Shevchenko: „Wir müssen lauter sein!“

Femen-Aktivistin Inna Shevchenko überlebte nur knapp den Kopenhagener Anschlag.
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Was ist in Kopenhagen passiert?
Ich war eingeladen, auf einer Diskussionsveranstaltung zum Thema Meinungsfreiheit zu sprechen. Ich wusste, dass auch der Karikaturist Lars Vilks bei dem Panel dabei sein würde. Die Veranstalter hatten gesagt, dass die Anwesenheit von Lars und mir oder schon schlicht das Thema „Blasphemie und Kunst“ Provokateure auf den Plan rufen könnte. Deshalb hatten sie Schutz organisiert. Ich fürchte, wenn die Polizei nicht dort gewesen wäre, wären wir jetzt alle tot.

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Was wolltest du auf dem Podium eigentlich sagen?
Bevor die Schüsse losgingen, sagte ich gerade, dass es kein ABER geben darf, wenn es um die Meinungsfreiheit geht. Wenn mein Redebeitrag nicht von einer Kalaschnikow unterbrochen worden wäre, hätte ich gesagt: Die Meinungsfreiheit wird gerade von Extremisten bedroht, aber wir müssen auch unsere eigene Verantwortung für die Meinungsfreiheit übernehmen. Viele Menschen leben ja in der Illusion, ihre Meinung sagen zu können – sie tun es aber nicht. Charlie Hebdo, Raif Badawi, Femen oder andere werden ja nur deshalb zum Ziel solcher Attacken, weil wir so wenige sind. Wir sind zu einfach auszumachen in der Menge der Menschen, die das Gleiche meinen wie wir, es aber nicht laut sagen. Wenn jede Zeitung Karikaturen veröffentlichen würde, ohne sich darum zu scheren, ob sie damit die Gefühle von jemandem verletzt, würden wir jetzt nicht um die Leute bei Charlie Hebdo trauern.

Wie geht es dir jetzt, nachdem der erste Schock vorbei ist?
Tja, wie geht es mir? Ich habe Angst und ich bin stolz. Ich habe Angst, weil ich gerade dieses Attentat überlebt habe und davon ausgehe, dass so etwas wieder passieren wird. Weil ich Drohungen bekomme und Freunde bei Charlie Hebdo verloren habe. Ich bin aber auch stolz, weil ich unsere Ideen vertrete und weil unsere Waffen gute Waffen sind: Die Idee der Freiheit, die wir auf friedlichen Wegen erreichen wollen. Die Waffen der anderen sind hässlich: Kalaschnikows.

Welche Rolle können fortschrittliche Muslime jetzt übernehmen? 
Sie haben jetzt eine große Verantwortung. Wir befinden uns mitten in einem Krieg der Ideologien: Religiöse Fundamentalisten mit mittelalterlichen Vorstellungen, darunter viele Islamisten, kämpfen gegen Kräfte mit progressiven, pluralistischen Ideen. Und es gibt inzwischen auch muslimische Stimmen, die sagen, dass die Attentäter sich nun mal auf den Islam berufen und der Islam sich modernisieren muss. So können wir zusammen etwas verändern. Nichts verändern können wir, wenn Tariq Ramadan (Enkel des Muslimbrüder-Gründers Hassan al-Banna und islamistischer Theoretiker, der in Frankreich lebt, Anm. d. Red.) behauptet, wie gestern in der Online-Diskussion mit mir, dass die Attentäter gar nichts mit dem Islam zu tun hätten. So kommen wir nicht weiter.

Und die fortschrittlichen Nicht-Muslime? 
Wir dürfen jetzt nicht in Selbstzensur verfallen. Ob es um einen Präsidenten oder einen Propheten geht – wir dürfen lachen, kritisieren, zeichnen. Es ist jetzt an uns, die wir freiheitliche Ideen vertreten, laut zu sein. Wir müssen lauter sein als die Kalaschnikows. Wir brauchen mehr Cartoons, mehr Proteste, mehr Slogans, mehr Reden, mehr Veranstaltungen, mehr Bücher ohne ein ABER. Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen, unser Recht auf Meinungsfreiheit wahrzunehmen, auch nicht unter diesen neuen Bedingungen.

Was werden die Femen jetzt tun? 
Wir werden einfach weitermachen. Das ist die mächtigste Waffe gegen Extremisten und mittelalterliche religiöse Regeln. Ja, wir haben Angst. Werden wir deshalb mit unseren Aktionen aufhören? Niemals!

Weiterlesen: Am 26. Februar erscheint die neue EMMA mit ihrer Titelgeschichte „Wir fordern einen aufgeklärten, modernen Islam!“ Intellektuelle, KünstlerInnen, UnternehmerInnen und PolitikerInnen aus dem muslimischen Kulturkreis fordern eine kritische Revision des Islam. 

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IS: Wir scheißen auf euch!

Aliaa Magda Elmahdy mit schwedischer Feme: "Wir scheißen auf IS!"
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Die Provokation könnte größer nicht sein. Der Mut auch nicht. Aliaa kennt ihre Brüder. Sie weiß, dass die nichts mehr demütigen kann als diese Inszenierung, die sie mit Hilfe ihrer Mit-Femen im Netz verbreitete: Sie menstruiert (scheinbar) mit gespreizten Beinen auf die Flagge der Islamisten – denn nichts ist für die unreiner als das Menstruationsblut.

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Und die halbverschleierte Frau neben ihr „scheißt“ im Wortsinn und real auf die Flagge. Und sie hält auch noch den Stinkefinger hoch (allein darauf steht für eine Frau quasi die Todesstrafe in den Augen dieser Islamisten). Auf ihr nacktes Hinterteil hat sie das Symbol der Femen gemalt: die beiden Brüste. Rechts und links liegen die Kalaschnikows griffbereit.

In der westlichen virtuellen Welt macht die Provokation gerade die Runde. In der arabischen Welt wagt man es nicht, das Foto der Aktion zu verbreiten. Es könnte, so heißt es, „religiöse Gefühle verletzen“. Doch auch im Westen wird die Aktion oft nur zensiert verbreitet: mit verdeckter Vagina und überklebtem Busen. Oder beschnitten, wie das sonst wenig skrupellose Magazin Vice. Vorauseilender Gehorsam.

Das Argument der religiösen Gefühle ist scheinheilig!

Aliaa selber ist für Journalisten zurzeit nicht erreichbar, die Gefahr für sie ist zu groß. Aber Inna Shevchenko, eine der führenden Femen aus der Ukraine, jetzt im Exil in Paris, gab Paris Match gerne Auskunft. Sie findet das Argument der religiösen Gefühle „scheinheilig“. „Der IS terrorisiert die ganze Welt mit seinen Fotos und Videos von Hinrichtungen“, sagt Inna. „Wir aber töten nicht real. Wir töten nur durch Lächerlichkeit. Wir zeigen: Wir scheißen auf eure Ideen!“

Aliaa Elmahdy ist schon lange in Gefahr, diese Aktion aber würde sie in einem islamistisch beherrschten oder unterwanderten Land wohl nicht überleben. Sie lebt seit 2012 im Exil in Schweden. Bis dahin konnte sie nur im Versteck überleben. Befragt, ob sie ihre Aktion nicht bereue, antwortete sie damals: „Wegen Todesdrohungen ändere ich nicht meine Meinung. Im Gegenteil!“ Heute würde sie wohl das gleiche sagen.

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