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Mochizuki: gegen das Patriarchat

Filmstill aus „i – documentary of the journalist”
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Olympia in Tokio trotz Corona? Die Genehmigung für über 40 Jahre alte Atomreaktoren trotz Fukushima! Der mysteriöse Tod einer Asylsuchenden in Haft. Und immer wieder die Versäumnisse von Japans Ministerpräsident Yoshihide Suga in der Pandemie… Wenige Minuten Scrollen auf Isoko Mochizukis Twitter-Feed genügen, um zu wissen, was die Nation in Fernost umtreibt. Vor allem die, die nicht der erzkonservativen Regierung der Liberaldemokraten (LDP) anhängen.

Die Reporterin der größten Regionalzeitung Tokyo Shimbun scheint auf Twitter zu leben. Dutzende Male pro Tag tweetet und retweetet Mochizuki an ihre über 234.000 Follower. Ihr Gespür für Machtverhältnisse und die Benachteiligung der Schwachen, kombiniert mit enormem Sprechtempo und furchtlosem Frageeifer, haben die 43-Jährige zur wohl bekanntesten Journalistin Japans gemacht. Und zur „Lieblingsfeindin“ des Regierungschefs.

Allein die Tatsache, dass Suga – damals Sprecher unter seinem Vorgänger Shinzo Abe – eine Beschwerde gegen „eine gewisse Journalistin der Tokyo Shimbun“ einlegte, die angeblich Fragen stellen würde, „die nicht in Übereinstimmung mit den Fakten“ seien, spricht Bände. Als er im September 2020 seine Kandidatur als Regierungschef erklärte, nahm er Isoko Mochizuki als letzte dran, nur um sie abzufertigen mit: „Bei Pressekonferenzen ist die Zeit begrenzt. Wenn Sie schneller zum Punkt kommen, bleibt auch mehr Zeit.“ Der Backlash kam prompt: Petitionen wurden zugunsten Mochizukis gestartet, Hunderte demonstrierten für sie im Regierungsviertel.

Dabei tut die Journalistin nur, was in ihrem Beruf normal sein sollte – sie stellt kritische Fragen. Doch in Japans „Presseclub-System“, bei dem Reporter häufig direkt bei Institutionen und Firmen einquartiert sind, über die sie berichten, wird das nicht gerne gesehen. Japan ist seit 2012 auf der Rangliste der Pressefreiheit 2021 von „Reporter ohne Grenzen“ um über 40 Plätze auf Rang 67 (von 180) abgerutscht. Deutschland ist auf Rang 13. Mochizuki ignoriert zudem viele ungeschriebene Regeln: Sie spricht forsch und tief. Dabei wird von Japanerinnen Zurückhaltung, sowie als Zeichen der Höflichkeit erwartet, ihre Stimme nach oben zu schrauben. Auch ist es in dem Land, wo Politikerinnen und Managerinnen weit unter 10 Prozent ausmachen, verpönt, über Politik zu sprechen, speziell unter Frauen. Zu sagen, was man denkt, ohne dabei auf die Gruppenmeinung zu achten, gilt als Verstoß gegen soziale Regeln.

2019 wurden ein Spielfilm sowie ein Dokumentarfilm über Mochizuki gedreht, die New York Times und der Guardian porträtierten sie, Netflix dreht eine Serie. Dabei erwog die gebürtige Tokioterin zunächst, ganz wie ihr Bruder und ihre Mutter ans Theater zu gehen. Doch schließlich entschied sie sich nach einem Jura-Studium, Journalist zu werden, wie ihr Vater.

Anfangs berichtete Mochizuki aus den Gerichten. 2014, nach ihrem zweiten Kind, arbeitete sie sich in das Thema Waffenexporte ein. Seit 2017 gehört sie zu einer Gruppe, die Regierungsskandale untersucht – stets an der Seite derer, die „von oben“ zum Verstummen gebracht werden sollen.

Über ihr Privatleben ist wenig bekannt, ihr Mann – auch Journalist – soll wegen seiner Arbeit in einer anderen Stadt leben, während Mochizuki sich neben ihrem Vollzeitjob de facto allein um die Kinder im Grundschulalter kümmert. Liegen sie abends im Bett, setzt sie sich wieder an den PC.

Die Suga-Regierung nutzte vor einem Jahr Corona als Ausrede, den Reporterpool zu verkleinern und die Unbequeme auszuschließen. Beschwerden blieben erfolglos. Nach außen hin eine Demokratie, ist Japan de facto nah am Einparteienstaat. Wer gegen den Strom schwimmt, zahlt oft einen hohen Preis. Auf Mochizukis Twitter-Feed häufen sich Beleidigungen, sie sei unpatriotisch. Immerhin ihre Zeitung – eines der wenigen progressiven und linken Presseorgane im Land – hält ihr den Rücken frei. Und viele JapanerInnen schätzen ihren Einsatz: „Sie sagen, dass sie das Gefühl haben, dass ich sie mit meiner Stimme bei den Pressekonferenzen repräsentiere.“

SONJA BLASCHKE

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