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Missbrauch: Endlich Hilfe für Opfer

Julia von Weiler: "Reue ist oft nur eine Täterstrategie." Foto: ZDF
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Frau von Weiler, die Justizministerin fand es zunächst überflüssig, sexuellen Missbrauch vom „Vergehen“ zum „Verbrechen“ zu machen. Ihre Begründung: Die Gerichte sollten den schon jetzt vorhandenen Strafrahmen ausschöpfen.
Die Ministerin hat Recht und Unrecht zugleich. Bisher gilt nur der „schwere“ Missbrauch als Verbrechen, also sexuelle Handlungen an einem Kind, die mit Eindringen in den Körper verbunden sind. Es ist aber absolut wichtig, auch den sogenannten „einfachen“ Missbrauch zum Verbrechen zu machen, also zum Beispiel, ein Kind „nur“ zu berühren. Erstens, um deutlich zu zeigen: Sexualisierte Gewalt an Kindern ist ein Verbrechen. Punkt. Zweitens wird die Mindeststrafe dann künftig bei einem Jahr liegen. Das bedeutet, dass kein Strafbefehl mehr möglich ist und auf jeden Fall ein Gerichtsverfahren stattfindet. Gleichzeitig hat die Ministerin aber Recht, wenn sie sagt, dass Gerichte sehr oft den schon jetzt möglichen Strafrahmen nicht ausschöpfen und wirklich häufig Bewährungsstrafen verhängen.

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Laut Rechtspflegestatistik wurden 2018 ganze 505 Missbrauchs-Täter zu Freiheitsstrafen verurteilt, davon 411 zur Bewährung.
Warum? Ein Grund ist: Wenn der Täter ein Geständnis ablegt und Reue zeigt, gilt das ja schon als strafmindernd. Aber wir müssen davon ausgehen, dass Reuebekundungen von Tätern oft strategisch eingesetzt werden, um mit einer milderen Strafe davonzukommen. Ein zweiter Grund ist, dass die Richter und Richterinnen an den jeweiligen Strafgerichten oft zu wenig vom Thema sexueller Missbrauch verstehen. Sie müssten in diesem Thema dringend besser aus- und fortgebildet sein.

In den Fällen Staufen und Münster haben Familiengerichte kein Problem darin gesehen, dass Täter, die bereits wegen Missbrauch bzw. dem Besitz extrem brutaler Kinderpornografie verurteilt worden waren, mit den Kindern ihrer Lebensgefährtinnen zusammenlebten. Im Fall Münster wies das Gericht das Jugendamt sogar an, sich aus der Familie zurückzuziehen.
Jemand, der Missbrauchsdarstellungen konsumiert, ist ja schon Täter. Und es ist mir schwer begreiflich, dass die Richter und Richterinnen offenbar nicht verstanden haben, welcher Gefahr sie das Kind mit ihrer Entscheidung ausgesetzt haben. Am Familiengericht müsste man das eigentlich wissen, aber diese Themen sind eben nicht Bestandteil der Ausbildung von Juristinnen und Juristen. Sexueller Missbrauch ist ja noch nicht mal Bestandteil der Ausbildung von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern. Wir haben schon vor über zehn Jahren gefordert, dass alle, die beruflich mit dem Thema Missbrauch zu tun haben, dafür sehr gut geschult sein müssen. Ich erinnere mich an einen Fall, da hat ein Richter, der fünf Kinder wieder zurück in die Missbrauchs-Familie geschickt hat, in sein Urteil geschrieben: „Kinder werden schicksalhaft in ihre Familie geboren und es ist nicht Sache der Behörden, dies zu ändern.“ Solange so etwas möglich ist, läuft im System etwas komplett schief. 

Das ganze Interview ist in der aktuellen EMMA zu lesen. Ausgabe hier bestellen!

