Protest gegen Kopftuch-Ausstellung

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Sehr geehrter Herr Prof. Matthias Wagner K,

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wir, die Gruppe „Migrantinnen für Säkularität und Selbstbestimmung“, sind entsetzt, dass Sie die Ausstellung „Contemporary Muslim Fashions“ hier nach Frankfurt in die Wiege der deutschen Bürgerrechte geholt haben. Diese Ausstellung, die vorgeblich religiöse Kleidervorschriften als Mode darstellt, ist ein Schlag ins Gesicht inländischer und ausländischer Frauenrechtlerinnen. Sie machen sich damit der Religionspolizei in manchen islamischen Ländern gemein.

Mit dieser Ausstellung ignorieren Sie den Kampf von Frauenrechtlerinnen in islamischen Staaten, die sich gegen den Zwang zu Verschleierung und Verhüllung einsetzen und dafür ihre Freiheit, ihre Unversehrtheit und ihr Leben riskieren. Jedes Jahr werden gegen Tausende von Frauen im Iran Strafen ausgesprochen wegen Verstoßes gegen die Kleidervorschriften.

Sie ignorieren den Kampf von Frauenrechtlerinnen in islamischen Staaten

Sie dagegen bieten diesem Kleidungsdiktat eine Plattform, als sei es den betroffenen Frauen möglich, sich selbstbestimmt, bunt und mondän zu kleiden. Was glauben Sie, wie viele Frauen in den islamischen Ländern tatsächlich Zugang zu dieser „contemporary Fashion“ haben? Es ist, wenn überhaupt, eine kleine, elitäre Schicht. Und selbst die tragen solche Kleidung nur zu bestimmten Anlässen, innerhalb der Familie, im Urlaub oder wenn sie ausschließlich unter Frauen sind.

Indem Sie Verhüllung und Schleier prioritär als Mode präsentieren, verharmlosen Sie den Ursprung, woher diese Mode kommt: Nämlich die Religion, mithilfe derer die Hälfte der Bevölkerung – die Frauen – in islamischen Staaten unterdrückt wird. Genau wie die westlichen ModemacherInnen verkennen Sie, dass die sogenannte Freiwilligkeit, mit der sich Models oder sogenannte modebewusste muslimische Frauen verhüllen, eine antrainierte Haltung ist.

Wir wissen aus eigener Erfahrung: Wenn ein Mädchen von klein auf vermittelt bekommt, dass eine unverschleierte Frau „unrein“, „nicht sittsam“, „unehrenhaft“ ist, und wenn die Familie und das soziale Umfeld keine oder nur Alternativen aufzeigt, die mit Ausgrenzung und Schuld verknüpft sind, dann kann dies nicht als freiwillig bezeichnet werden. Insofern sind auch keine ehrlichen Aussagen zur „freiwilligen Verhüllung“ zu erwarten. Die Kopfbedeckung als Mode wird in Deutschland bei manchen als „Wahl“ angesehen. In vielen islamischen Ländern haben die Frauen gar keine Wahl und müssen sich verhüllen.

In vielen islamischen Ländern haben die Frauen gar keine Wahl

Die Trennlinie verläuft daher nicht zwischen morgen- und abendländischer Mode, sondern zwischen solchen Frauen, denen ihr Umfeld die Wahl ihrer Kleidung überlässt und solchen Frauen, denen ihr Umfeld diese Wahl nicht lässt; zwischen verschleierten und freien Frauen.

Diese Ausstellung versucht, die Macht des "modischen Diktats" mit der Macht einer vorgeblichen Religionsvorschrift zu vereinbaren. Mit der Darstellung von verschleierten Frauen übernehmen Sie das rückwärtsgewandte Frauenbild islamischer Staaten und der islamistischen Bewegung. Darin wird die Frau prioritär als Sexualobjekt begriffen, deren Reize zu verbergen sind. Um sich vor den lüsternen Blicken der Männer zu schützen, wird von den Frauen erwartet, sich zu verschleiern. Ein solches Geschlechterverständnis darf in einer öffentlichen Institution wie in Ihrem Haus in einem säkularen Staat wie Deutschland nicht gefördert werden.

