Iran: Tech-Frauen fordern Solidarität!

Fotos: My Stealthy Freedom /White Wednesdays
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Ein halbes Jahr ist es inzwischen her, dass sich Vida Movahed in Teheran auf einen Stromkasten gestellt und ihr Kopftuch an einen Stock gebunden hat. Seither sind die Proteste der Iranerinnen explodiert. Es vergeht keine Woche, ohne dass neue Videos und Fotos von Frauen im Netz erscheinen, die es Vida Movahed gleich tun. Oder die unverschleiert durch die Straßen laufen, in Teheran und allerorten. Sie protestieren gegen das mächtigste Symbol ihrer Unterdrückung: die Zwangsverschleierung.

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Sie sind Regisseurinnen, Anwältinnen & Nobelpreis-
trägerinnen ...

Aber während die Empörung über Trumps Sanktionen gegen das iranische Regime groß ist, halten sich die Solidaritätsbekundungen mit den sogenannten „Mädchen der Revolutionsstraße“ in Deutschland in Grenzen. Mal abgesehen von den Exil-IranerInnen, deren Kassandra-Rufe über den erbitterten Kampf ihrer Schwestern seit Jahrzehnten verhallen. Um vier dieser Iranerinnen samt ihrer beeindruckenden Lebensgeschichten wird es übrigens in der nächsten EMMA gehen, ab 28. Juni im Handel.

Nun aber: Solidarität aus Darmstadt! Dort hat zum 44. Mal das jährliche Treffen der „Frauen in Naturwissenschaft und Technik“ stattgefunden, die „FiNuT Tagung“. Ergebnis: Die Naturwissenschaftlerinnen und Technikerinnen haben mit großer Mehrheit eine gemeinsame Erklärung verabschiedet, in der sie zur „Unterstützung der Frauenbewegung im Iran“ aufrufen. Sie fordern „die unverzügliche Abschaffung der diskriminierenden Bekleidungsvorschriften und der Zwangsverschleierung sowie die Beseitigung der eklatanten rechtlichen Benachteiligung von Frauen in Familie, Gesellschaft und Geschäftsleben.“

Die deutsch-iranische Ingenieurin Afsar Soheila Sattari aus dem Vorstand der NUT-Frauen hat die Resolution initiiert. "Ich bin seit 32 Jahren in Deutschland und erlebe immer wieder, wie oberflächlich das Thema Iran behandelt wird, gerade unter Intellektuellen", sagt sie. Mit der Resolution will Sattari nicht nur auf den Jahrzehnte währenden Protest der Iranerinnen hinweisen - sondern auch ein Umdenken bei westlichen Politikerinnen erwirken. "Damit sie nicht länger verschleiert in den Iran reisen. Und damit sie endlich die Situation der Frauen zum Thema machen bei ihren Besuchen und einen Wandel fordern", sagt Sattari. Eine der Adressatinnen der FiNuT-Erklärung ist Kanzlerin Merkel.

Dass sich ausgerechnet die Frauen in Naturwissenschaft und Technik solidarisieren, ist nur auf den ersten Blick erstaunlich. Mehr als 60 Prozent der Studierenden im Iran sind weiblich. Aber nur ein Bruchteil dieser Frauen kommt jemals in einem Beruf an. Laut Human Rights Watch arbeiten nur 14,9 Prozent der Iranerinnen (Männer: 64,1 Prozent). Die Menschenrechtsorganisation klagt: „Die iranische Regierung hat zahlreiche diskriminierende Gesetzte und Regulierungen geschaffen, die Frauen den Zugang in die Berufstätigkeit verwehren.“

Im „Global Gender Gap Report“ des Weltwirtschaftsforum belegt die Islamische Republik deswegen Platz 140 von 144. Wenn es konkret um die Beteiligung der Frauen am Arbeitsmarkt geht, landet der Iran sogar auf dem vorletzten Platz. Nur im Tschad läuft es noch schlechter. Was den Zugang von Frauen zu Bildung angeht, erreicht der Iran hingegen Platz 100. Knapp hinter Deutschland auf Platz 98.

