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Isabella Weber: Auf die Bremse

Ökonomin Isabella Weber hat die "Gaspreisbremse" erfunden. - Foto: Xander Heinl/Photothek
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Es war ein Tag vor Silvester 2021, als der Shitstorm so richtig losging. In den Stunden zuvor waren es vor allem rechte Trolle und Krypto-Jünger gewesen, doch nun meldete sich mit Paul Krugmann ein Wirtschaftsnobelpreisträger mit riesiger Twitter-Gefolgschaft: „Wirklich dumm“ sei das, was die 34-jährige Professorin der Volkswirtschaftslehre da forderte.

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Der Tweet katapultierte Isabella Weber mitten ins Zentrum eines erbitterten Streites, der unter Ökonomen seit über einem Jahrhundert immer wieder von neuem ausgetragen wird. Die gebürtige Nürnbergerin, die an der University of Massachusetts in Amherst (USA) lehrt, hatte im britischen Guardian darauf aufmerksam gemacht, dass Preiskontrollen für Energie in der derzeitigen Gasmangellage hilfreich sein könnten.

Ich bin glücklich, dass die Menschen spürbar entlastet werden

Preiskontrollen aber sind für viele Ökonomen ein rotes Tuch: In der von ihnen vertretenen Lehre werden die Preise vom freien Markt bestimmt – und sonst gar nichts. Reflexartig wurde die zwar vielfach ausgezeichnete, aber damals international noch nicht wirklich bekannte junge Wissenschaftlerin bei Twitter mit Spott, Häme und manchmal sogar Hass überzogen. „Man verliert komplett seine Stimme“, sagt sie über diese harten Stunden.

Erst ein Tweet einer ihr unbekannten Kollegin brach die Sturmfront: „Sie hat Zivilcourage bewiesen“, sagt Weber, die sich selbst „wie in einer Schockstarre“ fühlte. Weber wurde über Nacht international bekannt. Für ihre Doktorarbeit an der britischen Elite-Universität Cambridge hatte sie erforscht, wie China bei der Öffnung seiner Wirtschaft in den 1980er Jahren erfolgreich auf Preiskontrollen gesetzt hat.

In besonderen Mangel- oder Krisensituationen, so ihre Erkenntnis, kommt es am Markt zu derartigen Übertreibungen, dass es viel Sinn macht, wenn der Staat zumindest zeitweise eingreift und die Eskalation der Preise bremst. Früher als viele andere hatte Weber schon im Sommer 2021 beobachtet, wie Russland die Gaslieferungen vor allem nach Europa aus politischen Gründen verknappt hatte. Und anders als die meisten ihrer Kollegen ist sie – zu Recht, wie sich später herausgestellt hat – davon ausgegangen, dass andere Lieferanten die Situation mit weiteren Preiserhöhungen ausnutzen würden.

So wurde Weber zur „Frau mit dem Deckel“ (Süddeutsche) – zur Erfinderin des Gaspreisdeckels. Als jüngstes Mitglied saß sie in Spätherbst 2021 mit in der deutschen Gaspreiskommission. Auch wenn die daraufhin von der Politik beschlossene Gaspreisbremse nicht vollständig dem entspricht, was Weber ursprünglich vorgeschlagen hatte, ist sie glücklich, dass die Menschen jetzt spürbar finanziell entlastet werden. „Als Bundeskanzler Scholz das angekündigt hat, habe ich sogar angefangen zu heulen.“

Die Politik braucht Instrumente, um mit derartigen Schocks umgehen zu können

Weber kommt aus einfachen Verhältnissen. Ihr Vater ist Küster, die Mutter Erzieherin. Die Tochter selbst startet schon in der Schule durch, überspringt die 11. Klasse und finanziert ihr Studium durch Stipendien. Als sie ihm Herbst 2008 an der Freien Universität Berlin anfängt, müssen Politiker während der Weltfinanzkrise Banken retten und Unternehmen verstaatlichen. Kaum einer der traditionellen Ökonomen hatte die Krise kommen sehen.

So sucht die angehende Politik- und Volkswirtschaftlerin nach alternativen Erklärmustern für diese Krise des Kapitalismus – und nach Universitäten, an denen das gelehrt wird. Sie setzt ihr Studium an der als links geltenden New School in New York fort, geht für ihre erste Promotion dann aber nach Cambridge. Zurück in New York setzt Weber eine zweite Promotion drauf und erhält danach einen Ruf der University of Massachusetts, deren Slogan lautet: „Be revolutionary“.

In die Politik will Isabella Weber trotzdem nicht: „Ich verstehe mich als Wissenschaftlerin, die die Politik berät.“ Und schließlich ist da ihr nächstes Buchprojekt, das in den ganzen Turbulenzen warten musste. Weber will einen Instrumentenkasten entwickeln, wie die Politik mit derartigen Schocks präventiv umgehen kann – eine Art, so sagt sie, „wirtschaftspolitischen Katastrophenschutz“. Darüber wird nicht gelacht werden.

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