Glauben Sie wirklich, dass die Verhüllung der Frauen – und speziell des Kopfes mit dem Plastikuntergestell zum Schutz der Haare und dem darüber gewickelten Kopftuch – praktisch und bequem ist? Wir haben es selbst erfahren: Es ist eine Einschränkung in der Bewegung, da nichts verrutschen darf. Ganz zu schweigen von der Unannehmlichkeit, sich im heißen Sommer so zu kleiden, während muslimische Männer kurze Hosen tragen und ihre Arme nicht bedecken.

Ihre Ausstellung liefert konservativen muslimischer Kreise in Deutschland Argumente, Mädchen nicht zum Sportunterricht schicken. Sie erschwert jungen Mädchen aus diesen Kreisen, sich den Kleidervorschriften zu widersetzen und für ihre Bekleidungsfreiheit zu kämpfen.

Kleiderzwang als Modetrend „modest fashion“ zu bezeichnen, ist zynisch

Es ist absurd, dass ausgerechnet in dem Jahr, in dem die Errungenschaften der Frauenrechte deutschlandweit gefeiert werden, mit einer Ausstellung unweit der Paulskirche eine Kleiderordnung protegiert wird, mit der die Hälfte der Bevölkerung in muslimischen Ländern und auch in den muslimischen Communities in Deutschland unterdrückt wird. Und es ist zynisch, diesen Kleiderzwang als neuen Modetrend „modest fashion“ zu bezeichnen. Wobei die Zuschreibung „modest“ schon aussagt, um was es geht: die züchtige Verhüllung von Frauen. Nur stylisch und farbenfroh präsentiert, im Gegensatz zu den dunklen Farben, in denen wir Hijab und Burka sonst zu sehen bekommen. Geschlechterapartheit in bunt statt braun! Welcome to Germany 2019!

Wir erwarten, dass das Museum keine Weltanschauung unterstützt, welcher überholte Rollenzuschreibungen von Frauen und Männern zugrunde liegt und gleichzeitig gegen Menschenrechte verstößt!

Daher fordern wir Sie auf: Schaffen Sie im „Museum für Angewandte Kunst“ eine neutrale Atmosphäre, in denen Frauen und Männer gleichberechtigt miteinander kulturelles Gut erleben und erfahren können. Hinterfragen Sie die Religion, die hinter dieser sogenannten Mode steht, im Sinne der Aufklärung und der Menschenrechte kritisch. Schützen Sie die Neutralität Ihres Hauses!

Migrantinnen für Säkularität und Selbstbestimmung

Kontakt: iran.women.solidarity@gmail.com

 

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Werbeausstellung fürs Kopftuch ...

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Kein Härchen lugt unter dem schwarz-gold gemusterten Kopftuch hervor, am Hals ist kein Stückchen Haut zu sehen. Der steckt in einem weißen Stehkragen, verschlossen von zwei Perlen. Und auf 162 Seiten geht es so weiter: verhüllte Frauen.

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Von der hippen Jeansträgerin, die zu ihrem gelben Kopftuch coole Sonnenbrille und Nasenpiercing trägt; über die Speerwerferin, die, bis auf Hände und Gesicht, kein bisschen nackte Haut zeigt und ihre Haare mit einem schwarzen Tuch verhüllt hat; bis hin zur Vollverschleierten, von der nur die Augen zu sehen sind: modest fashion.

Es handelt sich nicht um eine Publikation aus Katar oder dem Iran. Nein, dies ist ein Ausstellungskatalog aus einer der liberalsten Städte der Welt: San Francisco. Titel der Ausstellung: „Contemporary Muslim Fashions“. Im September 2018 startete die Ausstellung in den „Fine Arts Museums of San Francisco“, finanziert von einem „unbekannten Sponsor“. Jetzt kommt die Schleierausstellung nach Frankfurt a. M., wo sie ab 5. April im Museum für Angewandte Kunst gezeigt werden soll.