... und trotzdem sind die Iranerinnen nicht frei.

Auch die FiNuT Frauen verweisen in ihrer Resolution auf den immensen Gap zwischen dem Potential der Iranerinnen – und ihrer politischen wie ökonomischen Zwangslage: „Die iranische Frauen werden international als Regisseurinnen, Anwältinnen, Künstlerinnen und Schriftstellerinnen anerkannt. Sie haben eine Friedensnobelpreisträgerin hervorgebracht (Shirin Ebadi) und die erste Frau der Welt, die die Fields-Medaille für Mathematik erhalten hat (die inzwischen verstorbene Maryam Mirzakhani)“, schreiben die Wissenschaftlerinnen in Deutschland. Und trotzdem sind sie nicht frei.

Die Frauen in Naturwissenschaft und Technik rufen deswegen die „deutsche Öffentlichkeit“ dazu auf, die iranische Frauen zu unterstützen. Hier ihr ganzer Appell.

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Masih Alinejad: Sie war die Erste!

Mit diesem Facebook-Foto fing alles an: Masih Alinejad, unverschleiert in London, der Wind in den Haaren.
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Masih, wie steht es um die Frauen im Iran?
Sie sind derzeit die lautesten Stimmen, die eine Veränderung fordern. Das macht Hoffnung! Das iranische Regime kann die Frauen nicht länger zum Schweigen bringen. Dafür hat ihr Protest gegen die Zwangsverschleierung zu viel Wucht. Seit 39 Jahren sind die Iranerinnen unzufrieden. Sie hatten nur lange gar nicht die Möglichkeit zu protestieren!

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Du hast 2014 einen Frauenprotest im Inter­net lanciert: My Stealthy Freedom.
Ja, angefangen hatte das alles mit einem Face­book-Foto von mir in London, inmitten einer von blühenden Bäumen gesäumte Allee. Dazu habe ich damals geschrieben: „Immer dann, wenn ich in einem freien Land den Wind in meinen Haaren spüre, erinnere ich mich daran, wie meine Haare unter der iranischen Regierung in Gefangenschaft gehalten wurden.“ Jede Frau im Nahen Osten, die einen Schleier tragen muss, verstand sofort, was ich damit meine. Auf dieses Foto habe ich unzählige Reaktionen bekommen. Also habe ich als nächstes ein Foto gepostet, das mich unverschleiert im Iran zeigt und ­gefragt: „Wollt ihre eure geheimen Freiheiten mit mir teilen?“ Ab da wurde ich mit Fotos von unverschleierten Frauen bombardiert.

Hast du mit einer solchen Resonanz ­gerechnet?
Nein, niemals! Ich war anfangs sogar richtig geschockt. Mir war ja selbst über Jahre eingetrichtert worden, dass es nicht der rich­tige Zeitpunkt ist, über den Hidschab zu sprechen. Das war wie eine Gehirnwäsche. Aber als die ganzen Fotos kamen, habe ich begriffen: Es ist Zeit! Die Iranerin, die sich damals als Allererste dabei gefilmt hat, wie sie unverschleiert durch die Straßen gelaufen ist, hat mir letztens noch geschrieben: „Schau Masih, wir haben gesät – und jetzt ist endlich Frühling! Knospen überall!“

Warum jetzt?
Die Frauen haben einfach genug. Schon lange. Genug von der Zwangsverschleierung. Genug von den Vorschriften, was sie tragen sollen. Genug von der Sittenpolizei. Und zu dieser Frustration ist inzwischen ­etwas hinzugekommen: Social Media! Die iranische Regierung hat Kanonen und ­Kugeln, sie hat Gewalt und Gefängnisse, sie kontrolliert die Zeitungen und das Fernsehen. Aber wir, die Frauen aus dem Iran, haben Facebook, Instagram, Twitter und Telegram – das sind unsere Waffen.

