte zu bezeichnen, die auf dem Weg zum Bus aufpassen soll, nicht auf dem Babystrich „weggeschnappt“ zu werden.

Ich wollte stylish sein, aussehen wie mein Idol Madonna, die sexy und selbstbewusst war. Ich war dann wohl so sexy und selbstbewusst, dass mein Lateinlehrer anfing, mir Avancen zu machen.

Mit der Zeit bekam ich zunehmend Schmerzen von der großen Brust. Ich war sehr schlank, hatte eine leichte Skoliose in der Wirbelsäule, und an bestimmten Tagen war der Schmerz im Nacken und unteren Rücken kaum auszuhalten. Rennen konnte ich nur mit verschränkten Armen vor der Brust. Ich wünschte mir schon seit Jahren eine Brustverkleinerung, nicht nur aus medizinischen Gründen.

Mit 23 war es endlich so weit, ich hatte einen Termin zur Voruntersuchung bei einem Arzt der Krankenkasse. Der schaute mich an, wie ich da barbusig und unsicher vor ihm stand, tastete einmal ab und sagte dann: „Der Busen ist ja wirklich unproportional groß. Machen Sie sich keine Gedanken, die OP wird von der Kasse übernommen.“ Eigentlich hätte ich mich freuen sollen. Das tat ich auch, aber erst etwas später. Erst mal hallte das Wort „unproportional“ durch meinen Kopf. Und sollte das noch lange tun.

Die aktuelle Juli/August-Ausgabe als Print-Heft und als eMagazin im www.emma.de/shop
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Die Operation verlief ohne weitere Komplikationen. Der behandelnde Chirurg war der Arzt, der mich ins Leben geholt hatte, mittlerweile Chefarzt im selben Krankenhaus. Ich vertraute ihm vorbehaltlos. Er wendete bei mir eine damals neuartige Methode an, die er erst kurz vorher in Brasilien erlernt hatte. Dabei wird rund um die Brustwarze Bindegewebe rausgeschnitten, eventuelles Fettgewebe abgesaugt und dann die Brust um die Warze gerafft und am Rand vernäht. Weniger Narben und die eine, die entsteht, sollte im Rand der Brustwarze weniger sichtbar sein. Nur dass ich „schlechtes Heilfleisch“ habe und zu Narbenbildung neige. Seitdem sind meine Brustwarzen optisch „ausgefranst“ und die rechte eher oval als rund, seit die Naht beim wilden Tanzen bei der Hochzeit meiner Freundin Revital an einer Stelle aufplatzte.

Gestört hat mich das aber nie, sie waren jetzt von E auf C geschrumpft! Die Schmerzen waren schnell vergessen, genauso wie die Bezeichnung „unproportional“, auch Sport ging besser.

Ein kurzer Schrecken, als die Krankenkasse die Übernahme der OP-Kosten zurückzog, weil die angewandte Methode aus der kosmetischen Chirurgie stammte, aber mein Arzt empörte sich darüber so sehr, dass er mir die Kosten erließ.

Die Jahre danach waren eine einzige Erleichterung für mich, sowohl körperlich als auch seelisch. Mit meiner Gewichtszunahme und dem damit einhergehenden steigenden Brustvolumen ging auch eine wachsende Akzeptanz meiner weiblichen Kurven einher. Es half, älter zu werden und nicht mehr auf Teufel komm raus Kleidergröße 34/36 als meine natürliche Form anzusehen. Jetzt sind Brüste, Po und der ganze wunderbare Rest in perfekter Harmonie groß, üppig und rund. Proportional groß ;)

MIYABI KAWAI

Das ganze Dossier über "Brüste, Titten, Möpse, Boobs..." in der aktuellen September/Oktober-Ausgabe lesen.

Der Text ist ein Auszug aus „Hirn & Hupen“ von Miyabi Kawai und Vreni Frost (Komplettmedia, 22 €).

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