„Von Haute Couture über Streetwear bis zu Sportbekleidung: Der Markt für muslimische Mode wächst weltweit rasant“, heißt es in der Ankündigung. „Rund 80 Ensembles von etablierten und aufstrebenden Marken, ergänzt von Modefotografie und Laufstegvideos, zeigen die Raffinesse, mit der regionale Ästhetiken mit globalen Modetrends verwoben werden.“

Die Ausstellung wird finanziert von einem "unbekannten Sponsor"

Raffinesse? Regionale Ästhetiken? Wie raffiniert und ästhetisch mögen die Frauen in Ländern wie Iran, Afghanistan oder Saudi-Arabien wohl ihre Hijabs und Abayas finden? Ihnen drohen drakonische Strafen, wenn sie versuchen, sich gegen den Schleierzwang zur Wehr zu setzen. Wie mögen wohl die Indonesierinnen den neuen Trend finden, dass gerade in immer mehr Regionen die Scharia inklusive Kopftuchzwang eingeführt wird?

„Die Ausstellung hat ihren Hauptfokus auf dem modischen Aspekt des Phänomens und zeigt individuelle Interpretationen von ‚modest fashion‘ aus aller Welt“, erklärt auf Anfrage von EMMA Mahret Ifeoma Kupka, die Frankfurter Kuratorin.

„Modest Fashion“? Modest heißt übersetzt „bescheiden“, „anständig“, „sittsam“. Die Unterscheidung von Frauen in „anständige“, sprich: verhüllte, und „unanständige“, sprich: unverhüllte, ist ein Markenzeichen der konservativen bis fundamentalistischen Strömungen des Islam, die viel Leid in der Welt verursachen, nicht nur für Frauen.

Das aber ficht die AusstellungsmacherInnen offenbar nicht an. Die Ausstellung zeige „die Vielfalt der Entscheidungsfreiheit innerhalb eines als modest definierten Rahmens“. Schade nur, dass es für muslimische Mädchen und Frauen immer schwieriger wird, diesen als „modest definierten Rahmen“ zu verlassen – nichtzuletzt wegen affirmativer, pseudo-toleranter Ausstellungen wie dieser.

„Inzwischen ist die ‚Islamic Fashion‘ in der Modeindustrie angekommen. Die großen Labels kennen kein Halten mehr bei der Vermarktung von hippen Kopftüchern, hippen Ganzkörperbadeanzügen oder hippen Tschadors“, berichtete EMMA im Sommer 2016 und widmete dem Siegeszug der „Islamic Fashion“ eine ganze Titelgeschichte: H&M präsentiert seine Mode mit Kopftuch-Models, Donna Karan entwirft eine „Ramadan-Kollektion“, Dolce & Gabbana nennt seine Kollektion gleich „Abaya“. Nike hat einen Sport-Hijab herausgebracht und erklärt stolz, wie professionell er den Verhüllungsvorschriften angepasst ist („Die Rückseite des Hidschabs ist länger geschnitten, damit er nicht verrutschen kann.“). Ein verrutschter Hijab – Allah bewahre!

Der Umsatz der "Modest Fashion Industrie"? Zirka 44 Milliarden Euro

Dass Modefirmen den so genannten „islamischen Markt“ mit seinen Petro-Dollars bedienen, ist nicht weiter verwunderlich: Es geht schließlich um enorme Profite. Auf 44 Milliarden wird inzwischen der Jahresumsatz der „Modest Fashion Industrie“ geschätzt. Der Markt boomt. Warum? Weil ein reaktionäres Islam-Verständnis auf dem Vormarsch ist. Finanziert von Gottesstaaten wie Saudi-Arabien oder Katar (Stichwort: „unbekannter Sponsor“) verbreiten islamische Fundamentalisten ihre menschen- und frauenfeindliche Ideologie und gewinnen zusehends an Boden. Und die Propaganda für „Modest Fashion“ zieht mit. Modest goes Mainstream.