Was bewirken die?
Sie lassen uns begreifen, dass wir nicht alleine sind. Dass wir nicht auf andere warten müssen, die uns endlich befreien. Wir können uns selbst befreien! Dank „My Stealthy Freedom“ sind die Iranerinnen plötzlich sichtbar. Sie ­bekommen die gleiche Medien-Aufmerksamkeit, wie sonst nur der iranische Präsident.

Wie ging es nach dem Start deiner Facebook-Aktion weiter?
Dieser breite Online-Protest hat die Frauen bestärkt, auf die Straße zu gehen. Also habe ich vor einigen Monaten die White-Wednesday-Kampagne ins Leben gerufen, den weißen Mittwoch. Ich hoffte, dass sich die Frauen auf der Straße erkennen, indem sie entweder Weiß tragen – oder ihren Schleier ganz abnehmen. Dabei haben sie sich gefilmt und mir geschrieben: „Hi Masih, hier bin ich in Schiraz, in Teheran, in Isfahan.“ Das waren fast immer One-Women-Aktionen. Aber dann gingen diese Videos durchs Netz. Und plötzlich waren wir im Gespräch: Hast du von denen mit den weißen Schleiern gehört? Das hat eine riesige Debatte im Iran ausgelöst, bis hin zu den Freitags­gebeten. Da wurde natürlich gesagt: Diese Frauen mit den weißen Kopftüchern, das sind Prostituierte! Aber diese Verleumdungen haben uns nur noch stärker gemacht.

An einem Mittwoch im Dezember ist eine junge Frau mitten auf einer belebten Kreuzung in Teheran auf einen Stromkasten ­geklettert und hat ein weißes Tuch an einem Stock geschwenkt – wie eine Friedensfahne.
Ja, Vida Movahed! Ich weiß gar nicht, ob ihr die Kampagne #WhiteWednesday zu diesem Zeitpunkt überhaupt ein Begriff war. Aber die Menschen um sie herum, die kannten uns. Deswegen hat jemand Vida gefilmt und mir das Video geschickt. Das Problem war: Wir wussten nicht, wer sie ist und was mit ihr passiert war. Nur, dass sie noch während ihrer Aktion verhaftet worden war. Also habe ich einen weiteren Hashtag ins Leben gerufen, um mehr über sie zu erfahren. Auf Farsi hieß er: Wo ist das Mädchen von der Revolutionsstraße? Der wurde 19.000 Mal geretweetet. Die iranische Rechtsanwältin Nasrin Sotoudeh hat Vida Movahed dann ausfindig gemacht. Sie ist wieder frei.

Inzwischen gibt es zahlreiche Mädchen der Revolutionsstraße.
Ja, kurz nach Vida Movaheds Verhaftung hat eine weitere Aktivistin – sie heißt Shaparak Shajarizadeh – die Iranerinnen via Video dazu aufgerufen, aus Solidarität auch ein weißes Tuch an einen Stock zu binden. Seitdem hat die Sache richtig Fahrt aufgenommen. Und es hat auch nicht lange gedauert, bis die nächste Frau auf den Stromkasten geklettert ist. Shaparak ist übrigens inzwischen auch wieder aus dem Gefängnis raus. Als ich das gehört habe, habe ich geweint.

Wie reagiert die Bevölkerung?
Für die iranische Bevölkerung ist das Kopftuch heute das Thema. Weil sie begriffen haben, dass wir nicht nur gegen ein Stück Stoff kämpfen – sondern für unsere Identität und unsere Würde. Wir kämpfen gegen das sichtbarste Symbol der Unterdrückung. Auch zahlreiche Männer haben sich uns angeschlossen und demonstrieren Schulter an Schulter mit ihren Frauen, Schwestern und Töchtern auf der Straße.

