In der aktuellen EMMA

Ingrid Levavasseur: Star der Gelbwesten

Ingrid Levavasseur demonstriert für "Menschlichkeit, Solidarität und unsere Umwelt". - Foto: Guillaume Quiniou
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Ingrid Levavasseur träumt nicht nur von der Revolution, sie ist bereits dabei, die Welt zu verändern. Davon ist die junge Frau in gelber Warnweste selbst überzeugt. Seit sie zu Beginn der Bewegung der Gilets Jaunes, der Gelbwesten, wie man sie in Deutschland nennt, in einer Fernsehsendung diskutiert hat, ist die 31-Jährige zu einer Ikone des Protestes geworden. Und jetzt will sie auch noch für die Europawahlen kandidieren!

Die alleinerziehende Mutter aus der Normandie hat lange als Krankenpflegerin gearbeitet. „Die Verödung der ländlichen Regionen ist mir ein Begriff“, sagt Levavasseur, „alles Menschliche kenne ich, das Leid ebenfalls“. 1.250 Euro habe sie verdient, als sie noch in einer weit von ihrem Wohnort entfernten Klinik arbeitete, gerade mal 50 Euro mehr als das Arbeitslosengeld. „Ich fuhr jeden Tag nach Rouen, die Kinder blieben nach der Schule im Hort. Und jeden Tag sagte ich mir: Wenn ich nicht zur Arbeit gefahren wäre, hätte ich enorme Summen Geld gespart.“
Es war die Erhöhung der Benzinpreise durch eine zusätzliche Ökosteuer, die Mitte November die Proteste gegen Präsident Macron auslöste. Levavasseur beteiligte sich daran mit einer Blockade eines Kreisverkehrs bei Heudebouville, südlich von Rouen. Dort auf der Straße hat die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern einen Monat lang ausgeharrt.

Anders als die männlichen Anführer der Gelbwesten, die gern auch Verschwörungstheorien verbreiten und schon mal zum Sturm auf den Elysée-Palast aufrufen, bewahrt Ingrid Levavasseur immer einen ruhigen Ton. In der Öffentlichkeit hat sie die Probleme der Gelbwesten immer wieder anschaulich beschrieben und die Anliegen der Protestbewegung verteidigt, vor allem die der zahlreichen darin aktiven Frauen.

Bei Fernsehauftritten war die Frau aus der Normandie so überzeugend, dass ihr ein Nachrichtensender sogar einen Posten als Kommentatorin angeboten hat. Levavasseur musste ablehnen, weil sie Morddrohungen aus den eigenen Reihen bekam. Die „Basisbewegung“ akzeptiert keinen „Star“.

Seit die Krankenschwester Mitte Januar angekündigt hat, eine Partei gründen zu wollen und bei den Europawahlen anzutreten, erntet Levavasseur noch heftigere Kritik. Manche ehemaligen Weggefährten beschimpfen sie als „Verräterin an der Sache“. Der Vorwurf ihrer Gegner: Eine Partei der Gelbwesten würde sowohl den extrem rechten und linken Parteien Stimmen wegnehmen und diesen schaden. Einzig Macrons Zentrumspartei „La République en Marche“ würde politisch davon profitieren.

Nach wenigen Wochen hat Levavasseur die Liste, die sie anführen wollte, wieder verlassen. Trotzdem will sie bei den Europawahlen antreten, „mit besseren Voraussetzungen“, wie sie den internen Konflikt diplomatisch umschreibt. 

Die seit November währenden Demons­tra­tionen werden als ein „Aufstand der kleinen Leute“ beschrieben: angezettelt von Menschen, die es satt haben, zu arbeiten, aber von ihrem Gehalt ab dem 20. eines Monats ihr Leben nicht mehr finanzieren zu können, weil Lebenshaltungskosten, Steuern und das Benzin alles auffressen. Das Misstrauen, ja die Verachtung gegenüber PolitikerInnen und JournalistInnen ist so groß wie ihre Wut auf das System.

Die Forderungen der Bewegung sind sehr unterschiedlich, oft sogar widersprüchlich. Nur in einem sind sich alle einig: Sie wollen „ein würdiges Leben“ führen.

„Ich bin eine Bürgerin mit gelber Weste, im weißen Kittel, mit Rotstift in der Jackentasche, mit Feuerwehrhelm auf dem Kopf“, sagt Ingrid Levavasseur, um klarzumachen, was der Alltag von ihr alles abverlangt. Sie sei immer wählen gegangen, beteuert sie, aber habe sich nie zuvor politisch aktiv engagiert. Seit sie die Liste ihrer Partei für die Europawahlen anführt, kündigt sie an, ihre „Wut in ein politisches Projekt“ verwandeln zu wollen.

Diese angestaute Wut will Ingrid Levavasseur jetzt bis nach Brüssel und Straßburg tragen. Denn die Technokraten dort hätten das Wichtigste vergessen: „Menschlichkeit, Solidarität und unsere Umwelt.“

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