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Sie wurde nur 24 Jahre alt und doch hat Lili Boulanger Musikgeschichte geschrieben: Als erste Komponistin errang sie am 12. Juli 1913 den höchst begehrten ersten Platz bei dem Wettbewerb um den „Prix de Rome“; ein mehrjähriges Staatsstipendium, verbunden mit einem Aufenthalt in der „Villa Medici“. Sie war die zweite Preisträgerin überhaupt: Zwei Jahre zuvor hatte die Bildhauerin Lucienne Heuvelmans den „Prix de Rome“ bekommen. Die ließ es sich nicht nehmen, während ihres Rom-Aufenthalts eine Marmorbüste von Lili Boulanger anzufertigen.

Sowohl die europäische wie auch die amerikanische Presse berichteten über die Sensation. „Folglich wurde die weibliche Kantate mit gnadenloser Aufmerksamkeit gehört, was ihr den Stellenwert einer beeindruckenden und bedrohlichen feministischen Präsentation gab“, berichtete Émile Vuillermoz in der Zeitschrift „Musica“. Gipfel des Lobes: Boulanger komponiere wie ein Mann. Gleichzeitig wurde Lili beschrieben als „zerbrechlich“ und „von unvorstellbarer Zartheit“. Beobachter des Wettbewerbes betonten ihr „bescheidenes und klares Auftreten“ und ihre „ruhige Haltung“.

Lili Boulanger wurde am 21. August 1893 in Paris geboren. Ihre Eltern waren der deutschfranzösische Komponist Ernest Boulanger, ebenfalls Rompreis-Gewinner, und die über 40 Jahre jüngere, russische Prinzessin Raissa Mychetsky.

Als Kinder einer Musikerfamilie wurden Lili und ihre ebenfalls hochbegabte Schwester Nadia, später Dirigentin, schon sehr früh gefördert. Mit zwei Jahren erkrankte Lili jedoch so schwer, dass sie nicht an einem regulären Schulunterricht teilnehmen konnte. Trotzdem – oder darum – erlernte sie mehrere Instrumente und hatte mit acht Jahren ihren ersten öffentlichen Auftritt als Geigerin.

Im Jahr davor war Lilis Vater gestorben. Trost fand sie in ihren ersten Kompositionen, die sie später vernichtete. Sie hatten überwiegend religiöse Themen. Auch später noch vertonte sie mehrere Psalmen sowie ein buddhistisches Gebet.
Im Herbst 1913 verbrachte sie einige Wochen bei ihrer engen Vertrauten, der Pianistin Miki Piré in Nizza. Durch sie lernte Lili Gedichte des Symbolisten Francis Jammes kennen, die sie später in ihrem Liederzyklus „Clairières dans le Ciel“ vertonte.

Das Stipendium in der Villa Medici konnte sie wegen ihrer Krankheit nur verspätet antreten. Man gab ihr ein Zimmer, das im vierten Stock lag, nur über eine steinerne Wendeltreppe erreichbar war, und auch im Sommer zugig, feucht und kalt. Dann brach der Erste Weltkrieg aus. Die Stipendiaten wurden nach Frankreich zurückbeordert.

1916 schrieb Lili ihrer Freundin Miki aus der Villa Medici: „Ich begreife, dass ich niemals das Gefühl haben werde, das getan zu haben, was ich wollte. Denn ich kann nichts ohne Unterbrechungen tun, und die sind länger als meine Arbeitsphasen selbst!“ In diesem Jahr wurde der 22-Jährigen mitgeteilt, dass sie nicht mehr länger als zwei Jahre zu leben habe. Zuletzt konnte sie nur noch im Liegen komponieren.

Lili Boulanger starb am 15. März 1918. Noch im selben Jahr richteten ihre Mutter und ihre Schwester auf ihren Wunsch hin einen Preis für angehende KomponistInnen ein. Bis heute findet der „Concours International Nadia et Lili Boulanger“ für junge SolistInnen statt. Lili lebt weiter.

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Léonie Rosenstiel: Lili Boulanger. Leben und Werk (Zeichen und Spuren 1995)

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