Neuer HPV-Test ist eine Mogelpackung!

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Humane Papillomviren flogen in Deutschland bislang unter dem Radar. Etwa ein Drittel aller Frauen verzichtet gänzlich auf die Vorsorge. Und das, obwohl 1.500 Frauen jährlich daran sterben. Krebsfrüherkennung, das bedeutete bisher: ein jährlicher von der Krankenkasse bezahlter PAP-Abstrich zum Nachweis schon auffälliger Zellen am Gebärmutterhals.

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Nun tritt ein neuer Kombi-Test, bestehend aus PAP- und HPV-Test im Rahmen einer Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) für organisiertes Zervixkarzinomscreening (Gebärmutterhalskrebsscreening) in Kraft. Die größte Neuerung: ein unterschiedliches Vorgehen bei jungen und älteren Frauen.

Für Frauen zwischen 20 und 34 zahlen die Kassen weiter jährlich den PAP-Test. Frauen ab 35 Jahren hingegen wird nur noch alle drei Jahre der Kombi-Test bezahlt. Die Botschaft an diese Frauen: Ihr müsst nur noch alle drei Jahre zur Vorsorge! Na prima, scheint also nicht so wichtig zu sein, oder? Weit gefehlt.

Dr. Doris Scharel sieht Nachteile in dem neuen Test.
Dr. Scharrel erklärt die Nachteile des neuen Tests.

Warum Frauen bei ihren Krankenkassen darum kämpfen sollten, auch den PAP-Test weiterhin jährlich zu bekommen, erklärt Dr. Doris Scharrel, die zweite Vorsitzende des Berufsverbandes der Frauenärzte. Denn entgegen der recht positiv ausfallenden Berichterstattung zum neuen Test, sieht der Verband der Frauenärzte darin vor allem eines: eine Mogelpackung.

In den Medien ist immer von den Vorteilen des neuen Kombi-Tests die Rede. Welche sehen Sie darin?
Ein Vorteil ist, dass Frauen wie beim Darmkrebs- oder Mammografie-Screening nun auch durch die Krankenkassen organisiert zum Zervix-Karzinom-Screening eingeladen werden. Die Gefahr, die von Humanen Papillomviren bei der Entstehung von Gebärmutterhalskrebs ausgeht, soll so deutlicher werden. Auf die Vorsorge wurde bislang nicht ausreichend hingewiesen. Das war es aber auch schon.

Was sind die Nachteile?
Für junge Frauen bleibt alles beim Alten, aber für Frauen ab 35 wird es brenzlig. Und gerade die sind in der größeren Risikogruppe für Gebärmutterhalskrebs. Es fängt schon bei den Frauen an, die keine Gebärmutter mehr haben. Die Krankenkassen zahlen den Abstrich und die Zelluntersuchung nicht mehr – kein Gebärmutterhals, kein Screening auf Gebärmutterhalskrebs. Bislang wurden auch nach einer totalen Gebärmutterentfernung Abstriche gemacht, die Aufschluss über Erkrankungen geben können. Denn auch ohne Gebärmutter kann sehr wohl noch Krebs entstehen, zum Beispiel am Scheidengrund. Ganz fatal finde ich das verlängerte Intervall von drei Jahren. Das vermittelt Frauen, dass Krebsfrüherkennung nicht so wichtig ist. Und: Man übersieht schnell dabei, dass jede Frau jedes Jahr einen Anspruch auf eine Krebsfrüherkennungsuntersuchung hat. Wie oft wird bei so langen Zeitabständen ein Termin vergessen oder findet ein Arztwechsel statt?

Und wenn eine Frau zu mir in die Praxis kommt, dann finde ich es nicht in Ordnung zu sagen: Kommen Sie in drei Jahren wieder oder zahlen Sie die Tests, die jetzt notwendig sind, doch selbst. Wir Frauenärztinnen sind empört. Das entspricht nicht unserem medizinischen Verständnis und geht in keinem Fall auf die Verunsicherung der Frauen ein! Und dann kommt noch ein großes Problem hinzu: Die Abklärungskolposkopie (Anm. d. Red.: eine mikroskopische Untersuchung des Muttermundes) bei einem auffälligen Befund. Diese Untersuchung dürfen ab sofort nur noch SpezialistInnen mit einer persönlichen Qualifikation und speziellen Geräten machen. Die klinischen Zentren, die sogenannten Dysplasie-Einheiten, nehmen häufig nicht an der vertragsärztlichen Versorgung teil und dürfen diese Leistung nicht erbringen. Es ist zurzeit nicht bekannt, wie viele GynäkologInnen in Deutschland überhaupt diese Befähigung haben. Aber wir können schon sagen, wie viele Abklärungskolposkopien pro Jahr auflaufen werden: 220.000!