Und die Mullahs?
Sie lassen die Leute festnehmen. Sie behaupten, die Protestierenden würden von Kräften aus dem Westen gesteuert. Kräften wie mir.

Präsident Rohani verspricht Reformen.
Rohani steht unter Druck, die Wut der Menschen zu dämpfen. Er hat uns schon so viel versprochen – aber seine Versprechen nie eingelöst! Und was man auch nicht vergessen darf: Er ist der Architekt der Zwangsverschleierung. Das erwähnt er selbst in seiner Autobiografie. Er war 1980 der Erste, der uns Frauen den Schleier aufgezwungen hat. Angefangen mit den Frauen im Militär und auf Bitten von Ayatollah Khomeini.

In der Vergangenheit waren die Repres­sionen gegen die iranische Bevölkerung nach Protesten umso größer. Gibt es diesmal eine Chance auf echten Wandel?
Wir haben es hier ja mit einem Krieg zwischen Frauen und dem Regime zu tun. Und meiner Meinung nach haben die Frauen diesen Kampf schon gewonnen. Wenn du vor rund 40 Jahren Fotos von Frauen im Iran gesehen hast, verschwanden wir unter einem Meer aus schwarzen Tüchern. Die Regierung hat uns gezwungen, dem islamischen Lebensstil zu folgen. Sie hat uns das Singen und das Tanzen verboten. Heute sind die Frauen im Iran bunt angezogen. Sie singen, sie tanzen und sie feiern zusammen mit Männern. Fahrt in den Iran! Ihr werdet Frauen treffen, die Gesetze brechen und zivilen Ungehorsam üben. Sie flehen nicht mehr um Freiheit. Sie schaffen Freiheit! Aber sie riskieren ­damit ihr Leben.

Westliche Politikerinnen hingegen ziehen sich bereitwillig ein Kopftuch über auf ­ihren Reisen in den Iran.
Es bricht mir immer wieder das Herz, wenn ich Politikerinnen wie Claudia Roth mit Kopftuch im Iran sehe. Ich habe ihr damals geschrieben. Aber sie hat nicht verstanden, dass sie das Regime nur noch weiter ermächtigt hat, auf uns iranische Frauen Druck auszuüben. Sie hat mir geantwortet, dass sie ­lieber verschleiert in den Iran reist und das Thema meidet, anstatt gar nicht in den Iran zu reisen, weil sie nur so über so wichtige Themen wie Menschenrechte sprechen könne. Aber ist die Zwangsverschleierung der Iranerinnen etwa kein Menschenrechtsthema? Und glaubt sie wirklich, dass eine ­Regierung, die ihr nicht einmal erlaubt, ­ihren eigenen Dresscode zu bestimmen, mit ihr über Menschenrechte verhandelt? Solche Politikerinnen sind Heuchlerinnen.

Was sollten westliche Politikerinnen also tun?
Erstens: Sie müssen endlich begreifen, dass die Zwangsverschleierung nicht Teil unserer Kultur ist! Zweitens: Wir wollen, dass sie die Zwangsverschleierung auf ihren ­Besuchen endlich in Frage stellen. Und dass sie nicht ständig sagen: Aber das ist doch Gesetz! Die Sklaverei war in Amerika auch mal legal. Noch so ein Satz, den solche Politikerinnen häufig sagen, ist: „Wir mischen uns nicht in innere Angelegenheit ein!“ Es geht hier aber nicht um eine inneriranische Angelegenheiten. Wir haben es mit einem globalen Problem zu tun. Ihr könnt nicht einfach eure Augen verschließen und eure Schwestern im Iran ignorieren, die zusammengeschlagen und ins Gefängnis geworfen werden!

In der aktuellen EMMA: weitere Stimmen aus dem Iran.

Weiterlesen:
Masih Alinejad: „The Wind in My Hair: My Fight for Freedom in Modern Iran” auf Englisch (Little, Brown and ­Company).

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