„Wir beobachten tagtäglich, dass auch in unserer neuen Heimat Deutschland die Verschleierung von Mädchen aller Altersstufen ein zunehmendes Phänomen geworden ist“, alarmiert das Internationale Frauennetzwerk „Iran Women Solidarity“. Auch die Exil-Iranerinnen haben deshalb den Appell „Den Kopf frei haben“ von Terre des Femmes für ein Verbot des Kinderkopftuchs unterzeichnet.

Mit der islamistischen Offensive wächst auch der Widerstand gegen die vorgebliche muslimische „Verhüllungspflicht“. In der Türkei tragen, laut einer aktuellen Studie, zwei von drei Frauen überhaupt kein Kopftuch – vor zehn Jahren war es noch jede zweite. Unter dem Hashtag #10YearsChallenge posten Türkinnen Selfies von sich mit (früher) und ohne (heute) Kopftuch. Diese Aktion ist eine der vielen Reaktionen aufgeklärter Musliminnen auf den „World Hijab Day“, den „Welttag für das Kopftuch“ am 1. Februar. Gegen den Propaganda-Tag, der „Musliminnen sichtbar machen soll, die sich freiwillig für das Kopftuch und ein Leben in Sittsamkeit entschieden haben“, riefen sie den „No Hijab Day“ ins Leben.

„Es ist sicherlich wahr, dass muslimische Frauen unter bestimmten Umständen wenig in der Lage sind, zu entscheiden, ob, wie, wann und wo sie Teile ihres Körpers bedecken wollen“, gesteht Reina Lewis ein. Was die Co-Kuratorin der Ausstellung und Kulturwissenschaftlerin am „London College of Fashion“ nicht daran hindert, „Kreativität und Einfallsreichtum“ der Modest Fashion zu feiern. Zum Beispiel die „zeitgenössischen Updates“ der „traditionellen Abaya, ein einfaches, lockeres, schwarzes Gewand, das den Körper von Kopf bis Fuß bedecken soll“, durch Modedesigner.

Es gibt keine Pflicht für Musliminnen, "sittsame Mode" zu tragen

„Ich möchte schreien angesichts der Naivität, mit der Diversity mit der Bedeckung der Frau gleichgesetzt wird“, sagt Lale Akgün, ehemalige migrationspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion und Mitgründerin des „Verbands liberaler Muslime“. „Es gibt keine sittsame Mode, die zu tragen für Musliminnen eine Pflicht ist. Das Kopftuch ist keine Vielfalt.“ Akgün ist nicht die einzige, die sich über die Frankfurter Ausstellung empört. „Die Veranstalter einer solchen Ausstellung verkaufen sich für viel Geld an die Textilindustrie und die Islamisten, die am liebsten alle Frauen dieser Welt verhüllen würden“, sagt Seyran Ateş, Gründerin der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin, und fragt: „Warum kämpft die Linke eigentlich nicht für die Rückkehr des Damensattels oder der Bademode der 30er-Jahre im Westen?“ Und der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi, Autor des Buchs „Ihr müsst kein Kopftuch tragen“, erklärt: „Durch eine solche Ausstellung fallen die Macher sämtlichen Frauen in den Rücken, die in den muslimischen Ländern und im Westen gegen den Zwang zur Verschleierung kämpfen.“

Ist es die Aufgabe eines städtischen Museums, Propaganda für eine Modeindustrie zu machen, die nicht zögert, aus der zunehmenden Verhüllung von Frauen einen „Trend“ zu machen und „Modest Fashion“ für angesagt zu erklären? Die Ausstellung soll fünfeinhalb Monate, bis September, zu sehen sein. Was kostet das eigentlich?

 

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