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Die Kinder von Lügde

„Für die Würde der Kinder“ - diese Installation aus Schuhen erinnert an die Opfer.
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Das kleinste Paar Schuhe ist himmelblau und hat Schuhgröße 22. Die Schühchen würden einer Dreijährigen passen. Das kleinste Kind, an dem sich Andreas V. in seiner Bruchbude auf dem Campingplatz von Lügde verging, ist gerade mal ein Jahr älter. Ein vierjähriges Mädchen war das jüngste Opfer des Serientäters und seiner Komplizen, das älteste 13.

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Man kann und mag sich kaum vorstellen, was auf diesem Campingplatz passiert ist. Aber wenn man auf diese 50 Paar Schuhe schaut, die mitten in der Hamelner Fußgängerzone vor der Marktkirche St. Nikolai aufgestellt sind, rückt das Grauen beklemmend nah. Blaue Gummistiefel mit Dinosauriern drauf, kleine rosa Crocs, noch kleinere weiße Ballerinas, lila Schläppchen mit schielenden Stoffaugen. Und in jedem dieser Schuhpaare steckt ein Kind. Das zu begreifen, ganz konkret, darum geht es hier bei dieser Aktion.

Als die Kirchenglocke fünf schlägt, ergreift eine kleine, zarte Frau um die fünfzig das Wort. „Wenn von sexuellem Missbrauch die Rede ist, geht es häufig um die Täter“, sagt sie, so laut sie kann, in Richtung der vorbei­eilenden Passanten. „Uns geht es um die Kinder.“ Und dann schweigen die rund 30 Frauen und Männer, die sich um die Schuhe herum aufgestellt haben. Ihre Transparente bilden die Außenwände dieser ungewöhnlichen Installation. „Entsetzen, Trauer, Scham“ steht darauf, „Für die Würde der Kinder“ und „Schweigen für die Kinder von Lügde“.

Ina und Andreas Tolksdorf. Foto: Clara Fischlein
Ina und Andreas Tolksdorf. Foto: Clara Fischlein

An jedem ersten Mittwoch im Monat stehen sie hier und schweigen eine halbe Stunde lang. Warum Schweigen? Haben die Kinder, die Opfer von Andre­as V. geworden sind, nicht viel zu lange geschwiegen? Und erst recht die Leute auf dem Campingplatz, die vom Treiben des Täters doch etwas mitbekommen haben müssen? Ist es nicht gerade das Schweigen, sei es aus Angst oder aus Gleichgültigkeit, das Aufklärung verhindert? Ja, eigentlich.  

Aber nachdem der Fall Lügde im Januar 2019 bekannt wurde, wurde pausenlos geredet. Eine Schlagzeile jagte die nächste, eine Pressekonferenz folgte der anderen, NRW-Innenminister Reul gab hastig Statement nach Statement ab. Es war ja auch schockierend, was da alles ans Tageslicht kam. Das Hamelner Jugendamt, das diesem verwahrlosten Mann ohne eigenes Einkommen allen Ernstes ein Pflegekind anvertraut und anschließend die Akten frisiert hatte; zig Hinweise auf sexuellen Missbrauch, die alle zwischen Jugendamt und Polizei versandet waren; der Koffer mit 155 CDs, der aus dem Polizeirevier verschwunden war; weitere CDs, die Bauarbeiter erst bei den Abbrucharbeiten entdeckten. Über all das wurde geredet. Nur über eins nicht: die Kinder.

„Die Kinder sind aus dem Fokus gerutscht“, sagt Ina Tolksdorf, eine der InitiatorInnen der Schuh-­Aktion. Wie geht es den Kindern jetzt? Bekommen sie Unterstützung, zum Beispiel eine Therapie? Werden sie von der Polizei einfühlsam und kindgerecht befragt? Müssen sie im Prozess, der jetzt beginnen soll, noch einmal aus­sagen? (...)

Den vollständigen Artikel in der Juli/August EMMA 2019 lesen.

Im Netz
www.kinder-von-luegde.de
www.tour41.net
www.schule-gegen-sexuelle-gewalt.de

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