Das lässt ja tief blicken …
Hinzu kommen noch die ganzen organisatorischen Probleme vor Ort in den Praxen. Ein Screening bedeutet auch, dass Frauen dem digitalen Datentransfer - zur statistischen Aufarbeitung des Screenings - zustimmen müssen. Aber was mache ich als Ärztin, wenn eine Frau sich auf den Datenschutz beruft und das nicht möchte? Die datenschutzrechtlichen Probleme sind noch nicht einmal ansatzweise geklärt. Es gibt bereits aus allen Bundesländern große Kritik von DatenschützerInnen.

Was muss passieren?
Natürlich versuchen wir vom Verband der Frauenärzte politisch einzuwirken. Es sind aber vor allem die Frauen selbst, die sich wehren müssen. Sie sollten bei ihrer Krankenkasse darum kämpfen, den PAP-Test weiterhin jährlich zu erhalten – und auch erstattet zu bekommen. Die Krankenkassen müssen erkennen, dass es absoluter Patientenwille ist. Die ganzen Änderungen in den Richtlinien entstehen ja durch den Anstoß der Kostenträger. Sie wollten bei den Präventivleistungen einsparen. Die noch viel größeren Gewinner sind die Hersteller der HPV-Tests.

Die Patientinnen scheinen die geringste Rolle zu spielen…
Ja, in der Tat. Besonders verwerflich finde ich, dass persönliche Schicksale ausgeklammert werden. Wenn man sagt: MIT Screening haben wir vier Frauen, die sterben, OHNE Screening sind es fünf. Das sind dann keine überzeugenden Zahlen. Aber wenn Sie die fünfte Frau sind, dann sehen Sie die Sache ganz anders. Meine Botschaft: Frauen müssen sich wehren, und sei es mit der Drohung, die Krankenkasse zu wechseln. Und sie müssen erkennen, dass der neue Kombitest nicht die Untersuchung zur Krebsfrüherkennung ersetzt. Dazu gehört die Tast-Untersuchung, die Beratung, die Abstriche, etc. - und das muss jährlich passieren. Das ist lebenswichtig!

 

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„Wir könnten 90 Prozent verhindern!“

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Anfang der 1970er-Jahre zeigte mir meine Mutter das Krankenscheinheft ihrer Krankenkasse. Es gab ein neues zusätzliches ­Formular für die „Gynäkologische Krebsfrüher­kennungs-Untersuchung“. Alle Frauen ab dem 20. Lebens­­jahr bekamen damit einen Anspruch auf eine Vorsorgeuntersuchung pro Jahr. Eine Art echte Lebensversicherung, wie sich bald herausstellen sollte. Als kleines Mädchen beruhigte mich die Möglichkeit sehr, Krebserkrankungen verhindern zu können, da Krebs in meiner Familie vorkam, was mir große Sorgen bereitete und Angst machte.

Vor 50 Jahren zählte der Gebärmutterhalskrebs mit jährlich etwa 30.000 Fällen zu den häufigen Erkrankungen in Deutschland. Das war etwa zwei- bis dreimal so viel wie in Ländern wie Holland, Finnland oder Schweden. Das besonders Bedrohliche am „Unterleibskrebs“: Er konnte bereits junge Frauen betreffen. Bei ihnen nahm die Erkrankung oft einen besonders schnellen, tödlichen Verlauf.

Wissenschaftliche Untersuchungen haben bewiesen: Bei einer regelmäßigen jährlichen Teilnahme aller Frauen am Screening werden 90 Prozent der Fälle von Gebärmutterhalskrebs verhindert.

Aber warum sterben heute in Deutschland immer noch jährlich 1.500 Frauen an Gebärmutterhalskrebs? Die meisten Fälle hätten vermieden werden können. Denn die überwiegende Zahl der Betroffenen hatte nicht am KFU-Programm teilgenommen.

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